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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Ferdinand, der Stier

Im heißblütigen Spanien gibt es bekanntlich keine schönere Aktivität als zu einer Zeit, in der der gemeine Deutsche vor dem Fernseher sitzt, mit seiner Familie in die Arena zu gehen und einen furiosen Stierkampf zu sehen. Folglich gibt es für einen Stier nichts Rühmlicheres als genau dort aufzutreten. Kaum sind die Stiere Spaniens erwachsen, werfen sie sich in die Brust, um den Talentscouts der Arenen positiv aufzufallen und eine vermeintlich große Karriere zu beginnen. Doch einer schwimmt immer gegen den Strom und im Buch von Munro Leaf ist es Ferdinand, der ganz andere Interessen hat.

Stier auf Blumenwiese

Das gefällt Ferdinand: in aller Ruhe an den schönen Blumen schnuppern.

Seit der Stier Ferdinand denken kann, liebt er den Geruch von Blumen. Den ganzen Tag sitzt er auf der Weide und saugt ihren Duft förmlich ein, lässt sich dabei von der Sonne die Nase wärmen und ist glücklich. Seine Mutter lässt ihn gewähren, denn eines weiß sie genau: Solange ihr Ferdi friedlich und langweilig in der Ecke sitzt, kommt kein Scout der Welt auf die Idee, ihn in die Arena zu holen. Was sollte ein Blumenschnupperer denn dort verloren haben. So verbringen die beiden ein glückliches Leben inmitten all der hitzköpfigen Jungspunde, die sich wild gebären, schnauben, kämpfen und den Tag herbeisehnen, an dem sie sich und ihre Kraft präsentieren dürfen.

Die falsche Bewegung zur falschen Zeit

Dass der friedliche Ferdinand dann trotzdem auffällt, liegt an einem kleinen Insekt. Als der große Tag gekommen ist und die Manager der Arena nach Stieren für die nächste Saison suchen, bleibt Ferdinand bei seinen Blumen. Seine Artgenossen rasten förmlich aus, wie Furien jagen sie über die Weide und kämpfen miteinander, was die Hörner hergeben. Die Talentscouts können sich kaum entscheiden und Ferdinand trottet unter seinen Lieblingsbaum, um dort Platz zu nehmen und den Tag zu genießen. Die kleine Biene sieht er gar nicht. Erst als sie ihm in den Allerwertesten sticht, wird ihm ihre Gegenwart schmerzlich bewusst und er steigt wie eine Rakete in die Höhe.

A Stier is born

Den Managern bietet sich ein Anblick, den sie niemals erwartet hätten: Der kleine Stier, der bis eben noch regungslos in der Ecke saß, tobt wie ein Berserker über das Grün. Scheinbar blind vor Zorn räumt er alle anderen aus dem Weg, selbst die großen Stiere gehen vor diesem Wahnsinnigen in Deckung. Er kann sich gar nicht mehr beruhigen und die Männer sind sich sicher: Das ist unser Mann!

So gerät Ferdinand doch tatsächlich in die große Stierkampfarena und soll zur Primetime seine Raserei wiederholen. Die Arenamanager reiben sich schon die Hände, denn das wird ganz sicher die Show des Jahrzehnts. Unter den Toreros machen sich Gerüchte breit, die dazu führen, dass sich die eine Hälfte sich in die Hose pinkelt und die andere sich schon als zukünftige Superhelden sieht. Doch als Ferdinand endlich in die Arena geschleift wird und das Publikum gespannt den Atem anhält, ist der stechende Schmerz längst verebbt. Stattdessen wittert unser Ferdi – Blumen.

Flower Power siegt

Die mit Blumen geschmückten Hüte der feinen Damen in den ersten Reihen sind für den Stier ein olfaktorisches Paradies. Was bleibt unserem Helden dann anderes übrig, als sich einfach wieder hinzusetzen und den Geruch der Blumen in vollen Zügen zu genießen. Tief atmet er ein und aus und kann sein Glück kaum fassen. Fassungslos sind allerdings auch die Picadores, Toreros und nicht zuletzt die Manager. Sie provozieren, stechen und pieksen, doch alles umsonst: Ferdinand hat genug herumgetobt, er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und schwelgt im Wohlgeruch der Damenmode.

Das war’s natürlich mit der Showkarriere. Und so haben ihm die Blumen vermutlich das Leben gerettet. Was Ferdinand als leibhaftiger Stier vielleicht nur unbewusst weiß, ist den Sternzeichenstieren schon lange klar: Wer das Leben genießen kann, gewinnt! Und so macht Ferdinand als doppelter Stier alles richtig: Er lässt sich nicht verrückt machen, weiß, was er am Leben hat und saugt sein Glück förmlich mit den Nüstern auf.

Und wie er ist auch das Sternzeichen mit seiner Liebe für alles Schöne und Leckere auf dieser Welt eigentlich keineswegs ichbezogen, denn wer die Welt genießen kann, will auch für seine Umwelt  nicht ungenießbar sein. Deswegen schätzen wir den Charme und das Einfühlungsvermögen der Stiere – sie wissen einfach was gut ist. Für sich selbst und für ihre Mitmenschen. So war nämlich auch Ferdinands Mutter ganz schön froh, als sie ihren Kleinen auf der Weide zurück hatte!

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Ferdinand der Stier
Autor Munro Leaf
Seiten 72
Ausstattung Hardcover
Verlag Diogenes (Neuauflage, neu übersetzt)
Jahr Ersterscheinung 1936

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Foto: © Annamartha/PIXELIO

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