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Das Mitternachtsvolk

Ach ja, die Gouvernanten … Müssen die denn alle so zickig sein? Nach Mary Poppins lernen wir heute einen weiteren Kinderschreck, einen Skorpion mit missbrauchter Verantwortung kennen. Aber nein, während Mary Poppins sich schlussendlich um die Kinder kümmert, ist Skorpion Tausendschön in Wirklichkeit ein echtes Ekelvieh.

Sylvia Tausendschön wird vielleicht nicht geliebt, aber geschätzt und respektiert. Von den anderen Einwohnern des kleinen Ortes, in dem Kay Harker auf seinem halb heruntergekommenen Landsitz aufwächst, denn sie parliert freundlich mit allen. Und schließlich kümmert sie sich ja um die kleine Waise, gibt Kay Unterricht, beaufsichtigt das Personal, steht dem Haushalt vor und hält auch den Vormund des Jungen auf dem Laufenden. Ein verantwortungsvoller Job – da kann man doch nur gut sein, oder?

Schein und sein

Rose Tausendschön/Foto: Ulf Eliasson/Wikicommons

Tausendschön ist eine Rose – eine Kreuzung aus zwei anderen Rosensorten. So schön wie diese Blume ist die Hexe aber nicht anzusehen … und in ihrem Herzen sowieso nicht!

Sylvia Tausendschön (das sind übrigens ihre Vornamen, einen Nachnamen gibt es nicht) hat nach Ansicht Kay Harkers nichts von der schönen Rose Tausendschön, in seinen Augen ist sie mehr ein Rhododendron. Und das ist schon das erste Indiz, dass mit der Dame nicht alles gut und schön ist, sondern sie einen Stachel unter ihrem Rock verbirgt, den sie auch gerne rausholt, wenn es denn sein muss.

Geheimnisvoll wirkt sie, aber als Kind macht man sich keine Gedanken darum. Gestreng ist sie auch, eine Frau mit Prinzipien, wie etwa, dass Schweinepastete definitiv keine Speise für ein Kind sei, Kay soll stattdessen ein Ei essen, so wie andere Jungen auch … Man kann nicht mit ihr diskutieren, denn sie hat in jedem Fall recht. Und ein Kind hat ja sowieso keine Ahnung und weiß nicht, was gut für es ist. Kay hat gelernt, sich in Acht zu nehmen vor unverhofften Tadeln, Strafen oder auch dem Versuch, ihm  mit dem Pantoffel eins mitzugeben.

Miss Tausendschön – wie sie immer genannt wird – ist vielleicht nicht der offensichtlichste Skorpion. Zu schnell könnte man aufgrund ihrer Position meinen, dass sie einfach nur gut ihren Job macht. Schließlich hört man ja allerorten, dass man in der Erziehung eine klare Struktur haben solle und die Führung eines ganzen Haushalts ist schließlich ebenfalls ein Managementposten. Und da sie nach außen hin nicht so offensichtlich zickig ist wie ihre Kollegin Mary Poppins, merkt man nicht so leicht, dass man es hier mit einem kompromisslosen, egoistischen Skorpion zu tun hat.

Enttarntes Stacheltier

Auch Kay schnallt erst nach und nach, wen er da zu seiner Erziehung hat. Als ein ganzer Braten wegkommt und Stimmengewirr des Nachts durch’s Haus weht, fragt sich Kay das erste Mal, was hier vor sich geht. Auf die Idee, seine Gouvernante könne dahinterstecken, kommt er aber noch lange nicht. Das ist auch schwer: Schließlich ist Sylvia Tausendschön tagsüber eine große, stattliche Frau, die mit stolzer Miene herumläuft. Nachts aber, nach ihrer „Umwandlung“, sieht man eine hässliche Hexe, die skrupellos ihr Ziel verfolgt. „Schwester Raffer“ wird sie dann von ihren Kumpaninnen und dem ebenfalls bösen Abner Brown genannt – und das trifft ihre wahre Natur weit eindeutiger als ihr Gouvernantenname.

Und so kommt bei Miss Tausendschön einige zu stark ausgeprägte Seiten des Skorpions zum Tragen: Vollkommen kompromisslos und zielorientiert versucht sie mit aller Kraft und Tatendrang, an den Harker-Schatz zu gelangen. Dafür malträtiert sie Eulen, foltert Katzen und ist sogar bereit, Kay niederzuwalzen. Zudem lässt sie sich nicht in die Karten schauen und ist so geheim wie nur was. Das passt natürlich richtig gut zu ihrer kriminellen Ader.

Das kommt allerdings erst nach und nach heraus. Sie hat, wie jeder Skorpion, enorme Energie und eine Leidenschaft für das, was sie tut. An sich eine gute Eigenschaft wird diese aber im Fall der Gouvernante zu einem Werkzeug der kriminellen Ader von Sylvia Tausendschön.

Wider den „Skorpionanfall“

Eine Idee zu haben und diese konsequent zu verfolgen, ist ja grundsätzlich gut. Erst einmal hat jeder von uns das Recht, etwas erreichen zu wollen. Das aber mit unlauteren Mitteln und vollkommen uneinsichtig zu tun, dagegen gibt es Gesetze und ethische Vorbehalte – mit gutem Grund. Und seine Ziele wie Sylvia Tausendschön ohne Rücksicht auf Verluste zu verfolgen, das sollte man sich auch gut überlegen – schließlich sitzt keiner von uns alleine auf einer Insel und kann tun und lassen, was er oder sie will.

Falls ihr also mal einen großen „Skorpionanfall“ von „Ich will aber jetzt …“ habt, geht noch einmal in euch und fragt euch, ob es wirklich notwendig ist, jetzt rücksichtslos loszulaufen und euren Dickschädel durchzusetzen oder ob ihr lieber einen kooperativen Weg wählt und so vielleicht sogar mit Unterstützung euren Weg gehen könnt.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Das Mitternachtsvolk
Autor John Masefield
Seiten 260
Ausstattung Hardcover
Verlag Hobbit Presse/Klett-Cotta
Jahr 1989

Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.
 


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Foto: © Ulf Eliasson epibase/CC-by-2.5


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