chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Er war da und saß im Garten

„Als wir einzogen, war er da. Er war da und saß im Garten.“ Mit diesen lapidaren Worten beginnt das mehrtägige Martyrium einer normalen vierköpfigen Familie irgendwo im gutsituierten Somewhere. Ein riesiger Hund – ein Bobtail vielleicht? – sitzt irgendwie aufmerksam, irgendwie desinteressiert und definitiv stoisch im familiären Garten und denkt nicht daran, zu gehen. Was ist daran Wassermännisch, mögt ihr euch fragen. Die Antwort lautet: vieles!

Auf den Hund gekommen

Aber fangen wir langsam an: Die ganze Familie ist natürlich aus dem Häuschen. Nicht vor Schreck oder Entsetzen, sondern weil sie den Hund, diese überraschende Institution im Garten, eigentlich sehr sympathisch findet. Aber warum sitzt er da so unbeweglich? Er frisst etwas, er trinkt etwas, aber er läuft nie umher, er stört sich weder an Regen oder Wind, er geht nie auf die Familie zu. Andererseits stört er sich auch nicht daran, dass ihm die fürsorgliche Mutter bei Kälte eine Decke überlegt oder der kleinste Spross (Oskar, 4 Jahre alt) um ihn herumhüpft, ihm Spielzeug präsentiert oder stundenlange Geschichten erzählt.

Zwei Brüder – zwei Methoden

Vor allem Oskar ist brennend daran interessiert, das Geheimnis um den merkwürdigen Gast (oder ist er eher ein Bewohner?) zu lüften. Wenigstens eine Regung, eine sichtbare Reaktion, IRGENDETWAS, was signalisiert, dass der Hund sie wahrnimmt, möchte er herauskitzeln. Dabei stellt er sich schier auf den Kopf, verbringt jede freie Minute mit dem Tier, versucht alles, was man sich mit vier Jahren so vorstellen kann (das ist viel!) und doch ohne Erfolg.

Der große der beiden, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, agiert eher im Stillen. Er lässt es sich nicht anmerken, aber auch er interessiert sich brennend dafür, was den Hund wohl aus der Reserve locken könnte. Und er kommt schließlich und endlich auf eine Idee: Der Hund wartet auf einen Namen. Jetzt hat er seine Aufgabe gefunden. Stundenlang wälzt er Namensbücher, erstellt Listen und grübelt, denn ihmzufolge ist die Bennenung eines erwachsenen Hundes schwer. Doch er ist sich sicher: Wenn der Hund den für ihn – und nur ihn und definitiv ihn – bestimmten Namen erhalten hat, ist der Bann gebrochen.

Nomen est omen?

Das Ende vom Lied schnell erzählt: Natürlich kommt Oskar hinter die Pläne seines großen Bruder, natürlich ist er auch mit der Namensfindung schneller als er und es kommt, wie es kommen musste: Der Hund ist mit seinem neuen Namne (Malieschen!!!!) NICHT einverstanden. Er wendet sich zum Gehen und es kostet den großen Bruder alle Mühe, ihn kurz vor dem Gartentor zum Stoppen zu bewegen. Denn Oskar ist am Boden zerstört.

Und der Wassermann?

Ein Wassermann, um endlich wieder darauf zurück zu kommen, gilt als charismatisch, liebenswert, originell. Doch in welcher Weise, wird nicht genauer erläutert. Stoisch und im wahrsten Sinne des Wortes unbewegt im Garten zu sitzen, ist an sich ziemlich originell, finde ich. Und es spricht für ein gewisses Charisma, wenn sich vier Leute – zwei davon immerhin erwachsen – das Hirn zermartern, wie man jemandem eine Gunst erweisen, einen Gefallen tun, sein Herz gewinnen kann. Letzteres spricht wohl auch für Liebenswertigkeit. Denn wodurch wird diese im Wortsinn definiert, wenn nicht durch die Tatsache, geliebt zu werden?

Es ist in der Charakterisierung des Wassermannes aber auch von Engstirnigkeit die Rede. Na, was denn sonst? Stur die Liebe der Familie an sich abprallen lassen und dann gehen, nur weil ein Vierjähriger in wilder Hast den falschen Namen ins Ohr raunte? Engstirnig, jawohl!

Und überhaupt: Kann der Engstirner nicht einfach mal sagen, was ihm nicht passt? Kann der liebe Hund nicht mal eine Kopfbewegung machen, um zu signalisieren: Ja, ich mag euch irgendwie, aber ich will was anderes, was ganz bestimmtes von euch? Stattdessen dieser ständige Trotzblick, dieses ewige „Du wirst ja wohl aus meinen Haaren herauslesen können, was mir fehlt …“ Also wirklich! Und wenn das Gegenüber – wie hier die ganze Familie – sich krampfhaft bemüht, es ihm in allen Belangen recht zu machen (großer Fehler!!!), dann wird es auch noch für jede kleinste Verfehlung abgestraft. Denn alles, was nicht zu 100.000% dem Wunsch des Wassermanns entspricht (den man, wie gesagt, ja nicht einmal kennt), ist reine Enttäuschung, wie bei der versuchten Namensgebung. Nicht, dass das als netter Versuch, als Hinwendung verstanden wird. Nein, der Name ist schlichtweg falsch!

Auf diese Weise versteift er sich in seine Stur- und Borniertheit und die Menschen um ihn herum werden immer verzweifelter. Sie tun und machen alles nur erdenklich hätschelige und bleiben ratlos zurück. Anstatt ihm einfach mal einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten zu verpassen, den er nicht nur verdient hätte, sondern der ihm bestimmt auch helfen würde.

Denn der Wassermann ist ja nicht ungelehrig. Ab und zu ein Schuss vor den Bug täte ihm gut, seine Kleinkariertheit mal ein wenig einzuschränken. Das macht nicht nur das Verhältnis zu seinen Mitmenschen etwas entspannter, sondern auch ihn selbst.

Also liebe Leser: Auch wenn ihr der festen Überzeugung seid, KEINEN Wassermann in eurer Umgebung zu haben – täuscht euch nicht. Sie verhalten sich nicht immer wie erwartet. Es sind halt kleine oder größere Rebellen, jeder einzelne. Also habt ein wachsames Auge und vielleicht könnt ihr ja den einen oder anderen heimlichen H(2)Omo Sapiens in eurem Kreis ausmachen. Nicht, dass es schlimm wäre, wenn. Aber manchmal ist es einfach gut, Bescheid zu wissen 😉

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Er war da und saß im Garten
Autor Rhoda Levine
Seiten 28
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Diogenes
Jahr 1977 (Erstausgabe 1970)

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