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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Das Biest, das im Regen kam – die Zweite

Eigentlich kennt ihr sie schon – Susanne, das brave Mädchen, dem aus einem Sturzregen heraus ein anderes Mädchen begegnet, das genau ihr Gegenteil darstellt. Susanne ist sauber, höflich, wohlerzogen und demzufolge immer lieb. Ihr Kontrapunkt ist schmutzig, frech und macht, was er will. Das letzte Mal haben wir uns mit dem Kontrapunkt – dem Biest als Zwilling – beschäftigt, doch dieses Mal soll uns Susanne interessieren.

Susanne lebt ein vermeintlich glückliches Leben zusammen mit ihrer Mutter und ihrem – weitestgehend abwesenden – Vater. Vorort, schönes Haus, immer genug zu essen und anzuziehen. Sie zieht sich ordentlich an, trägt Kleidchen und Blusen, kämmt sich die Haare und wäscht sich, wann immer sie kann. Ihre Hausaufgaben sind vor der Tagesschau fertig und sie bleibt nach dem Essen sitzen, bis sie aufstehen darf. Ihre Mutter möchte das so. An kindliches Aufbegehren, an Infragestellen oder gar Rebellion denkt sie nicht einmal in ihren Alpträumen.

Als das Biest zu ihr kommt, ändert sich alles. Dieses Mädchen sieht aus, als hätte es im Schlamm gebadet, als es sich nach einem Regenguss unvermittelt in Susannes Badezimmer schleicht. Unausstehlich dreckige Fußstapfen auf dem Wohnzimmerteppich führen Susanne auf seine Fährte. Widerwillig und voller Angst nimmt Susanne es auf, als die Mutter mitten im Drecks-Eklat nach Hause kommt. Sie versteckt das Mädchen in letzter Sekunde in ihrem Zimmer. Doch kaum, dass der erste Schreck halbwegs überwunden ist, wird Susanne am späteren Abend mit einem noch größeren konfrontiert – dieser Inbegriff von Schmutz scheint freundlich zu sein.

Sie versteckt das Mädchen weiterhin. Sie besorgt ihm was zu essen und unterhält sich mit ihm und entdeckt dabei unheimlich viel über sich selbst. Ich will gar nicht so lange auf die Geschichte eingehen, da ihr sie schon kennt, sondern eigentlich direkt zum Punkt springen. Vielleicht habt ihr euch schon beim Lesen des anderen Artikels hierzu gedacht: „Diese penetrante Harmoniebedüftigkeit Susannes ihrer Eltern gegenüber, die schon an Anbiederei grenzt, hat doch was Waagehaftes.“ Darauf möchte ich hinaus. Denn in ihrer Art und Weise, jedem Konflikt mit ihrer Umgebung aus dem Weg zu gehen, ist Susanne ein Musterbeispiel für Waagigkeit.

Harmonie als Strategie

In der Tat hat man beim Lesen des Buches sofort das Gefühl, dass sich Susanne in ihrer Rolle als Vorbildstochter nicht so recht wohlfühlt. Sie macht zwar alles, was ihre Mutter sagt – zum Teil sogar noch eifriger und verbissener als die Mutter selbst – aber das offenbar nur, um der Mutter zu gefallen. Kritik, Ermahnungen oder sogar Schimpfe erträgt Susanne gar nicht. Sie hat keine Freunde, weil sie niemals bei irgendwas mitmacht. Alles macht dreckig oder die Kleidung kaputt. So wird sie schon längst nicht mehr zu Geburtstagsfeiern eingeladen und ist demzufolge einsam. Daraus resultiert eventuell die Angst, auch noch die Achtung ihrer Eltern zu verlieren, weswegen sie nie, NIE, Widerworte gibt. Die Harmonie in ihrem Haushalt und den Eindruck, ein gutes Töchterchen zu sein, zu erhalten, sind ihr so wichtig, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse zurücksteckt.

Eine Waage, das könnte man an dieser Stelle schon mal verraten, will gerne das Gleichgewicht halten. So lautet ihr Arbeitsauftrag: ist das Gleichgewicht hergestellt, sind alle zufrieden. Susanne also arbeitet täglich daran, doch als der unerwartete Besuch bei ihr eintritt, kippt sie zur einen Seite – eine Waage ist nunmal nicht zuletzt beweglich. Die Susannenwaage gerät also in Schieflage und muss nun alles tun, um wieder in die Horizontale zu gelangen. Doch das ist ganz plötzlich nicht mehr so einfach …

Nun also kommt das Biest. Und das hat die Angewohnheit, ohne Umschweife Fragen zu stellen. Unbequeme Fragen, wenn es sein muss, mit denen es Susanne so richtig auf den Zahn fühlt. Und Susanne findet durch die ungewohnten Gespräche plötzlich ganz viel über sich heraus. Wie schön es sein kann, eine Freundin zu haben. Eine, mit der man ehrlich über die Schule, die Eltern und alles, was einen so belastet, reden kann. Wie befreiend es ist, mal nicht pflichtbewusst alles sofort zu erledigen. Und wie viel Spaß man haben kann, wenn man plötzlich ganz ausgelassen umhertobt, ohne sich um die Reinlichkeit seiner Klamotten zu kümmern.

Riot Grrrrl?

Susanne saugt alles auf wie ein Schwamm und würde gern weiter so leben. Doch einen Haken hat die Sache natürlich – sie muss mit ihren Eltern auf Konfrontationskurs gehen. Diese eine Sache bohrt sich wie ein Dorn in ihre Gedanken. Es kostet sie einiges an Überwindung, sich endlich zu trauen. Doch als sie es tut, stellt sie fest – es ist gar nicht so schlimm wie gedacht. Irgendwann gibt ihre Mutter nach, kauft ihr eine Hose und lässt sie auch mal draußen spielen. Und Susanne ist plötzlich viel glücklicher als vorher.

Als das Biest im nächsten Sturzregen wieder verschwindet, ist Susanne ein anderer Mensch. Nicht, dass sie auf einmal in Pfützen badet, aber sie ist entspannter und mutiger als vorher. Und vor allem hat sie gelernt, dass eine Auseinandersetzung mit Menschen, die ihr lieb sind, nicht bedeutet, dass diese sie plötzlich schlecht finden und das Verhältnis für immer gestört ist. Im Gegenteil: dadurch, dass Susanne am Ende des Buches glücklicher ist als vorher, besteht die von ihr ersehnte Harmonie eigentlich erst richtig. Denn nur, wenn alle beteiligten Parteien sich wohlfühlen, ist es im Wortsinne harmonisch.

Also, liebe Waagen, denkt mal über folgendes nach: Ist die Harmonie, die ihr gerade so emsig aufrechtzuerhalten versucht, wirklich echte Harmonie? Oder ist es nur das Vermeiden von Diskussionen? Im letzteren Fall müsst ihr an euch arbeiten. Denn falsche Harmonie ist erstens sehr zerbrechlich, zweitens unbefriedigend und drittens überflüssig – denn niemand hat etwas davon. Doch wenn ihr euch auf Kollisionskurs begebt und dadurch echte Harmonie schafft, ist diese definitiv haltbarer, aufrichtiger und viel, viel cooler als alles, was vorher war. Probiert es aus!

 Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Das Biest, das im Regen kam
Autor Angela Sommer-Bodenburg
Seiten 125
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Rowohlt
Jahr 1983

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