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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Tyll

Ich habe mich noch nie für historische Romane interessiert und politische Verwicklungen, die Könige und Kaiser, Thronfolger, Geistliche und anderes Gesocks gestalten oder denen sie einfach nur unterliegen, waren mir immer ein Greuel. Trotzdessen griff ich kürzlich zu einem Roman, der all das eigentlich furchtbare in sich vereint und das Unerwartete geschah. Mitten in den Wirren des 30- jährigen Krieges zwickte mir ein Skorpion in die Nase. Und von dem will ich nun erzählen …

Ein Schelm, der hierbei Böses denkt …

Tyll Ulenspiegel heißt der junge Mann und sein Name erinnert nicht zufällig an den legendären Narren, der angeblich in Deutschland sein Unwesen trieb. Obwohl Tyll gut 200 Jahre später lebt als sein Vorbild Till, haben die beiden doch eine Menge gemein: sie reisen herum, tragen bunte Klamotten und treiben unterhaltsame bis ganz schön fiese Späße, mit denen sie von einfachen Leuten bis hin zu Adligen vor niemandem Halt machen.

Dieser Tyll also lebt zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als in Deutschland und darüber hinaus ein Krieg tobt, wie niemand ihn zuvor gesehen hat. Er ist der Sohn eines Müllers, der Heilsprüche sammelt und daraufhin wegen Ketzerei hingerichtet wird. Seine Mutter, infolgedessen mittellos und geächtet, geht dahin und kommt nicht wieder. Zum Glück ist Tyll selbst auch nicht wie alle anderen. Seit frühester Kindheit interessiert er sich für das Seiltanzen, jongliert mit Hingabe und ist sonst zu nix zu gebrauchen. Schlau ist er, aber klein und schmächtig. Nutzlos für das einfache Volk.

Nachdem er also auf sich allein gestellt ist, zieht er los ins Ungewisse. Eine Bauerntochter begleitet ihn, weil auch sie für sich keine Zukunft in ihrer Heimat sieht. Mit Hilfe anderer Gaukler verfeinert er sein Können und eines Tages ist er der berühmteste Angehörige des fahrenden Volkes zu dieser Zeit. Von ihm geht etwas magisches aus. Die Art und Weise, wie er singt, Geschichten erzählt und vor allem über aller Leute Köpfe tanzt und jongliert, fesselt Jung und Alt. Alle wollen mit ihm reden, seine Tricks lernen oder ihn als Hofnarren engagieren. Doch Tyll ist unnahbar. Einzig Nele, die Bauerntochter, die immer noch bei ihm ist, kennt ihn. Doch auch sie verrät nichts über ihn. Das gießt natürlich noch mehr Öl ins Feuer der Legendenbildung.

Ein stacheliger Zeitgenosse

Dabei ist Tyll keineswegs immer charmant. Sogar höchst selten begegnet er den Menschen liebenswürdig und zuvorkommend. Eher zieht er sie auf, ärgert, moppt oder provoziert sie. Er erkennt mit einem Blick ihre Schwächen und nutzt dieses Wissen dann gnadenlos aus. So verhält er sich auch dem Adel gegenüber. Kein Wunder, dass diese Art auf höchste Weise polarisiert. Die einen lieben und bewundern seine Offenheit, die anderen fühlen sich (zu Recht) verarscht. Als er den Stadtkommandanten von Brünn beleidigt, zieht er ihn als Antwort darauf direkt in die Armee ein.  

Tyll ist schwer zu fassen. Er ist beileibe keine Frohnatur. Im Gegenteil, in vielen seiner Scherze, Sprüche und Lieder spiegeln sich Wut und Schmerz über die kriegsgebeutelte Welt wieder. Andererseits ist ihm eine Leidenschaft anzusehen für alles, was er tut, und trotz seiner Gehässigkeit gegenüber den meisten Menschen gibt es einige, die er aufrichtig liebt. Und über alldem schwebt diese nicht greifbare überweltliche Aura. Die, die einen dazu bringt, zu glauben, sein Esel Origines könne wirklich sprechen.

Er ist bei Licht betrachtet eben ein richtiger Skorpion: geheimnisvoll, streitsüchtig, leidenschaftlich und voller Schmerz. Er ist weltfremd und bewegt sich doch sicher und seiltänzerhaft in ihr, nach seinen eigenen Spielregeln. Kompromisse kann er allerdings gar nicht leiden. Denn für einen Skorpion wie Tyll gilt: ganz oder gar nicht. Das sollten auch alle bedenken, die es mit einem Skorpion, wie Tyll einer ist, zu tun haben – dass Himmel und Erde nah beieinander liegen können.

Titel Tyll
Autor Daniel Kehlmann
Seiten 474
Ausstattung Hardcover
Verlag Rowohlt
Jahr 2017

 


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