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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Mitte der Welt

Vor ein paar Jahren reiste eine Freundin von mir mit ihrer Schwester zusammen ins wunderschöne Costa Rica. Sie bezogen ihr Zimmer im Hostel und als sie es sich gerade gemütlich machen wollten, kraspelte es plötzlich an der Decke und eh sie sich versahen,  plumpsten scheinbar aus dem Himmel zwei kämpfende Skorpione in ihr Bett. Wie sich herausstellte, befand sich direkt über ihnen ein Skorpion – Nest. So wie die beiden muss sich auch der 17- jährige Phil fühlen, denn auch er ist von Skorpionen umzingelt. Allerdings von menschlichen.

Die beiden kämpfenden Tiere könnten sehr gut seine Mutter Glass und seine Schwester Dianne sein. Beide sind gleichermaßen stur, dickköpfig und lieben es, aus allen Situationen und Gelegenheiten die negativen Aspekte herauszufiltern. Dabei entwickeln sie ein ganz besonderes Gespür dafür, was bei der Hervorhebung aller Nachteile die jeweils andere Person besonders tief treffen wird. Das Ergebnis ist ein fast permanenter Streit. Phil als dritter in diesem Haushalt steckt natürlich genau zwischen den Fronten und weiß meistens nicht, wie er sich verhalten soll. Denn wie es mit Skorpionen oft so ist – beschwichtigen lassen sie sich äußerst ungern.

So ähnlich sich die beiden in ihrer Kampfeslust sind, so unterschiedlich sind ihre anderen Eigenschaften: Glass ist extrovertiert, wild, aber auch charmant. Wenn sie will, kann sie andere Leute problemlos um den Finger wickeln. Dass sie mit ihren beiden Kinder allein in einem einsam gelegenen Schloss in einiger Entfernung zum Dorf lebt, verleiht ihr in den Augen der Dorfbewohner die für Skorpione typische mystische Aura. Sie hat etwas von einer Königin und einer Hexe. Denn was diese Figuren verbindet ist, dass sie in der Regel allein entscheiden, was Phase ist. So mag es auch Glass.

Dianne dagegen ist den meisten Menschen gegenüber eher introvertiert. Sie zieht sich oft zurück, spricht wenig und was immer sie tut, tut sie ohne das Wissen oder gar die Beteiligung ihres Bruders oder ihrer Mutter. Beide kennen weder ihre Freunde, noch ihre Interessen, weil sie beides ihnen gegenüber sorgsam verschlossen hält. Versuchen sie, etwas aus ihr herauszukitzeln – und eigentlich hat nur noch Phil an und zu die Muße dazu – setzt sie ihren Stachel ein und verteilt ihr Gift. Ihre Anziehungskraft bezieht sich eher auf Tiere. Aus irgendwelchen Gründen suchen alle Tiere ihre Nähe und sie scheint auch irgendwie mit ihnen zu kommunizieren. Ein Umstand, der ihr gar nicht unbedingt gefällt, den sie aber ab und zu zu nutzen weiß. Das also ist ihre mysteriöse Seite.

Drei sind einer zu viel

Und dann gibt es auch noch Nicholas – der dritte Skorpion im Nest. Nicholas ist ein Junge aus Phils Schule, in den er sich unsterblich verliebt. Die beiden fangen an, ein bisschen rumzumachen, treffen sich heimlich und Phil erhofft sich die große Liebe. Aber Nicholas ist eigen. Abgesehen davon, dass Nicholas die Heimlichkeit auf keinen Fall verlassen will, möchte er sich auch in puncto Phil einfach nicht festlegen. Ja, nein, ja, nein ist seine Devise. Dass er seine eigenen Regeln für seine privaten Beziehungen aufstellt, würde Phil vielleicht noch nicht so sehr stören, aber dass er über seine Regeln konsequent verschweigt, macht die Sache schwierig. Aber Nicholas genießt es ausführlich, die Fäden in der Hand zu halten und Phil ab und zu tanzen zu lassen. Falls Phil doch mal eigene Wünsche anmeldet, hat Nicholas eine tolle Methode: Da er genau weiß, dass Phil Angst hat, ihn völlig zu verlieren, bricht er ab und zu einen kleinen Streit vom Zaun, um ihn wieder auf Spur zu bringen. Funktioniert immer.

Ich glaube, wir sind uns einig: Phil ist nicht zu beneiden. Er kämpft tapfer an allen Fronten, aber gegen Scheren und Stachel kommt er nicht an. Kein Wunder, dass er den Spinnentieren am Ende der Geschichte die Wüste überlässt und sich auf ein Schiff Richtung Übersee begibt.

Was uns nicht sticht, macht uns härter

Phil gelingt es am Ende, mit allen drei Skorpionen zumindest seinen Frieden zu machen. So unangenehm das Zusammenleben mit Skorpionen manchmal sein kann, wenn man sich aber am Ende doch nicht unterkriegen lässt, kann man gestärkt aus ihnen hervorgehen. Oder platt ausgedrückt: wer es mit ihnen aushält, schafft es überall. Daher folgt der jetzt übliche Appell nicht nur an die Skorpione, sondern auch an ihre Weggefährten. Ersteren sei gesagt, dass sie gut daran täten, ihre Waffen ab und zu stillzulegen und dem jeweiligen Gegenüber zuzuhören. Denn trotz Charme und Anziehungskraft ist es schon vorgekommen, dass sie plötzlich zurückgelassen wurden.

Den Freunden möchte ich mit auf den Weg geben: lasst euch nicht unterkriegen und sagt eure Meinung. Aber macht euch bewusst: ein Skorpion, der sich einmal in eurem Herzen eingenistet hat, wird es so leicht nicht mehr verlassen.

 

Titel Die Mitte der Welt
Autor Andreas Steinhöfel
Seiten 457
Ausstattung Hardcover
Verlag Carlsen
Jahr 1998

 


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