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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Mord im Gurkenbeet

Oft werden die Stiergeborenen – neben ihrer sympathischen Art – mit ihrer Freude an kulinarischen Genüssen bzw. dem Essen ganz allgemein in Verbindung gebracht – und wie wir hier schon ein paar Mal gesehen haben, stimmt das oft genug. Aber das Leben bietet noch so viele andere Dinge, die man genießen kann: den Sport, den man macht, die Entspannung im Urlaub, seinen Job etc. Und so möchten wir euch heute einen Stier vorstellen, der sich aus Essen fast gar nichts macht, dafür aber aus einigen anderen Dingen: Flavia de Luce.

Zu Beginn der Reihe ist Flavia ein 11-jähriges Mädchen, das mit zwei Schwestern und einem trübsinnigen, Briefmarken sammelnden Vater auf einem alten englischen Herrensitz lebt. Man schreibt die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Das Leben der vier Briten ist bestimmt von der Trauer um die verstorbene Ehefrau und Mutter, dem Bemühen, den altadligen Anforderungen gerecht zu werden und – aus Flavias Sicht – dem ewigen Kampf und Streit und Neid der drei Schwestern miteinander und um die Gunst ihres Vaters.

Soweit scheint dies eine halbwegs normale Familie mit einem traumatischen Erlebnis zu sein. Aber Flavias Schwestern versuchen ihr permanent klarzumachen, dass sie gar nicht ihre echte Schwester ist, dass ihre Mutter sie nur aus Mitleid adoptiert hätte. Gleich zu Beginn der Geschichte treffen wir sie in einem alten Kleiderschrank auf dem Dachboden, in den die älteren Schwestern Flavia eingesperrt haben. Sie rächt sich, indem sie den Lippenstift der einen mit Gift beträufelt … und schon sind wir bei dem, was die kleine Göre als das Angenehmste und Tollste in ihrem Leben empfindet: die Chemie.

Die Schönheit der Elemente

Flavia liebt Chemie. Seit sie entdeckt hat, dass die weiten Hallen ihres Zuhauses ein komplett und für damalige Verhältnisse richtig gut eingerichtetes Chemielabor und als Dreingabe noch alle Notizen und Bücher eines ihrer Ahnherren enthält, hat sich das Mädchen auf die Chemie gestürzt und ihre Leidenschaft dafür entdeckt. Sie genießt es, die Bücher zu lesen, die Schrift ihres Ahnen zu entziffern und die Experimente nachzustellen. Sie hat bald eine profunde und weit über ihr Alter hinausgehende Kenntnis von allen möglichen Stoffen und Substanzen und was passiert, wenn man sie erhitzt, mischt oder sonst etwas mit ihnen anstellt. Sie ist ein „chemisches Wunderkind“, wenn man das mal so sagen darf.

Neben dieser Leidenschaft entdeckt sie in Mord im Gurkenbeet ihre erste Leiche – und ihre zweite Leidenschaft: das Herausfinden, warum jemanden gestorben ist. Natürlich mit Hilfe der Chemie.

Liebling Gifte

Das Liebste, das, wobei sie wirklich hundertprozentig in Bewunderung und Ehrfurcht verfällt, das sind die Gifte. Als sie ihre erste Leiche entdeckt, nimmt sie einen bestimmten Geruch wahr. Und natürlich fällt ihrem ausgeprägten Riechhirn ein, welcher Geruch das ist, wie die chemische Zusammensetzung ist und was man mit der „verantwortlichen“ Substanz so alles machen kann. Für Flavia ist das eine reine Schönheit, die sie in sich aufsaugt, wie ein Feinschmecker eine Auster. Zyankali ist ihr dabei eins der liebsten der tödlichen Mittelchen.

Im Großen und Ganzen schwärmt die Jungchemikerin aber nur für Gift; dass sie es selbst einmal anwendet, geschieht eher selten – höchstens, um einer ihrer Schwestern einen Denkzettel für etwas zu geben, aber niemals mit etwas wirklich Tödlichem.

