chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Helle Barden

Karotte Eisengießersohn ist fast zwei Meter groß und wenn er seinen Körperumriss malen sollte, so wird ein V draus. Er ist ein Zwerg, trotz der Größe. Als er immer größer wurde und kaum mehr in die elterlichen Stollen passt, klärt ihn sein Vater auf, dass er ein adoptierter Zwerg ist – und eigentlich ein Mensch. Seine Eltern fanden ihn nämlich bei einer überfallenen Kutsche und nahmen den Säugling bei sich auf.

Es ist ein kleiner Schock für den jungen Mann, aber er fügt sich darein und macht, was ein guter Zwergensohn macht: Er hört auf seinen Vater, der ihm sagt, dass er in die große Stadt Ankh Morpork gehen und Wächter werden soll. Der Vater hat schon alles arrangiert. Und dann gibt der Vater ihm ein Schwert, dass man neben ihm bei der Kutsche gefunden hat. Es ist ein gutes Schwert, kein juwelenbeladenes Ding, mit dem man nichts anfangen kann, sondern ein richtiges, gut ausbalaciertes Schwert.

Aus dem Wald ins Stadtleben

Dass der Riesenzwerg schließlich wirklich in der Stadt landet und auch in der Wache anfängt, scheint fast ein Wunder: Karotte wirkt in Wachen! Wachen! von Terry Pratchett noch so richtig wie ein Hinterwäldler, einfach gestrickt, fast naiv, vertrauensselig. Und doch zeigt sich hier schon, was für ein Steinbock in ihm steckt: unerschrocken rettet er eine junge Frau vor irgendwelchen Taugenichtsen – um dann mit ihr in ihr Haus zu gehen, dort ein Zimmer zu beziehen, sich zu freuen, dass er dort von der „Hausmutter“ und den anderen jungen Frauen so gut aufgenommen wird. Das Wort Bordell und dessen Bedeutung sind ihm schlichtweg unbekannt – und die jungen Damen machen auch nicht mit ihm rum. Mit der Geretteten macht er Spaziergänge durch die Stadt, zum Beispiel.

Als er seinen Dienst antritt, zeigt sich, was der neue Wächter drauf hat: Er bekam das alte Gesetzbuch von Ankh Morpork geschenkt und hat es auswendig gelernt. Und damit bewaffnet macht er sich auf, ein guter Wächter zu sein: Er verhaftet den Wirt der Geflickten Trommel, weil sich ein Tier (der Bibliothekar der Unsichtbaren Universität) in der Kneipe aufhält, er außerhalb der Sperrstunde geöffnet hat, die falschen Getränke ausschenkt etc. Seine Wächterkollegen verhalten sich, wie Wächter das bis dato tun: Sie kommen, nachdem die Schlägerei vorbei ist, die Karotte mit seiner Aktion ausgelöst hat. Aber der baumstarke Kerl lebt entgegen allen Erwartungen noch!

Im weiteren Verlauf seiner Anfangszeit in der Wache verhaftet er das Oberhaupt der Diebesgilde wegen Diebstahls, versucht, Lord Veterinai, den Patrizier, wegen Falschparkens zu belangen und ganz zum Schluss will er auch noch einen Drachen hinter Gitter bringen.

Kurzum: Obergefreiter Karotte ist DAS Bild eines Steinbocks: Pflichtbewusst erfüllt er seinen Dienst, er fühlt sich verantwortlich für sich, seine Kollegen und vor allen Dingen für die Stadt. Und wenn Karotte sagt, dass er etwas tut, dann macht er es, darauf kann man sich hundertprozentig verlassen.

Glücklicherweise lernt Karotte auch schnell: Er versteht recht bald, wie die Dinge in Ankh Morpork laufen. Dass etwa die Diebesgilde vollkommen legitim ist. Und so besteht er sein erstes Abenteuer und wird gleich zum Korporal befördert.

In „Helle Barden“ trifft man ihn wieder und lernt noch mehr über den Zwerg: Er schreibt regelmäßig seinen Eltern und schickt ihnen einen Teil seines Lohns. Er hat gelernt, dass das Gesetz wichtig ist, aber man manchmal auch die Buchstaben Buchstaben sein lassen muss. Und: Die Leute mögen ihn, den netten jungen Mann, der auch in seiner Freizeit durch die Stadt streift, die Leute fast alle mit Namen kennt und grüßt. Aber sie haben auch Respekt. Und er kommt im Vergleich zu anderen menschlichen Mitgliedern der Wache auch mit Zwergen und Trollen aus: Nach seinem legendären ersten Auftritt in einer Zwergenkneipe genießt er einen guten Ruf bei den Zwergen, die in der Stadt leben. Sie akzeptieren ihn als einen der ihren. Und seine Größe und Stärke können die Trolle akzeptieren.

Mann der Stadt

Das Wichtigste aber ist: Er ist trotz all seiner Erfolge ein bescheidener, ordentlicher, zuverlässiger Menschenzwerg geblieben. Sogar als nach und nach herauskommt, dass Karotte eigentlich der letzte Nachfahre des früheren Königs ist, steckt er die ganzen Beweisstücke ein und „verlegt“ sie. Kennzeichen wie sein Schwert, sein kronenförmiges Muttermal oder die Tatsache, dass er ein Schwert einfach so in Stein stecken kann (und wieder rausziehen), ignoriert er geflissentlich. Er weiß, wer er ist, aber er ist der Ansicht, dass Ankh Morpork einen König so nötig braucht wie ein Fisch ein Fahrrad.

Seine Größe als Mensch/Zwerg zeigt er damit, dass er es einfach nicht nötig hat zu protzen, anzugeben oder hochmütig zu sein. Immer wieder fragt er Menschen nach dem Ursprung des Wortes „Polizist“ und erklärt dann, dass das Wort auf das alte Wort „Polis“ zurückgehe, was „Mann der Stadt“ bedeutet. Und dass will Karotte sein: ein Mann, der seiner Stadt und ihren Menschen dient.

Steinbock ohne Makel

Einen solchen Steinbock wie Karotte wünscht man sich: Alle guten Eigenschaften in einer Person vereint. Aber kein Dogmatismus, keine Ängste, dass ihn irgendwer nicht mag oder blöd findet. Karotte Eisengießersohn ist einfach er selbst. Ein bisschen verschroben, aber er lernt schnell und gut. Okay, er könnte ein bisschen mehr Humor haben und vielleicht besser verstehen, wann jemand ironisch ist. Aber der Kern des Steinbockzwergs ist prima.

Steinböcke, die nicht aus ihrer Haut können, sollten die Geschichten um Karotte lesen und sich ein Scheibchen davon abschneiden. Es würde sie enorm entspannen, vor allen Dingen, wenn sie lernen, sich auf sich selbst verlassen zu können und die Erfahrung machen, dass sei so, wie sie sind, in Ordnung sind. Und dass sie es nicht nötig haben, mit Zepter und Schwert rumzufuchteln, um zu beweisen, dass sie toll sind.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel u.a. Helle Barden
Autor Terry Pratchett
Seiten 378
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Wilhelm Goldmann
Jahr 1996

 


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