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Mary Poppins öffnet die Tür

Ein Kindermädchen sollte idealerweise Kinder mögen, etwas von Erziehung verstehen, bereit sein, im Haus seiner Schützlinge zu wohnen und auch mit Eltern jedweder Gemütslage umgehen können. Ein gutes Kindermädchen zu finden, ist schwer. Meint zumindest Missis Banks. Denn seit ihr letztes, sehr beliebtes, Kindermädchen ohne Kündigung und sonstige Formalitäten das Weite suchte, benehmen sich die fünf Sprösslinge nicht mehr, der Ehemann ist unzufrieden und die restlichen Angestellten nehmen sich auch zu viele Sachen heraus. Und so droht sie den Kindern an, jetzt eine Annonce aufzugeben und wenn das nichts hilft, dann soll die alte Kinderfrau des Vaters kommen – der Alptraum schlechthin für den Nachwuchs im Hause Banks.

Aber dann gehen die Kinder mit dem Schornsteinfeger in den Park, um die Raketen anlässlich des Guy-Fawkes-Tages abzubrennen. Und die allerletzte Rakete macht den Wunsch der Kinder wahr. Das tolle Kindermädchen schwebt vom Himmel herab und landet in einem Baum, adrett und spitznasig wie immer: Mary Poppins.

Wiedersehensfreude

Besonders Jane und Michael freuen sich ein Loch in den Bauch. Nun wird alles gut und so schön wie damals, als Mary schon einmal da war, um sich um sie zu kümmern. Sie rufen ihr „Schön, dass du wieder da bist“ zu und ernten die leise Andeutung eines Lächelns, das sofort von missbilligenden Worten verdrängt wird – ein „Hallo“ gibt es nicht.

Stattdessen klettert das grazile Fräulein aus dem Baum, fährt den Stachel aus und meckert die gesamte Bande an, warum sie sich so spät noch im Park herumtreibe und nicht als ordentliche Kinder im Bett seien, pflaumt den Parkaufseher an, nicht so neugierig zu sein und scheucht die Kinderlein nach Hause.

Nähe – ohne mich

Man ahnt es schon, auch wenn man die ersten Bände nicht kennen sollte: Mary Poppins ist kein sanftmütiges Kindermädchen. Sie ist kein warmes Menschenwesen, an das man sich kuscheln kann und das einen tröstet oder sich mit einem über irgendetwas scheckig lacht.

Nein, Mary Poppins ist ganz anders. Scharfsinnig, ordentlich, geheimnisvoll und barsch, bissig und streng, selten lächelnd, doch auch mitleidig und irgendwie gerechten Sinnes. Ihre Arbeit macht sie sehr gut und gründlich, man sieht sie selten müßig. Mit Missis und Mister Banks, den Eltern, kommt sie gut aus. Auch die anderen Erwachsenen respektieren sie. Und die Kinder gehorchen weitgehend aufs Wort, wenn sie etwas sagt – und hinterfragen selten, was sie mit ihr erleben. Das geschieht aus einer Mischung aus Respekt vor Mary und Angst, angemeckert zu werden.

Da geht sie etwa mit den beiden älteren Kindern zu ihrem Cousin Fred, der seinen Wunschtag hat. An diesem Tag hat er sieben Wünsche frei und die Kinder und Mary erleben, wie er zum Teil aus Versehen Dinge wünscht, aber auch ein paar Wünsche äußert, die gut und hilfreich sind. Sie fahren mit dem Vetter auf Spieldosen umher und ein jeder findet seine ganz persönliche Melodie. Die Kinder sind begeistert – und wie Kinder es nun einmal tun, schwärmen sie auch noch auf dem Heimweg darüber, wie toll das alles war. Bis, ja, bis Mary Poppins ihnen über den Mund fährt und sich laut fragt, wie sich die beiden bloß erdreisten können, solchen Quatsch über ihren respektablen Vetter zu erzählen.