Immer wieder in der inzwischen siebenbändigen Reihe erleben wir, wie sich die Göre an ihrem Labor im Allgemeinen und den chemischen Mittelchen im Besonderen erfreut. Wie sie sich selbst kuriert mit selbstgebrauten Heilmitteln, wie sie Mörder mit Hilfe ihrer Kenntnisse identifiziert oder wie sie sich einfach Gedanken macht über dies und jenes, was mit ihrer heißgeliebten Chemie zusammenhängt. Es ist einfach toll, wie sich jemand so total für etwas begeistern kann!

Verschroben und gemocht

Was aber auch zum Tragen kommt, ist dass die kleine Flavia doch recht alleine ist – es sei die Frage gestattet, wie ein Kind auch gut aufwachsen kann, wenn die Geschwister sich ständig zanken oder ignorieren und der Vater hinter seiner Briefmarkensammlung versinkt und sich sonst quasi niemand für die Kinder interessiert. Umso besser ist es, dass Flavia auch noch eine ganz normale, schöne Leidenschaft hat: Sie radelt unheimlich gern mit ihrem Fahrrad durch die Gegend. Das Rad wurde von ihr „Gladys“ getauft und mit ihm braust sie durch die Felder und Auen der britischen Landschaft in ihrer Umgebung und schreit laut „haruh“, wenn es gerade mal wieder besonderen Spaß macht, die Beine auf den Lenker zu stellen und einen Hügel hinabzuflitzen.

Jemand wie Flavia könnte auch den Verdacht erregen, ungeliebt zu sein und nur verschroben. Und es hat ganz oft den Anschein, dass dieses sonderbare kleine Mädchen einfach nur schräg ist und alle sie für spooky halten. Aber – und auch hier zeigt sich die Stiernatur der kleinen Britin – auf eine fast mysteriöse Weise mögen die Leute Flavia. Auch wenn sie schon mal irgendwo heimlich eingebrochen ist oder neugierige und eigenartige Fragen stellt: Sie hat im Großen und Ganzen ein gutes Verhältnis zu allen. Sie mag die Leute um sie herum, sogar ihre Schwestern, und die Leute mögen sie. Auf eine etwas merkwürdige Art ist sie sehr gut in das Dorf in der Nähe ihres Landsitzes eingebunden.

Neugierige Stiere

Was sich jeder Stier von Flavia de Luce abgucken könnte, wäre ihre Neugier und Unbedarftheit. Daran mangelt es so manchen Vollblutstieren ja zuweilen. Die chemiebegeisterte Kleine ist hingegen manchmal schon fast zu neugierig und schrappt dann auch mal knapp am Tod oder einem größeren Unfall vorbei, weil sie unbedingt den Fall aufklären will (und es am Ende auch tut). Wie gesagt, liebe Stiere, da könnt ihr gerne mal um die Ecke spähen, wie Flavia das denn so macht …

Was sich jeder, egal unter welchem Sternzeichen Geborene, ansehen kann, ist ihre besondere Leidenschaft: Man muss sich ja nicht gerade die Chemie aussuchen und sich wie Flavia an der Wirkung von Giften ergötzen – aber es ist völlig okay, auch außergewöhnliche Dinge zu mögen und zu genießen! Wenn ihr euch für die Tiefsee interessiert und bei einem dieser fluoreszierenden Fische in Entzücken verfallt, so what? Solange keiner dabei zu Schaden kommt, ist es eine prima Sache, wenn man nicht nur gesellschaftlich anerkannte Leidenschaften wie Essen und Urlaub an der See pflegt. Auch hier können wir alle uns etwas bei der jungen Detektivin abgucken.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Mord im Gurkenbeet
Autor Alan Bradley
Seiten 400
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Blanvalet
Jahr 2010

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