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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Müller hoch Drei, die Zweite

Ach was, das kennen wir doch schon! Ja, das stimmt. „Müller hoch drei“ wurde als Buch hier jüngst vorgestellt. Doch neben meiner ausführlichen Kritik gibt es zu dem Buch noch mehr zu erzählen. Denn inmitten der Drillinge, die Himmel und Erde in Bewegung setzen, um einander zu finden, versteckt sich eine waschechte Waage.

Es handelt sich um Paul, den Drilling, den wir als erstes kennenlernen und der, nebenbei bemerkt, der jüngste Spross der Familie ist. Paul wird eines Tages mir nichts, dir nichts von seinen Eltern „verlassen“. Sie machen sich auf, eine Auszeit zu nehmen und ein bisschen von der Welt kennenzulernen und er bleibt allein zurück. Das ist an sich schon schlimm, aber für ihn ist es besonders schlimm. Denn Paul hat sich in den vergangenen 13 Jahren seines Lebens nicht unbedingt durch Selbstständigkeit und Mut hervorgetan. Im Gegenteil: Ihm ist es am liebsten, wenn alles seinen gewohnten Gang geht. Damit ist es nach der Abreise seiner Eltern natürlich vorbei.

Aus dem Gleichgewicht geraten

Ich will jetzt gar nicht auf alles eingehen, was die Handlung der Geschichte ausmacht – das könnt ihr hier lesen- es sei nur kurz erwähnt, dass er sich urplötzlich mit einem Hund sowie zwei Schwestern konfrontiert sieht, von deren Existenz er bis dato nichts ahnte. Bis alle drei (bzw. vier) endlich vereint sind, bedarf es einer Menge verrückter Ideen, verworfener Pläne, spontaner Aktionen und dreister Lügen. Also im Grunde die ganze Klaviatur der Dinge, die Paul bisher fern lagen. Logisch, dass das den heranwachsenden Jungen maßlos überfordert.

Action wider Willen

So sträubt sich jede Faser seines Körpers dagegen, plötzlich mit einer völlig unbekannten, gleichaltrigen Person und einem Hund aufzubrechen, um irgendwo in der Ferne seine zweite Schwester zu finden. Es ist ihm zunächst höchst unwohl dabei, fremde Menschen anzusprechen, ohne Ticket mit dem Zug zu fahren und nicht zu wissen, wo er schlafen soll. Noch dazu ist seine als erstes gefundende Schwester das genaue Gegenteil von ihm – ihr macht es überhaupt nichts aus, möglichst konfrontativ aufzutreten, sich zu streiten und anderen Menschen (unter anderem ihm) lautstark die Meinung zu sagen. Während sie in vollen Zügen das Abenteuer genießt, fällt es ihm schon schwer, von seinem gewohnten Speiseplan abzuweichen. Aber Milchreis und Multivitaminsaft sind leider nicht an jedem Kiosk zu kriegen …

Es ist eine Qual, zu lesen, wie sich der arme Bub durch die Szenen des Buches windet. Doch er lernt dazu. Plötzlich lässt er seinen Hund eine Hotelbar zerlegen, plötzlich hat er weitere wahnwitzige Ideen, die er ohne zu zögern umsetzt und noch viel wichtiger: Plötzlich vertraut er seinen Schwestern und lässt sich von ihnen ohne Vorwarnung in die abseitigsten Situationen verwickeln. Und zuckt dabei nicht einmal mehr mit der Wimper.

Von der Waage zur Wippe

Die Waage an sich träumt auch nicht gerade von spontaner Action. Ihr ist daran gelegen, sich selbst und ihre Umwelt im Gleichgewicht zu halten. Klappt das nicht, kann sie furchtbar ungemütlich werden. Was oft bedeutet, dass sie sich zurückzieht und mault. Und dabei tunlichst darauf achtet, das niemand merkt, dass sie sich vor dem Fremden, Unvorhergesehenen fürchtet. Das möchte Paul auch nicht. Und vermutlich ist es zumindest zum Teil diese Eigenschaft, die ihn diese Furcht überwinden lässt. Weil er nicht will, dass die anderen sein Unwohlsein bemerken, macht er eben einfach mit. Ohne es zu merken, überwindet er dabei seine Skepsis spontanen Ideen gegenüber.

Darin liegt das Geheimnis seiner „Verwandlung“: Weil er nicht will, dass andere sein Unbehagen riechen, überspielt er es, macht infolgedessen das ganze Tamtam mit und stellt plötzlich fest, das überhaupt nichts Schlimmes passiert. Das Ganze wiederholt sich ein paar Mal und auf einmal weiß Paul gar nicht mehr, wovor er eigentlich Angst gehabt hat.

Ja, er ist eine Waage. Eine, die aus dem Gleichgewicht gerät. Und damit eine, die dabei lernt, dass schaukeln auch ganz schön viel Spaß machen kann. Also, liebe Waagen: Augen zu und durch. Lasst euch mal ein bisschen von den anderen führen und macht einfach mit. Am Anfang ist eure eigene Spontaneität gar nicht gefragt, ihr könnt euch problemlos an die der anderen hängen. Seid einfach mal nicht ganz so abwägend. Der Rest kommt dann von ganz allein.

Nachtrag:

Ach ja, eins noch: Streng genommen haben Drillinge ja dasselbe Sternzeichen. Dass dies bei den Müller-Geschwistern niemalsnie der Fall sein kann, gibt uns Rätsel auf. Ist es am Ende eine Genderfrage? Der Arbeitskreis Chairlounge ermittelt und hält euch auf dem Laufenden.

 Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Müller hoch Drei
Autor Burkhard Spinnen
Seiten 292
Ausstattung Taschenbuch
Verlag btb
Jahr 2009

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