Tief verborgene Gefühle

Auf der anderen Seite hat Mary Poppins durchaus Mitgefühl, zeigt sich menschlich: Eines Tages sind Mary und die Kinder im Park, als plötzlich eine Statue lebendig wird. Es ist ein Junge mit einem Delfin. vor ihrem Sockel ist eine Parkbank und an diesem Nachmittag saß dort ein Herr, der ein Buch las. Leider stand er plötzlich auf. Der Junge merkte im gleichen Augenblick, dass er lebendig wurde und beklagte sich, dass er das Buch nicht weiterlesen könne.

Mary sagt ihm im Verlauf der Geschichte, dass er eigentlich gar nicht herumzulaufen, sondern auf seinem Sockel zu stehen habe. Aber der Junge bittet um einen Nachmittag mit den Kindern – und statt wie sonst streng zu sein, bekommt Mary Poppins einen weichen Gesichtsausdruck, sie hat Mitleid mit dem Jungen und erlaubt ihm, einen Nachmittag lang mit den Kindern zu spielen. Dann muss er wieder auf seine Säule, für immer.

Niemals ohne Mary

Trotz ihrer schroffen Art, ihrer Ablehnung von Nähe, dem spärlichen Lächeln und all dem Leugnen der tollen Sachen, die vor allen Dingen Jane und Michael mit ihr erleben, trotz alledem mag jeder das Kindermädchen. Vom kleinsten Tierchen bis zu den interessantesten Wesen können alle Mary Poppins gut leiden. Niemand nimmt es ihr krumm, dass sie kommt und geht, wie es ihr passt. Alle freuen sich ohne Ende, wenn sie da ist und fragen nicht, warum sie weg war.

Auch Familie Banks fragt nicht, warum sie mehrmals ohne Kündigung gegangen war. Michael und Jane stecken die Rüffeleien einfach weg, schließlich sind die fantastischen Dinge, die sie mit ihrem Kinderfräulein erleben, jegliches Gemecker in Gold wert.

Ein Ego, so groß wie das All

Mary verfügt neben all ihren anderen Vorzügen über ein riesengroßes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Sie weiß, was sie tut und wer sie ist. Selbstzweifel gibt es bei ihr nicht. Egal, was passiert: Sie weiß Bescheid und hat im Zweifelsfall auch recht.

Auf Zweifel von anderen, andere Ansichten oder Meinungen reagiert sie angepiekst – oder wie Michael es einmal sagt: „Du bist oft genug wütend, Mary Poppins, mindestens fünfzigmal am Tag!“ Mary sieht das natürlich völlig anders.

Skorpion mit Charme

So ein Skorpion wie Mary Poppins ist nicht immer ein Segen: Das überbordende Selbstbewusstsein in Kombination mit einem verschlossenen Herz kann schnell in die Einsamkeit führen, zu einem Eigenbrötler ohne Freunde, der aber doch von allen gesehen und bewundert werden will. So jemand kann ganz schön anstrengend sein.

Wie gut ist es da, dass die Skorpione irgendwo in ihrer Panzerhaut den Charme und eine gewisse Portion Anziehungskraft haben, die ihnen eine große Beliebtheit sichern. So versteht es sich, dass die Menschen, Tiere und Wesen Mary Poppins mögen, trotz all der Rauheit, die sie an den Tag legt. Sie wird immer wieder als Ehrengast zu Feiern eingeladen – zum Beispiel, weil sie weiß, dass man am Silvesterabend die Märchenbücher offen liegen lassen muss, damit die Wesen darin für eine kurze Zeit lebendig werden können. Mary Poppins ist ein Skorpion, der mit seinem, durchaus widersprüchlichen, Wesen viele Menschen begeistert und anzieht.

Trotzdem: Einem ganz normalen Skorpion ohne geheimnisvolle Verwandten und Zauberkräfte ist doch eher zu raten, manches Mal den Stachel wieder einzuziehen und erst einmal drei Gedanken darauf zu verwenden, ob es jetzt wirklich schon notwendig ist, zu stechen – oder ob die Situation nicht auch weniger derbe ablaufen kann.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Mary Poppins öffnet die Tür
Autor P. L. Travers
Seiten 191
Ausstattung Hardcover
Verlag Cecilie Dressler Verlag
Jahr o.J.

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