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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Fremder in einer fremden Welt

Sein Name ist Valentine Michael Smith, er wurde als Mensch geboren und auf dem Mars von Einheimischen aufgezogen. Dadurch ist er nicht wie wir – er sieht nicht nur viel besser aus als wir alle zusammen, seine Sinne sind um einiges schärfer und sein Empfinden ist tiefer als bei uns profanen Menschen. Das macht sich zum Beispiel beim Akt des Genießens bemerkbar: Wenn Valentine in etwas schwelgt, befindet er sich jenseits von gut und böse. Wenn er über etwas staunt, entdeckt er plötzlich alles neu, wie ein Kind. Und wenn er sich über etwas freut, dann leuchtet die ganze Welt. Wer, wenn nicht der Stier, könnte so empfinden?

Valentine Michael Smith wurde bei einer Mars-Expedition seiner Eltern auf dem fernen Planeten zurückgelassen. Bis seine Abholung Jahre später gelang, kümmerten sich Marsianer um ihn – die allerdings über andere Fähigkeiten verfügen als wir Menschen. So kann Valentine nach bester marsianischer Erziehung Gedanken lesen, lange die Luft anhalten und sich erstaunlich gut auf Dinge fokussieren. Egal ob es sich um die Nachrichten handelt oder um den Geschmack eines besonders leckeren Essens.

Letzteres bedarf vielleicht einer genaueren Erklärung: Wenn Valentine etwas tut, dann tut er es mit allen Sinnen und voller Aufmerksamkeit. Er liest etwas mit 100%iger Konzentration und behält als Nebenprodukt dessen alles im Gedächtnis. Er lauscht einer Erzählung und lässt sich dabei durch nichts ablenken. Er isst ein Eis, schmeckt, riecht und sieht nur dieses Eis und nimmt dadurch alles auf, was das Eis zu bieten hat.

Der Stier, der gern genießt und schwelgt, möchte genau das erreichen: die ultimative Wonne, das uneingeschränkte Erfahren von Genuss. In Valentine Michael Smith haben die Stiere dieser Welt ihren Meister gefunden. Von jemandem wie ihm können sie lernen, wie man nicht nur genüsslich, sondern in höchster Konzentration einen Moment erlebt und alles, was er mit sich bringt, in sich aufnimmt. Spitze!

Die irdisch erzogenen Menschen sind von dem Stier vom Mars übrigens äußerst fasziniert – noch nie haben sie jemanden getroffen, der sich einer Sache so hingebungsvoll widmet. Den Frauen in Valentines Umgebung fällt dies vor allem auf, als sie ihn – quasi eine nach der anderen – küssen. Auf die Frage seines Mentors und „Betreuers“, wie der Kuss war, antwortet eine, es sei der beste Kuss, den sie je hatte. Nicht, weil sie in Valentine verliebt sei, sondern, weil sie gemerkt hat, das er sich im Moment des Kusses nur auf diesen und auf nichts anderes konzentriert hat. Sicherlich stößt der Marsianer-Mensch nicht selten auf Verwunderung, wenn er mit den Sinnen eines kleinen Kindes die Welt erforscht. Oft aber mischt sich auch eine Spur Neid in die Verwunderung, denn den meisten ist klar: Die Welt bietet so viel Ablenkung und so viele „Nebengeräusche“, dass eine solche Art der Aufmerksamkeit fast unmöglich ist.

Also, liebe Stiere, was könnt ihr tun? Eine Erziehung durch Marsianer bleibt wohl den allermeisten von euch (und von uns auch) verwehrt. Aber vielleicht können sich die großen Genießer unter euch mal ab und zu ein bisschen besinnen! Wenn ihr eure Sinne einsetzt, um etwas total intensiv zu erleben, dann versucht doch mal wirklich, alles andere auszublenden: kein Fernsehen, kein Smartphone, vielleicht noch nicht mal ein Gespräch nebenher. Nur die vollkommene Konzentration auf euer Empfinden. Betrachtet es als eine Art Meditation. Ich bin sicher, dass das schon das Erleben des Genuss um einiges steigert.

Und unser Tipp an die Nicht-Stiere unter euch: Wenn ihr auf einen derart leidenschaftlichen Mitmenschen trefft, schließt euch seinem Genuss an. Lasst euch mitreißen und anstecken von diesem Wundertier und versucht, ein bisschen was von dem mitzunehmen, was er besonders gut kann: sich für den großen Genuss ein bisschen Zeit nehmen und voller Sinnlichkeit diesen Moment leben!

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Stranger in a Strange Land (en)
Autor Robert A. Heinlein
Seiten  437
Ausstattung  Taschenbuch
Verlag  ACE Science Fiction
Jahr  1961 (Erstausgabe)

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