chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Der Schmetterlingsthron

Jorian aus Kortoli oder Jorian, König von Xylar oder Nikko aus Kortoli oder … wie auch immer er sich gerade nennt, eigentlich will Jorian nur eins: Ein einfacher Handwerker sein und mit seiner geliebten Estrildis in Frieden auf dem Land leben. Dass das nichts werden kann, ist schon lange klar – schließlich hat er verschiedene (Handwerks-) Lehrberufe ausprobiert und ist immer gescheitert.

Nichts interessiert ihn lange genug, um ihn wirklich so zu fesseln, dass er das Handwerk wirklich lernt – und auch seine Geschicklichkeit ist nicht die größte … Schließlich geht sein Vater aus lauter Verzweiflung mit ihm zu einer Zauberin. Und die findet heraus, dass Jorian eigentlich nur zu zwei Dingen taugt: Herrscher oder Abenteurer. Trotzdem: Jorian WILL (wie ein trotziges kleines Kind oder ein engstirniger alter Knacker) nicht von seinen Wünschen ablassen: einfacher Handwerker auf dem Land sein mit seiner geliebten Frau.

Was soll ich bloß werden?

Da somit seine erfolglosen Versuche, Uhrmacher wie sein Vater, Zimmermann oder Bauer zu werden, gescheitert sind und er ja irgendetwas tun will, versucht er es doch mit dem Abenteuer: Jorian wird Söldner. Ein paar Jahre in einer Armee führen dazu, dass er feststellt, dass das aber auch nicht das rechte für ihn ist. Nach Ende seiner Dienstzeit steht er zufällig eines Tages auf dem Marktplatz des Stadtstaates Xylar, inmitten der versammelten Menschenmenge, und fängt ein plötzlich herumfliegendes Objekt auf. Es ist der gerade frisch abgeschlagene Kopf des bisherigen Königs von Xylar.

Hinrichtung des Zürcher Bürgermeisters Hans Waldmann im Jahr 1489. Zeichnung von Karls Jauslin (1889). Quelle: Parpan05/Wikimedia Commons

Der Maler Karl Jauslin stellte Ende des 19. Jahrhunderts die Hinrichtung des Zürcher Bürgermeisters Hans Waldmann dar. Waldmann wurde geköpft, Jorian von Xylar kann mithilfe eines Zaubertricks entkommen: Sein Freund und Berater Karadur lässt ein Seil in den Himmel wachsen, dass in der „Nachwelt“ endet und an dem Jorian sich hochhangeln kann.

Und weil er ihn gefangen hat, ist jetzt Jorian der neue König. So will es das Gesetz: Der König Xylars wird alle fünf Jahre neu bestimmt, und zwar dadurch, dass dem letzten König der Kopf abgeschlagen und in die Menge geschleudert wird. Wer ihn fängt, ist der nächste Herrscher – für weitere fünf Jahre.

Jorian kriegt vier Ehefrauen und als fünfte holt er sich Estrildis an den Hof, die er schon in seiner Heimat geliebt hat und die ihm gerne als Ehefrau folgt. Er kann leben in Saus und Braus – und das macht er auch zunächst. Doch eigentlich will er nicht nach fünf Jahren sterben, weil – ihr ahnt es schon – am liebsten will er ja in Ruhe und Frieden leben, mit Estrildis. Und so lernt Jorian weitere Künste: alle mögliche Kampftechniken, alle möglichen unehrlichen Tricks wie Schlösser knacken, alle möglichen Sportarten wie Seilklettern und so fort. Außerdem holt er sich alle möglichen schlauen Leute an den Hof, unter anderem den Zauberer Karadur, der fortan sein treuer Begleiter und Berater wird.

Uns so ist Jorian ein Tausendsassa, der von allem etwas, aber nichts richtig gut kann – durchaus nicht die schlechteste Grundlage für ein Leben als König oder Abenteurer.

Flucht vor dem Schicksal?

