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Michel bringt die Welt in Ordnung

Ganz gewiss hat dieser Mann es nicht leicht. Wenn sein Sohn mal wieder den größten Mist von ganz Schweden baut, seine Tochter sich zurückzieht, seine beiden Angestellten flirten gehen und seine Frau in den Kochbereich flüchtet, dann muss er den Laden irgendwie zusammenhalten. Wie er das macht, weiß er wahrscheinlich selber nicht immer ganz genau. Dabei ist doch eigentlich klar: ohne das Pflichtbewusstsein, die Zuverlässigkeit und auch der leicht stoischen Dickköpfigkeit eines Steinbocks würde der emsige Familienvater nicht weit kommen …

Ahnt jemand schon, um wen hier geht? Richtig, die Rede ist von Anton Svensson, dem Mann der fleißigen Alma, dem Chef von Lina und Alfred und natürlich dem Vater der stillen, schüchternen Ida und des wilden, unzähmbaren Michel. Letzteren kennen wir alle, aber was ist eigentlich mit seinem Vater?

Der gute Mann hat die Verantwortung für einen Bauernhof und eine Familie zu tragen. Auch wenn es der Landwirtschaft zu Michels Zeiten vielleicht noch etwas besser ging als heute, war so ein Hof ein ordentliches Stück Arbeit. Logisch, dass die ganze Familie mit anpacken musste. Wenn dazwischen einer ist wie Michel, dann kann die vermeintliche Hilfe ganz schnell mehr Arbeit werden. Oder zumindest bringt sie einen Steinbock ganz schön durcheinander.

Da wäre die Auktion im Nachbardorf. Ein gleichermaßen wichtiges wie spaßiges Ereignis, das sich Vater Anton nicht entgehen lassen kann. Er bereitet sich vor, hat einen genauen Plan von dem, was er kaufen und was er dafür ausgeben möchte. Sein Sohn ist auch mit von der Partie, er bekommt ein bisschen Geld in die Hand und darf sich austoben. Natürlich kauft Michel davon den größten Mist, während Anton versucht, seine Pläne so umzusetzen, wie er sich das vorgestellt hat. Er rackert sich also ab, Michel hat Spaß. Nachdem Anton seine Pläne mehr schlecht als recht umgesetzt hat, regt er sich fürchterlich über Michels vermeintliche Geldverprasserei auf. Allerdings muss er kurze Zeit später eingestehen, dass Michels Einkäufe doch nicht so doof waren: Das einbeinige Huhn entpuppt sich als fleißige Legehenne, die Kuh, die nicht alleine gehen mag, schleppt eine Horde recht ordentlicher Milchkühe zu Michel nach Hause und seiner Mama geht ausgerechnet der Brotschieber kaputt, den Michel auch noch gekauft hat. Toll, was?

So etwas irritiert einen Steinbock natürlich maßlos. Bis alle Kühe gemolken sind, kann Vater Anton gar nicht glauben, was um ihn herum passiert. Doch manchmal ist eine etwas radikalere Aktion genau das, was ein Steinbock braucht. Ihm kann es nicht schaden, wenn er ein bisschen durcheinander geschüttelt wird. Und andersherum kann der zielstrebige, verlässliche Steinbock manchmal mehr Chaos ab, als man ihm zutrauen würde. Denn je häufiger das vorkommt, desto mehr wird das ja auch irgendwie zur Routine.

Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit – diese Eigenschaften schreibt sich Anton Svensson gerne zu. Nicht zu Unrecht: Verantwortung trägt er für die ganze Rasselbande und diese Verantwortung nimmt er sehr ernst. Daher gehört für ihn dazu, seine Pflichten zuverlässig zu erfüllen – schließlich will er für alle der Fels in der Brandung sein, da ist Verlässlichkeit wichtig. Die dem Steinbock zugeschriebene Art, sich zur Erfüllung seiner Pflichten eine gewisse Machtposition zu erarbeiten, erübrigt sich für Anton dadurch, dass seine Machtposition durch seine Vaterschaft ja schon feststeht. Wenn man mal davon absieht, dass seine Macht oft genug geschickt untergraben wird …

Ein wenig Unruhe tut dem Steinbock vielleicht deswegen gut, weil er ein bisschen von seinem Pflichterfüllungseifer loslassen kann. Und möglicherweise auch sieht, dass Dinge auch dann klappen können, wenn er nicht die Verantwortung dafür trägt. Insofern wünschen wir allen Steinböcken einen Michel an ihrer Seite, der ab zu Unfug in sein Leben bringt. Und umgekehrt braucht jeder Michel eigentlich einen Steinbock. Als Fels in der Brandung.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Michel bringt die Welt in Ordnung
Autor Astrid Lindgren
Seiten 148
Ausstattung Hardcover
Verlag Oetinger
Jahr 1970

 


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