chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Sache mit Christoph

Martin und Christoph sind Freunde. Dann stirbt Christoph bei einem Unfall und Martin lässt eine Frage nicht los: Hat Christoph Selbstmord begangen? Denn obwohl Martin alles für seinen besten Freund getan hat, konnte er ihn nie von seinem Gefühl der Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem und der immensen Wut auf das Leben befreien. Nichts konnte ihn von seiner Lebensüberdrüssigkeit abbringen – nicht die Musik, nicht die Beziehung zu Ulrike und auch nicht Martin, der stets versuchte herauszufinden, was seinen Freund glücklich machen könnte.

Es war auf dem Rückweg von der Schule, als Christoph mit dem Fahrrad bergab rasend erst gegen einen Stein und dann frontal gegen einen Lastwagen prallte. Ein klassischer Verkehrsunfall also und doch scheint mehr dahinter zu stecken. Christoph wollte sterben, dass hat er immer wieder gesagt. Das Leben ekelte ihn an, er konnte keine Freude mehr empfinden.

Lärm und Wut

Der tote Freund hatte es sicher nicht leicht, als er zu Martin und Ulrike in die Klasse kam. Mit den Lehrern kam er nicht zurecht, zu Hause überhäufte sein Vater ihn mit Vorwürfen. Er solle sich anstrengen, es müsse doch was aus ihm werden. Dass er ein fleissiger und talentierter Musiker war, spielte keine Rolle, er sollte funktionieren und ein mustergültiges Mitglied der Gesellschaft werden. Doch Christoph sträubte sich, versank mehr und mehr in seinem Klavierspiel und in seiner Wut und wurde darüber immer unzugänglicher. Auch für seine Freunde.

Martin ist von Anfang an fasziniert von diesem Jungen, der kein Blatt vor den Mund nimmt, sich nichts sagen lässt. Ulrike, die erst später zu den beiden stößt, noch mehr. Die drei verbindet die Liebe zur Musik, bald verbringen sie ihre Freitagabende gemeinsam: Martin an der Gitarre, Ulrike mit ihrer Geige und Christoph am Klavier. Sie hören und machen Musik, es ist ihre Methode, den Weltschmerz und ihre Probleme – von denen auch die anderen beiden mehr als genug haben – zu vergessen. Nur Christoph gelingt es immer weniger.

Freunde über alles

Dabei zerreißen sich die beiden förmlich, um ihrem Freund zu helfen. Ulrike liebt ihn über alles, hängt an ihm und ebenso wie Martin versucht sie alles, um seine immerwährende Traurigkeit zu vertreiben. Martin rotiert geradezu bei den Versuchen, ihm das Schöne im Leben begreiflich zu machen, er fährt mit ihm nach Wien und zur Orgel nach Sankt Florian, auf der Bruckner gespielt hat, zu Konzerten, zum Schwimmen, zu allem. Und er steht zu ihm, wenn Christoph gegen seine Lehrer oder Mitschüler – „die Meute“, wie er sie nennt – aufbegehrt.

An Christoph prallt alles ab. Die Liebe von Ulrike, die Freundschaft von Martin, nichts kann ihn aus seiner Müdigkeit reißen. Es wäre besser tot zu sein, sagte er immer wieder als Erklärung dafür, dass er an nichts teilhaben will. Aber Martin und auch Ulrike haben das Gefühl, er sei der Einzige, mit dem sie reden können, der sie versteht. Und so arbeiten sie sich an der Freundschaft zu ihm regelrecht ab und stehen am Ende ratlos da.

Kamikaze für den Frieden

Gleich zwei Waagen sind in diesem Buch von Irina Korschunow zugange, das zu retten, was ihnen am wichtigsten ist – die Harmonie. Sowohl Martin als auch Ulrike stecken die eigenen Interessen weit zurück, um die Freundschaft zu Christoph im Gleichklang – passend zu ihrer musikalischen Leidenschaft – zu halten. Und ausgerechnet Christoph ist ihr genaues Gegenteil. Er macht nie Kompromisse, er hat Spaß daran, „die Meute“, die Lehrer und seine Eltern zu verprellen, er macht auch keinen Hehl daraus, dass Martin und Ulrike ihm teilweise wirklich gleichgültig sind. Teilweise nur, denn Waagen wie Christophs Freunde haben schon ein Gespür für Zuneigung und Nähe. An jemandem, der sie gar nicht mag, würden sie sich auch nicht verausgaben. Doch wenn sie einmal Freundschaft schließen, dann hält die auch. Und die Waage gibt alles, um Harmonie und Glückseligkeit walten zu lassen.

Doch dabei könnte es den Gleichgewichtsfanatikern bestimmt nicht schaden, ab und zu etwas mehr Gewicht in ihre eigene Schale zu legen. Dabei sollen sie nicht zu Egoisten werden. Aber auch ihren Freunden und überhaupt allen, die sie umgeben gegenüber würde es manchmal bestimmt gut tun, dass sich nicht immer alles um sie und ihr Wohlbefinden dreht. Denn an ein paar Reibereien und Ecken und Kanten einer Beziehung können letztendlich beide wachsen – Waage und Nicht-Waage.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Sache mit Christoph
Autor Irina Korschunow
Seiten 125
Ausstattung Taschenbuch
Verlag dtv pocket
Jahr 1980

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