Im ersten Band des Jorian-Zyklus (es gibt insgesamt drei) von Lyon Sprague de Camp schafft Jorian es, sich der drohenden Hinrichtung mittels der Hilfe Karadurs zu entziehen – der Preis ist die ständige Angst davor, den Häschern Xylars in die Finger zu fallen. Schließlich ist es ja nicht möglich, einen neuen König ohne den Kopf des alten zu bestimmen. Die beiden haben noch eine Diebestour vor sich, für die sich Jorian als Gegenleistung zu seiner Rettung bereit erklärt hat.

Ab sofort ziehen die beiden, mal getrennt, mal zusammen, durch die verschiedenen Reiche, um sich schlussendlich der Beute und anschließend dem Zaubererkonvent zu nähern, für das besagte gestohlene Beute (eine Truhe) bestimmt ist. Auf dem Weg dorthin nennt sich Jorian mal so, mal so, verkleidet sich und tut so, als sei er ein anderer. Mit einer Menge Getrickse, Geschichten erzählen und mit seinen vielfältigen Fähigkeiten schafft er es immer wieder sich aus den noch so verzwickten Situationen zu befreien und immer wieder davonzukommen. Auch den Soldaten Xylars, die immer wieder auf seine Spur kommen, kann er jedes Mal entfliehen.

Nebenbei fällt er mit fast jeder halbwegs attraktiven Frau ins Bett, die seinen Weg kreuzt (soviel zum braven Handwerkerleben mit Estrildis – an dem er aber immer noch festklebt!).

Ein engstirniger Rebell

Jorian ist ein echt sympathischer Kerl. Ein bisschen ein großer Junge. Neugierig, aber auch gewandt und er hat von allem so einigermaßen Ahnung. Was er nicht mag, ist, in etwas gepresst zu werden. Verdonnert zu sein, zum Beispiel am Ende der Herrscherzeit zu sterben. Oder ohne Ausweg in eine Klemme zu geraten. Nun, das mag eigentlich niemand, aber im Laufe der Geschitchte hatte ich immer mehr das Gefühl, das schon die Vorstellung davon, nicht sein eigener Herr sein zu können, Jorian enorm zusetzt. So ist auch sein Wunsch zu verstehen, einfach irgendwo mit einem Gewerk zu leben, so wie es ihm gefällt. Was andere dabei wollen, ist hier eher Nebensache.

Und das macht diesen Jorian-Wassermann so interessant. Er ist beides – ein Rebell, einer der ausschert und die Dinge anders macht als andere, und ein engstirniger Depp, weil er auf seine rebellische Art genauso engstirnig ist, wie all die Blödleute, die er manchmal aus tiefstem Herzen verflucht. Er will, dass die Dinge so laufen, wie er sie sich vorstellt: Ich will auf dem Land leben. Ich will meine Frau dabei haben. Ich will in Ruhe leben. Wie ein Dreijähriger.

Dass das durch die Umstände, in denen er sich befindet, überhaupt nicht möglich ist, blendet er dabei total aus – egal wie oft ihn sein Freund Karadur darauf hinweist, egal, wie oft er beim Versuch, das so zu leben, auf die Nase fällt. Er ist ein guter Mensch, charmant und auch witzig. Ein guter Geschichtenerzähler, einer, der so viel kann und sich so einengt mit seiner ewigen Leier vom Landleben. Der sich dadurch einen Teil seiner Lebendigkeit nimmt und einem so ganz schön auf den Keks gehen kann. Leider kann man das auch „in echt“ so manches Mal beobachten: Menschen, die „dagegen“ sind (gegen was auch immer), vielleicht sogar mit richtig gutem Grund – und die leider in ihrem Dagegen-Sein zuweilen genauso vernagelt sind wie die, gegen die sie sind.

Atmet mal tief durch, ihr lieben Wasserleute. Entspannt euch einfach mal und guckt euch die Welt in Ruhe an. Klammert euch nicht zu fest an eure Überzeugungen und Ideale, sonst kann es euch passieren, dass ihr einen Krampf in den Fingern kriegt und nie wieder loslassen könnt. Und das wäre echt blöd, wenn ihr euch mal bewegen wollt …

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der Schmetterlingsthron
Autor Lyon Sprague de Camp
Seiten 269
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Heyne
Jahr 1994

zurück zum Wassermann
zurück zum Buchhoroskop

Foto: © Karl Jauslin/Wikimedia Commons

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: