chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Artemis Fowl

Ein Genie. Ein Junge. Ein Krimineller. Ein Guter. Ein Zwilling.

Damit könnte schon alles über Artemis Fowl gesagt sein. Könnte. Ich möchte aber noch ein bisschen ins Detail gehen: Mit 10 Jahren schreibt er unter einem Pseudonym Liebesromane, mit 13 hält Artemis Fowl mehrere Patente in unterschiedlichen Bereichen. Er veröffentlicht Aufsätze in Fachzeitschriften, etwa in Psychologie über den schädlichen Einfluss des Alters auf die Intelligenz (unter dem Pseudonym Doctor C. Niall DeMencha). Der Junge hat in diversen Online-Turnieren Schachgrößen Matt gesetzt. Er kennt sich in allen gängigen Technologien aus, verfügt über eine große Menschenkenntnis. In der Schule langweilt er sich zu Tode und die Psychologen, die sich mit ihm beschäftigen, bringt er zur Verzweiflung und dazu, ihren Job an den Nagel zu hängen. Er kann kreuz und quer denken und ist allen immer mindestens zwei Schritte voraus. Und er ist ein kriminelles Meisterhirn, dass nicht davor zurückschreckt, den allerallerletzten Seidensifaka der Welt an eine Gruppe tötungsgeiler „Extinktionisten“ zu verkaufen, um Geld zu machen.

Artemis Fowl ist Sherlock Holmes, sein Bruder Mycroft und Professor James Moriarty in einem.

Ein Mistkerl mit verstecktem Herz

Gleich im ersten Band zeigt er seine Raffinesse: Er glaubt mit einem gewissen, zielgerichtet eingesetzten jugendlich-kindlichem Staunen an die Existenz von Elfen und Feen und vor allen Dingen an die Geschichten über deren Gold. Denn er braucht Geld, um das Vermögen seiner Familie wieder aufzustocken. Also checkt er alle Berichte über das „Volk“ und geht ihnen nach. Nach und nach verifiziert der Jungschnösel mit dem Superhirn die Existenz der Unterirdischen – und dass ihre Verhaltensregeln alle in dem „Buch“ stehen, dem Gesetzbuch des „Volks“. Also setzt er einen Preis auf Hinweise aus und macht wahrhaftig eine Unterirdische aus, der er das Buch für eine halbe Stunde aus den Rippen leiert. Alle Seiten werden abfotografiert und dann macht sich der Meistergangster an die Arbeit – und schafft es, die Sprache der Feen und Elfen zu entschlüsseln.

Artemis entführt eine Elfe und macht sich sein Wissen über das „Volk“ zunutze: Er diktiert die Bedingungen, denn er kennt die Regeln, nach denen seine selbsternannten Feinde agieren. Und so gewinnt er eine Menge Gold. Gold, mit dem er die Suche nach seinem verschollenen Vater finanzieren kann. Hier und in der Sorge um seine Mutter sind die ersten Anzeichen dafür zu erkennen, dass der kühle Stratege nicht nur ein total durchgeknallter, arroganter und hyperintelligenter Mistkerl ist – sondern einfach auch ein einsamer Junge, der sich nach seinen Eltern sehnt.

Zweisam statt einsam …

Nach dem ersten Abenteuer wird er von den Unterirdischen gebeten, ihnen bei einem Fall zu helfen. Der Junge mit dem großen Hirn sagt zu und verzichtet am Ende sogar auf sein Honorar. Das wird immer „schlimmer“.

Frau mit spitzen Ohren, die eine Elfe darstellen soll. Foto: Suus Wansink/flickr.com

Holly Short ist die Elfe, die Artemis Fowl einfängt und als Geisel hält, um den Unterirdischen eine Menge Gold aus den Rippen zu leiern. Später werden sie Freunde und retten die beiden Welten immer mal wieder vor allen möglichen Gefahren.

Und so werden Artemis und die Elfe Holly Short (die, die er entführte) sogar Freunde und retten fortan immer wieder die Welt der Ober- und Unterirdischen. Sie werden ein gutes Team. Auch Butler, der Leibwächter des Jungen gehört zu dem Kreis und Foaly – Zentaur und technisches Entwicklungsgenie des „Volkes“ – unterstützt Holly nach Kräften mit dem neuesten Equipment.

In den mittlerweile acht Bänden entwickelt sich der Erbe der Fowlschen Dynastie von dem Oberekel ohne Skrupel hin zu einem Jungen, der seine Intelligenz nicht nur  zur Mehrung seines Vermögens mit unlauteren Mitteln einsetzt. Wie jeder Mensch (und jeder vom „Volk“) ist er entwicklungsfähig, was sehr erfreulich ist. Schließlich setzt er sich sogar für Ökologie und Umweltschutz ein und rettet sogar den Seidensifaka mittels einer Zeitreise.

Vom Saulus zum Paulus?

Eoin Colfer hat sich mit dem jugendlichen Gangster einen Zwilling einfallen lassen, der so intelligent ist, dass jeder andere Erdling davor verblasst. Der einfach mal drei Minuten nachdenkt und einen genialen Plan aus der Tasche zieht. Der unsportlich ist, dafür aber superduperhochbegabt. Der einem aber in den ersten Abenteuern auch den Ekel hochtreibt. So ein Widerling, so ein skrupelloser Heini, der seine frühpubertäre Phase damit auslebt, andere zu bestehlen und über’s Ohr zu hauen. Der überhaupt null Emotionen zeigt und sich so auch in Ordnung findet. Der einfach unerträglich eingebildet und von sich überzeugt ist, dass man ihm am liebsten irgendwas über den Kopf hauen möchte …

Glücklicherweise lässt Colfer Artemis eine Entwicklung angedeihen: Es fängt an mit den ganz kleinen Witzen, die der Hochintelligente ab und an macht und die er beiläufig bemerkt. Die Sorge um seine Mutter – die er zwar kaum zulässt, kaum irgendwo zeigt und die doch von seinem Faktotum Butler wahrgenommen wird. Seine pubertären Anwandlungen, die er zwar total selbstreflektiert kommentiert, aber doch zeigen, dass hier ein Junge ist. Sein Faible für Holly.

Und dass er es irgendwann total klasse findet, Freunde zu finden – er, den eigentlich noch nie jemand mochte. Schließlich ist er sogar so weit, dass er immer noch um seine großartige Intelligenz weiß, die ist aber jetzt gepaart mit einem Verständnis für andere, dafür, dass andere vielleicht nicht so intelligent und doch wertvoll sind. Und dass er erkennen kann, dass jeder seine Qualitäten und Mankos hat: Butler hat zum Beispiel seine Kraft, dafür ist Artemis körperlich total unfit. Oder: Holly ist ein strategisch toller Partner, während Artemis der mit den Plänen ist.

Vom Saulus zum Paulus, so könnte man Artemis‘ Wandlung beschreiben. Und das kann jeder Zwilling vielleicht nachvollziehen: Dass es einen durchaus befriedigen kann, wenn man plötzlich festststellt, dass die Freunde wirklich Anteil nehmen, weil sie endlich verstehen, wo der Zwilling geistig gerade weilt. Gebt euren Freunden also eine Chance, seid ab und zu mal etwas langsamer und verständnisvoller und vor allen Dingen: Erkennt an, dass auch sie was können! Ihr werdet alle davon profitieren und die Welt fühlt sich einfach runder an.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Artemis Fowl (verschiedene Bände)
Autor Eoin Colfer
Seiten unterschiedlich
Ausstattung Softcover
Verlag List Verlag
Jahr ab 2003

Es gibt mittlerweile acht Bände, auch als Hardcover und als E-Book.


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Foto: © Suus Wansink/flickr.com – CC BY 2.0

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