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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Abbitte

Ein nicht mehr ganz so kleines Mädchen, ihre frisch verliebte ältere Schwester und deren Freund. Diese Dreier-Kombination ist auch in England kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs nicht weiter ungewöhnlich, aber wenn im Körper der neugierigen 13-jährigen ein Wassermann wohnt, könnte es zu Problemen kommen.

Besagte Briony wächst wohlbehütet auf einem Landsitz ziemlich in der britischen Pampa auf und muss sich eigentlich um nichts weiter Sorgen machen. Wie langweilig für den fantasiebegabten Fast-Teeanager! Schließlich ist ihr Anspruch nicht geringer als dass sie persönlich die Welt moralisch im Gleichgewicht halten möchte. Dahingehend tobt sie sich zunächst im Schreiben von Kurzgeschichten und einem Theaterstück aus. So weit, so gut. Doch dann fällt ihr das sehr merkwürdige Gebaren zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und einem gleichaltrigen Freund der Familie auf. Und dies zwingt sie zum Handeln.

Einem Verbechen auf der Spur?

Robbie und Cecilia kennen sich schon seit Kindertagen und bisher waren sie auch nicht mehr als gute Freunde. Doch seitdem sie gemeinsam die Uni besucht haben und quasi erwachsen geworden sind, ist ihr Verhältnis irgendwie anders – wie genau, das wissen sie selbst nicht. Briony spürt jedenfall unbewusst, dass da was im Busch ist und beginnt, die beiden zu beobachten. Bei einem Gespräch am Brunnen benimmt sich ihre Schwester in einer Art und Weise, die sich nach Brionys Ansicht ganz und gar nicht geziemt und Robbie wird ihr gegenüber irgendwie aufdringlich. Als nächstes fällt Briony ein an Cecilia adressierter Brief in die Hände, in dem Robbie einen unerhört unverschämten Ausdruck verwendet und zu Guter Letzt ertappt Briony die beiden in der Bibliothek. Doch anstatt die Situation zu nehmen, wie sie ist – nämlich, dass sie die beiden in flagranti erwischt hat – glaubt sie, Robbie wolle ihrer Schwester Böses und sie habe Cecilia in letzter Sekunde gerettet. Eine weitere Begebenheit am späteren Abend bringt sie dazu, zu behaupten, Robbie hätte eine andere junge Verwandte auf dem Landsitz vergewaltigt. Mit dieser Anschuldigung bringt sie endgültig eine Lawine ins Rollen, die für alle Beteiligten lebenslange Konsequenzen haben wird.  

Dass Robbie unschuldig ist, spielt ab dem Moment der Schuldzusprache keine Rolle mehr. Zufrieden sieht Briony mit an, wie er verhaftet und davongefahren wird. Sie ist sich sicher, der Gerechtigkeit in dieser Nacht ein Stück weitergeholfen zu haben. Zweifel an ihrem Verhalten, die sich im Laufe der nächsten Jahre mehr oder weniger zaghaft bei ihr melden, unterdrückt sie erfolgreich.

Hauptsache, man tut etwas dagegen

So ist sie eben typisch Wassermann, wenngleich in diesem Fall in einer recht krassen Form. Einen eigenen und in diesem Fall äußerst subjektiven Gerechtigkeitssinn stellt sie vor alles andere. Das ist super. Dass sie dabei allerdings einige Lücken in ihrer Kenntnis der Vorkommnisse mit Fantasie füllt und dabei streng nach ihren eigenen Vorstellungen verfährt, was gut und richtig sei – nun, hier entstehen die Probleme. Zum einen, weil ihr Weltbild (und das manch eines Wassermannes) nicht unbedingt auf alle Menschen dieser Welt projiziert werden kann. Zum anderen, weil sie sich schlicht und einfach Sachen ausdenkt und diese als unhinterfragbare Tatsachen verkauft.

Wie (fast) alle Wassermänner meint auch Briony es nicht böse. Sie hat nun mal viel Fantasie und ist tief im Herzen ein guter Mensch. Aber sich selbst etwas so lange einzureden, bis man es selber glaubt, macht eine Unwahrheit nicht ehrlicher. Um das zu begreifen, brauchen manche Wassermänner ein bisschen. Hier kann man nur hoffen: Besser spät als nie! Denn es ist eine Sache, ein Kissen aufs Fensterbrett zu legen und seine bornierten Ansichten an die Scheibe zu murmeln. Ganz anders verhält es sich, wenn man, wie Briony, das Leben anderer Menschen für immer zerstört oder (vielleicht sogar noch schlimmer?) seine vernagelte Weltanschauung in Form eines politischen Amtes einer größeren Masse Mensch aufdrückt. Heißt im Klartext: Je früher man die Chance hat, einem Wassermann Empathie beizubringen, desto besser. Die Anlagen dafür hat er. Aber damit verhält es sich ähnlich wie mit Muskeln – werden sie nicht genutzt, verwandeln sie sich in Brei …

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Abbitte
Autor Ian McEwan
Seiten 543
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Diogenes
Jahr 2002

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