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Ein wirklich erstaunliches Ding

Manchmal erkennt man erst bei besonderen Situationen, wie man tickt. zum Beispiel in einer Stress-Situation ruhig und besonnen zu bleiben oder hysterisch rumzukreischen. Das erfährt auch April May, als sie eines Nachts eine riesige metallene Figur in New York entdeckt und mit ihrem Kumpel Andy Skampt ratzfatz ein Video auf YouTube postet. Das Video geht durch die Decke und erhält die meisten Angucker und Follower ever. Denn April und Andy haben als erste ein Video über die Skulptur gepostet – und dann stellt sich heraus, dass eine gleiche Figur auch in 63 anderen Städten auf der Welt aufgetaucht ist. Einfach so aus dem Nichts. Plopp, waren sie da. Keiner hat etwas mitgekriegt.

April und Andy werden berühmt, weil sie eben die ersten sind, die darüber berichtet haben – und weil sie ein witziges Video veröffentlichen und dem Transformerdings auch noch einen Namen (Carl) geben.

Plötzlich berühmt

Die beiden – Anfang zwanzig, gerade mit der Ausbildung zum Produktdesigner fertig, mitten im Versuch, sich auf ihren beiden Beinen durchs Leben zu manövrieren – stehen am nächsten Tag vor dem größten Umbruch ihres Lebens. Zig Fernsehsender bringen ihr Video und Andys Papa, seines Zeichens Medienrechtsanwalt, verhilft den beiden zu ihrem Recht, sprich: ihrem Geld. Andys Familie hat Geld, aber April ist über den unerwarteten Geldsegen echt glücklich. Kann sie doch jetzt ihren Studienkredit schneller abzahlen und muss nicht mehr jeden Cent umdrehen.

Transformerfigur vor einem Einkaufszentrum

Stell dir vor, eine knapp drei Meter hohe, transformerartige Figur aus einem unbekannten Material materialisiert sich über Nacht in deiner Stadt … und dann fängst du an, komische Sachen zu träumen.

Gleichzeitig lernt die junge Frau, dass man beim unerwarteten Berühmtsein ganz schnell reagieren muss: Da reicht der nette Instagram-Account nicht mehr aus, seine Mailadresse sollte man auch nicht online stellen und dass der ein oder andere Trittbrettfahrer sich in Nullkommanix als man selber ausgibt und Meinungen vertritt, von denen man meilenweit entfernt ist. Also stürzt April sich kopfüber in Geld und die digitale Welt. Und stellt fest, dass es ihr tierischen Spaß macht, ihre Meinung zu Carl und zu allem abzugeben. Es macht sie an, dass Menschen auf der ganzen Welt scharf darauf sind, zu wissen, was sie meint und denkt.

Im Laufe der Geschichte kommen alle drauf, dass die Carls wahrscheinlich außerirdischen Ursprungs sind. Sie kommunizieren anfangs über Wikipedia-Einträge, dann über einen kollektiven Traum, in dem Aufgaben zu lösen sind. Sie spalten natürlich die Welt in zwei Lager: In April und ihre Follower, die glauben, dass die Carls gut sind, gucken wollen, wie wir so drauf sind und die Menschen zur Zusammenarbeit bringen wollen. Schließlich kann man manche Aufgaben des Traums nur lösen, wenn man bestimmte Kenntnisse hat und sie mit allen teilt. Aprils Gegenspieler weisen auf die Gefahren hin, die darin bestehen sollen, dass die Carls auch zur Vernichtung da sein könnten, man mit dem Traum manipuliert wird etc.

Aber optimistisch wie sie ist, geht April davon aus, dass die Carls allesamt der Menschheit nichts Böses wollen, sondern dazu da sind, die Menschheit zum Zusammenarbeiten zu bewegen.

Charisma und Sucht

April May stürzt sich kopfüber in die neue Situation. Energie hat sie genug und es pusht sie ungemein, dass sie für ihre Aktivitäten geliebt wird. In Nullkommanix entwickelt sie sich zum Web-Junkie: Hat sie immer noch so viele, die sie liken? Steigen die Followerzahlen immer noch? Waren sie und ihre Freunde immer noch die ersten, die eine neue Info liefern?

Charismatisch, wie sie ist, schafft sie es auch, sich jeden Tag ihren Kick zu holen. Die Zahlen steigen stetig. Es ist sogar irgendwie cool, dass Leute gegen sie sind, denn das regt zum Denken an. Es bietet eine Plattform, um sich selbst weiter zu präsentieren und damit stabil am Markt zu bleiben.

Cool sind auch die immer wieder neuen Herausforderungen, die neuen Rätsel, die im Traum zu lösen sind, neue Herausforderungen, denen sie sich täglich stellen muss und die ihre Energie, ihr Durchbeißenwollen immer wieder aufs Neue befeuern.

Widder mit Plan

Was wir hier erleben, ist ein Widder, der sehr wohl um sein Potenzial weiß und es gnadenlos nutzt, um sich weiter in der Sonne der Bewunderung zu aalen. April findet es geil, im Mittelpunkt zu stehen, sie genießt die Macht, die sie plötzlich hat. Sie will, dass das nicht aufhört!

Mit ihren Mitmenschen geht sie rücksichtslos um. Ihrem Ziel opfert sie einiges, zum Beispiel ihre Beziehung. Die hat sie zwar die ganze Zeit schon schön von sich fern gehalten und nicht wirklich akzeptiert, aber nun treibt sie ein normales Gespräch auf miese Weise dazu, sich zu trennen und ihre Freundin abzuservieren.

Ohne Rücksicht schmeißt sie mehrfach Alex aus dem Bett, weil sie jetzt sofort eine Idee umsetzen will. Egal, dass der Kumpel müde ist, ausgelaugt, zum Teil ängstlich. April will und April kriegt. Das schafft sie nur, weil die Leute sie mögen, weil sie so viel Begeisterung ausstrahlt, dass alle einfach mitmachen. Irre, was so ein Widder alles bewerkstelligen kann.

Genauso planvoll setzt sie sich mit Kumpel Alex zusammen, um anzuwenden, was sie im Studium gelernt haben: Sie bauen April als Marke auf, mit Marketingstrategie und allem Drum und Dran. April steht für Verletzlichkeit und die Menschheit, während ihr Gegenüber – die Carls – für Macht stehen. Und entsprechend sind ab sofort alle Posts etc. einzuordnen.

Bitte auf dem Boden bleiben

Man kann nur von Glück sagen, dass April im Grunde ein anständiger Mensch ist: Sie findet, dass die Menschheit aufhören sollte, sich gegenseitig zu hassen, dass alle die gleichen Chancen haben und miteinander statt gegeneinander agieren. So handelt sie zwar manchmal wie ein großes Arschloch, aber sie versucht zumindest, etwas Gutes zu bewirken. Das hilft natürlich nicht gegen je individuelle Kränkungen und Missachtungen, die sie ihrem Umfeld gerne angedeihen lässt.

Das Schlimmste ist vielleicht, dass sie durchaus reflektiert genug ist, um zumindest manches Mal deutlich zu erkennen, was sie gerade tut. Leider führt es nicht dazu, kurz innezuhalten und ihre Aktionen anders zu gestalten.

Insofern, liebe Real-Widder da draußen, denkt bitte daran, was ihr mit eurem Widdersein anrichten könnt. Suhlt euch im Erfolg, wenn ihr wollt. Aber bleibt bitte mit beiden Beinen auf dem Boden und opfert nicht alles eurem Widdersein. Vielleicht ist es auch mal einen Tag nicht so schlimm, wenn alle anderen euch gerade nicht folgen oder nicht mögen …

Und liebe Nicht-Widder: Vielleicht ist es ja ganz gut, sich manchmal selber ein paar Widderhörner aufzusetzen und Widerstand zu leisten – und sei es auch nur, um einfach mal eine Nacht durchzuschlafen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Ein wirklich erstaunliches Ding
Autor Hank Green
Seiten 332
Ausstattung E-Book
Verlag dtv
Jahr 2019

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Foto: © IQRemix/flickr.com (bearbeitet) – (CC BY-SA 2.0)

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