chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Mustererkennung

Cayce Pollard ist jung, intelligent und reagiert allergisch auf Marken. Kritiker der konsumorientierten Marktwirtschaft mögen jetzt bestätigend nicken und sagen: Ja, kenn ich. Aber das ist nicht ganz richtig. Denn Cayce reagiert tatasächlich mit Symptomen körperlicher Unverträglichkeit auf Embleme, Logos und alles andere, das mit TM gekennzeichnet ist.

Diese Reaktion ist zum Glück nicht bei allen Marken gleich schlimm, daher gelingt es Cayce, weitestgehend ohne Übelkeit durch die Welt zu gehen. Sie trägt No-Name-Klamotten, hat ihre Wohnung kaum eingerichtet, guckt kein Werbefernsehen und so weiter und so fort. Wenn es sie beim unerwarteten Anblick des Michelin-Männchens doch einmal überkommt, hat sie eine einigermaßen zuverlässige Strategie entwickelt, den Schock zu überwinden.

Die Allergie zum Beruf machen

Interessanterweise hat sie aus ihrer Not einen Job gemacht und ist in der Werbewelt als Logo-Prüferin unterwegs. Das bedeutet, dass Firmen sie bei der Neuentwicklung eines Logos einladen und sie einen Blick darauf werfen lassen. Dank ihrer Hypersensibilität kann sie beim ersten Blick darauf sagen, ob das Logo auf dem Markt funktionieren wird oder nicht. Das ist kein besonders zeitintensiver Job und sie erhält einen verdammt guten Stundenlohn. Aber ihre Kunden können sich auf ihr Urteil felsenfest verlassen. Das macht sie in der Branche äußerst beliebt.

Die Geschichte, die William Gibson in Mustererkennung erzählt, geht noch über diese Marketing-Welt hinaus und berichtet von geheimnisvollen Videos im Internet, damit verbundenen Verschwörungen und verwirrenden Verwicklungen um beides herum. Sie ist aber an dieser Stelle nicht wichtig. Denn der diesjährige Zwilling manifestiert in Cayce und ihrem ungewöhnlichen Talent.

Ihre Markenallergie ist eine einzigartige Gabe. Gleichzeitig hat diese Gabe für viele Menschen einen hohen Wert. Unabhängig davon, ob Cayce selbst diese Gabe schätzt oder nicht – sie wird von anderen Leuten dafür bewundert und beneidet.

Großes Talent macht einsam

Doch durch die Einzigartigeit dieses Talents ist sie allein. Allen anderen in Sachen Markenwirksamkeit denkt sie weit voraus, niemand befindet sich mit ihr auf einer Höhe und kann ihr noch folgen. Ihre Bewunderer sind meistens gleichzeitig ihre Auftraggeber, die sich zwar über ihre Fähigkeit freuen und diese nutzen, gleichzeitig aber gar nicht wissen, was sich bei einem Meeting mit ihr eigentlich abspielt.

Ihre heftige Reaktion auf Marken. Logos und dergleichen bringt sie in eine zwiespältige Situation. Einerseits ist sie allen anderen darin überlegen, genau sagen zu können, welches Logo ein Erfolg wird und welches untergeht. Noch während ihre Kunden über Stil und Farbe diskutieren, hat sie schon ihr Ja oder Nein vorgelegt und damit das Gespräch beendet. Andererseits bleibt sie damit ständig außen vor – sie kommt rein, sagt ihre für alle so wertvolle Meinung und noch ehe alle anderen begriffen haben, wo der Knackpunkt in ihrem Design liegt (im Guten wie im Schlechten), ist sie auch schon wieder weg.

Trotzdessen dass Cayce Kontakte und Freunde hat – meistenteils jenseits ihrer Markenwelt – ähnelt sie in gewisserweise einer einsamen Wölfin. Sie fühlt sich der Konsumwelt nicht zugehörig (will das ja auch gar nicht) und damit von der westlichen Welt in vieler Hinsicht ausgeschlossen. Die westliche Welt funktioniert nunmal durch Werbung und wenn man diese meidet, meidet man auch oft das öffentliche Leben.

Cayce fühlt sich wohl, so wie sie ist, sie hat sich gut arrangiert. Doch kommt bei dem Gedanken an die vielen anderen Zwillinge auf dieser Welt die Frage auf: Wie geht es denen wohl? All diesen Ideenblitzhabern, Talentüberfliegern, Inselbegabten, die auf ihrem Gebiet schneller sind als anderen; die alle anderen daher oft freiwillig oder unfreiwillig zurücklassen oder denen die anderen nicht mehr folgen, weil es einfach zu anstrengend oder zu abgedreht wird? Bestimmt fühlen sich manche von ihnen zumindest ab und zu etwas verloren. Vielleicht merkt man es nicht allen an. Falls uns Nicht-Zwillingen jedoch irgendwann eines dieser (möglicherweise seltenen) Zwillingsexemplaren in die Hände fällt, können wir ihm ja einen Kaffee anbieten.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Mustererkennung
Autor William Gibson
Seiten 460
Ausstattung Taschenbuch
Verlag dtv
Jahr 1982

 


zurück zum Zwilling
zurück zum Buchhoroskop

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: