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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Das Rätsel Sigma

Ach ja, die Zwillinge, immer frisch vorneweg und allen anderen 17 Schritte voraus. Manchmal ist das ermüdend, oft spannend und interessant. Bei Sherlock Holmes konnte man immer davon ausgehen, dass er mit seinen schnellen Gedanken selbst dem ärgsten Bösewicht einen Schritt voraus war und ihn oder sie zur Strecke brachte – mal abgesehen von Professor Moriarty vielleicht …

Bei Wiebke Lehmann läuft der Hase leider ein bisschen anders: Die sympathische und energische Verfahrensingenieurin in der Forschungsproduktion Betalonvermüllung (FBV) ist dafür zuständig, Wege zu finden,  wie bestimmte Bakterien am effizientesten arbeiten. Die Regierungen in Karl-Heinz Tuschels „Das Rätsel Sigma“ sind sich nämlich schon 1996 bewusst, dass man mit riesigen Plastebergen nur die Umwelt zumüllt und haben deswegen entschieden, bei der Entwicklung neuer Stoffe gleich das Recycling mitzudenken.

Bakterien zur Höchstleistung animieren …

Und so wurden von Beginn an Betalon-fressende Bakterien gezüchtet, die auch nichts anderes futtern wollen. Sie zersetzen das Plastik und machen daraus wieder – den Grundstoff für Betalon. So ist ein Kreislauf geschaffen worden, in dem man kaum neues Betalon schaffen muss, da das alte ja immer wieder verwertet werden kann.

Allerdings gibt es noch ein Problem: die Bakterien fressen und verarbeiten das Betalon zwar, aber gewünscht ist ein höherer Ertrag. Und hier ackern Wiebke und ihr Mitarbeiter Konrad Ohnverricht, genannt K.O., wie die Wilden.

Die junge Wissenschaftlerin liebt ihren Job, bietet er ihr doch das, was Zwillinge unbedingt brauchen: Eine gewisse Unabhängigkeit, viel selbstständiges Arbeiten, eine unkonventionelle Tätigkeit und auch eine Arbeit an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen. Das beflügelt Wiebke ungemein, so will sie arbeiten, so macht es ihr richtig Spaß – und sie würde für nichts in der Welt mit irgendwem in einem normalen Forschungslabor tauschen. Und nach richtiger Zwillingsmanier hat sie immer wieder Ideen, wie sie die Bakterien zu Höchstleistungen bringen könnte. Das probiert sie dann aus – da sie jedoch auch eine gute Wissenschaftlerin ist, tut sie alles dafür, dass niemand Schaden erleidet bei ihren Versuchen.

Dafür ist auch K.O. da: Er ist der Techniker der beiden, der immer genau guckt, wie man am besten und sichersten eine neue Versuchsanordnung baut. Wiebke Lehmann steht dann ungeduldig daneben, sie will am liebsten sofort loslegen, sofort machen, machen, machen. Abwarten, das ist nicht ihr Ding. Aber sie ist klug genug, zu wissen, dass K.O. alles richtig machen wird und auf die Dinge achtet, die ihr in ihrem Vorwärtsdrang vielleicht entgehen. Insofern ist sie ein richtig verantwortungsbewusster Zwilling.

Schiefgegangen – und nun?

Leider passiert eines Tages doch ein Unglück. Obwohl Wiebke und K.O. alles richtig gemacht haben, auf alles geachtet haben und auch alle Sicherheitsvorschriften eingehalten haben. Zumindest dachten sie das, als sie die Bakterienkultur in einem Autoklaven mit einer Explosion bearbeiten. Dabei sollten eigentlich alle Bakterien zerstört werden, aber leider war das wohl nicht der Fall – und eine Reihe an Bakteriophagen werden in die Luft und mit einem Sturm auf eine Weide mit Viehfutter geweht. Das wird gemäht und zeitnah an Kühe in einem Milchbetrieb verfüttert. Das wiederum verändert die Milch und Menschen, die diese Milch tranken, fielen in einen komatösen Schlaf (wer’s genau wissen will, lese bitte das Buch, das ist alles recht komplex). Im Laufe des Buches werden diese Bakteriophagen Sigmaphagen genannt.

Wiebkes Mann, der für die Umweltbehörde diese ominösen Vorfälle aufklären soll, kommt dem nach und nach auf die Schliche und ist sehr erschüttert, dass schlussendlich seine Frau und K.O. verantwortlich zu machen sind.

Und Wiebke? Genauso schnell, wie sie sonst denkt und handelt, tut sie es auch in diesem Fall: Sie bekennt sich schuldig, viele Menschen durch ihr Handeln in Gefahr gebracht zu haben. Dass niemand ihr einen Vorwurf macht – schließlich haben sie und K.O. alles getan, was sie konnten, um den Versuch sicher zu machen -, ignoriert sie. Für Wiebke ist sie selbst schuld und so entscheidet sie sich rasch und konsequent, zur Gesundung der Schlafenden beizutragen, indem sie einen Selbstversuch startet. Sie nimmt selbst die Sigmaphagen zu sich, schreibt sich die genaue Zeit auf und fährt in das Krankenhaus, in dem die Betroffenen betreut werden.

Ganz selbstverständlich erklärt sie der verantwortlichen Ärztin, was sie getan hat und dass sie sich der Forschung zur Verfügung stellt, um herauszufinden, was die Sigmaphagen denn genau im menschlichen Körper anrichten – damit schließlich ein Gegenmittel gefunden werden kann. Glücklicherweise gelingt der Versuch und alle Menschen können geheilt werden.

Impulsive Lösungssuche

Was natürlich toll ist, ist, dass keiner Wiebke in die Hölle verdammt, weil alle wissen, dass dieser nette und quirlige Zwilling einerseits niemanden wissentlich schädigen wollte, andererseits aber auch trotz Ungeduld und Forschungsdrangs alles getan hat, um den Versuch sicher zu machen, natürlich auch mit Hilfe K.O.s angewandtem Gefahrenschutz.

Es ehrt unseren Zwilling, dass sie sich dafür interessiert, was ihr impulsives Handeln für Auswirkungen hat. Solche Zwillinge hatten wir bisher kaum, die meisten sind doch eher von der Sorte, dass sie mit sich beschäftigt vorneweg staken und was daraus wird, ob andere mitkommen etc. interessiert sie weniger – auch wenn sie im Grunde ihres Herzens gute Leute sind.

Es ehrt Wiebke auch, dass sie nach einem Ausweg für die Situation sucht. Nun ist dieser Ausweg ebenso impulsiv und wenig durchdacht – auch wenn er positiv endet. Es hätte ja auch anders kommen können. Trotzdem: den Arsch in der Hose zu haben, auch für einen großen Fehler einzustehen, den man vielleicht gemacht hat, weil man mit der eigenen ungeduldigen und sprunghaften Art andere gefährdet hat, das kann nicht jeder. Davon können sich alle eine Scheibe abschneiden, egal, ob Zwilling oder sonst ein Sternzeichen!

Aber bitte, lasst euch in einem solchen Fall nicht von eurer Zwillingsnatur hinreißen, zack zack eine Lösung zu finden und euch damit am Ende selbst in Gefahr bringen. Das bringt niemandem was.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Das Rätsel Sigma
Autor Karl-Heinz Tuschel
Seiten 271
Ausstattung Hardcover
Verlag Neues Leben Berlin
Jahr 1974

Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.


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