chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Ferien auf Saltkrokan

Eine Waage ohne Macken, eine die immer im Gleichgewicht ist und die selbst dann die Ruhe bewahrt, wenn die Wogen hoch gehen … ja, so eine Waage gibt es: Malin Melcherson. Wahrscheinlich ist Malin die einzige Waage, die so ausgeglichen ist, und das schon mit jungen 19 Jahren und gänzlich ohne Yoga oder Tai Chi.

Dabei hätte die junge Frau durchaus allen Grund, eine unausgegorene, geltungssüchtige Spätpubertierende zu sein: Mit zwölf verlor sie ihre Mutter, die bei der Geburt des kleinen Bruders starb. Und dann (wir bewegen uns Anfang der Siebziger) hat sie sich nach und nach in die Rolle der Ersatz-Mama eingefunden – für ihre drei jüngeren Brüder und den alleinerziehenden Papa. Aber nein, Malin ist ein in sich ruhendes, freundliches, nettes und fürsorgliches Wesen, das durchaus für sich einstehen kann und eine eigene Meinung hat und sich auch nicht so schnell von irgendetwas beeindrucken lässt.

Ruhig im Sturm

Und so führt sie den Haushalt der Familie Melcherson. Der Papa ist Schriftsteller und versucht, seinen Kindern ein schönes und möglichst sorgloses Leben zu ermöglichen, ist allerdings mit einer wankelmütigen Künstlerseele behaftet. Das führt gerne mal zu emotionalen, unkontrollierten – jedoch nie aggressiven – Ausbrüchen. Malin wettert das gut ab. Sie hat gelernt, dass ihr Papa nun mal so ist, wie er ist. Statt sich aufzuregen oder hektisch zu werden, versucht sie ruhig zu bleiben, hat gleichzeitig aber auch Mitgefühl mit dem Vater, der sich eben nicht zusammenreißen kann. Das ist eine wunderbare Stärke, Mitgefühl zu haben, ohne sich selbst angegriffen oder vernachlässigt zu fühlen.

Auch wenn der kleinste Bruder als Siebenjähriger leider erleben muss, dass sein Kaninchen vom Fuchs gerissen wurde und bitterlich weint und schluchzt, ist Waage Malin da. Es tut ihr in der Seele weh, den Kleinen so leiden zu sehen, ja, sie fühlt sich auch hilflos vor dem übergroßen Schmerz. Aber sie schafft es, auch hier liebevoll da zu sein, keine tollen Ratschläge zu geben, sondern fürsorglich den kleinen Kerl im Arm zu halten, einfach da zu sein. Gefühl zu haben, aber nicht vorlauter Mitleid unterzugehen.

Eine beständige Malin?

Alle Brüder und auch Papa Melcherson wissen, was sie an Malin haben. Die Jungs lieben ihre Schwester, der Vater ist stolz auf seine große Tochter und er weiß, was sie leistet, seit die Mutter gestorben ist. Manches Mal fragt er sich, ob er ihr nicht zu viel aufbürdet – und gewährt ihr gerne, wenn sie mal einen Tag frei haben will, eigenen Vergnügungen nachgehen möchte.

Diese Vergnügungen sehen die Brüder aber manches Mal mit Sorge. Vor allen Dingen dann, wenn Malin mal wieder einen Verehrer hat. Und derer gibt es nach Ansicht der drei Jungen viel zu viele! Sie finden ihre Schwester hübsch und schön. Und sie wissen, dass das auch andere sehen. Niklas, Johann und Pelle beäugen es immer argwöhnisch, wenn „es mal wieder einen erwischt hat“. Bisher war es nicht so, aber es könnte ja sein, dass Malin sich auch einmal unsterblich verliebt und dann – was passiert dann mit den Jungen und mit Familie Melcherson?

In ihren Ferien auf Saltkrokan lernt Malin ebenfalls einige „Kandidaten“ kennen, die von den Melchersons kritisch beguckt werden. Damit es „manierlich“ zugeht, wird der kleine Pelle schon mal am Seil aus dem Fenster herabgelassen, damit er ins Küchenfenster spähen kann, während Malin dort mit einem Verehrer sitzt. Aber Malin nimmt das gelassen. Ganz ausgeglichen, wie eine mackenlose Waage eben.

Ihre Verehrer betrachtet sie zumeist als Verehrer. Manche findet sie nett, manche findet sie vielleicht ein bisschen interessanter, aber bislang war keiner dabei, der ihre Gefühlslage wirklich ändern konnte. Bis sie Petter kennen lernt. Da brizzelt es dann doch in der ausgeglichenen Seele und Malin fragt sich, ob sie sich wirklich verliebt hat. Ob sie wirklich „beständig ist“ und sich auf jemanden einlassen kann und mag, der nicht mal eben um die Ecke wohnt.

Was sie nicht hat, ist ein aufmerksamheischendes Gebaren, das Verehrer um des Verehrtwerdenwollens haben will. Nein, das würde auch nicht zu Malin passen.

Waage mit Ausschlag

All ihre Ausgeglichenheit heißt jedoch nicht, dass Malin nicht böse werden kann. O doch, das geht sehr wohl. Zum Beispiel, als ihre Brüder einen ihrer Verehrer foppen wollen und ihn ins tiefe Wasser schicken – ohne zu wissen, ob er schwimmen kann. Und als infolgedessen der Verehrer versucht, die Brüder zu foppen und Menschen ins Wasser springen, weil sie denken, es ertrinkt jemand. Nach diesem heillosen Chaos ist es sogar Malin zu viel. Den ganzen folgenden Tag spricht sie nicht mit ihren Brüdern und dann heißt es, sich reumütig zeigen und Hausarbeit erledigen. Strafe muss sein, jawohl.

Versuch’s mal mit Ausgeglichenheit

Bei Malin ist das Waage-Sein sozusagen systemimmanent. Sie kann nicht anders. Das Leben hat sie gelehrt, dass es für sie auf diese Weise gut ist. Aber sie ist kein nichts-fühlendes Irgendwas, das nicht anders kann. Manches Mal steckt hinter ihrer Gelassenheit Erfahrung und auch manchmal eine Entscheidung. Wenn sie etwa merkt, dass sie bei ihrem Vater eh nichts ausrichten kann, wenn sie sich auch noch aufregt. Auch das ist ein positives Waage-Verhalten: sich überlegen, welche Konsequenzen das eigene Handeln hat und abwägen, was man jetzt selbst tut. 

Und davon sollten wir alle uns was abschneiden, wenn wir das nächste Mal kurz davor sind, uns tierisch aufzuregen. Einfach mal sich selbst fragen, ob man das jetzt wirklich will. Und wenn nein: versuchen, es sein zu lassen. Das schont die Nerven enorm 🙂

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Ferien auf Saltkrokan
Autor Astrid Lindgren
Seiten 270
Ausstattung Hardcover
Verlag Oetinger
Jahr 1974

Das ist meine alte Ausgabe, das Buch gibt es aber immer noch als Hardcover bei Oetinger.


zurück zur Waage
zurück zum Buchhoroskop

%d Bloggern gefällt das: