chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Geschlechter des Universums

Man braucht gar nicht so weit zu reisen wie wir hier, um andere Lebensformen kennen zu lernen: Unsere Regenwürmer sind Zwitter und begatten sich gegenseitig.

Seit langem ist bekannt: Binarität ist out! Sogar die deutsche Bundesregierung hat das schon eingesehen und das dritte Geschlecht eingeführt: Am 22.12.2018 trat ein Gesetz in Kraft, nach dem man bei der Geburt seines Kindes als Geschlecht divers eintragen lassen kann.

Liest man sich durchs bekannte Universum an SF, Fantasy und Kinderbüchern, stellen wir allerdings fest, dass es meistens doch die klassische – vermeintlich traditionelle – Zweigeschlechter-Verteilung ist, die da in den Millionen Welten vorkommt. Man kommt halt nicht aus seiner – menschlichen!! – Rolle raus, oder?

Auch der körperliche Aufbau scheint meist ähnlich bis gleich – wie sonst sollte es gehen, dass so viele Leute mit Extraterrestriern Sex haben und es ja scheinbar auch prima klappt, also auch mit den passenden Körperteilen an den halbwegs „richtigen“ Stellen …

Beim Streifen durch die Literatur der verschiedenen Universen merkt man jedoch schnell, dass drei noch lange nicht genug sein müssen. Doch welche Geschlechter gibt es denn nun? Das fängt an mit den Timelords aus Dr. Who, die nach einer Reinkarnation auch mal das andere Geschlecht haben können und endet vielleicht bei den Boov mit ihren sieben Geschlechtern. Wir haben uns auf die Suche begeben und nehmen euch mit auf eine kleine Reise in die wunderbare Welt der extraterrestrischen Vermehrung:

Wer? Boov
Wo (z. B. Planet)?
Planet der Boov, zeitweise auch: Erde
Anzahl Geschlechter
7
Beschreibung Die Boov haben sieben Geschlechter. Wie sie bezeichnet werden und wie die Boov Unterschiede erkennen, wissen wir nicht.
Allerdings wissen wir, wie sie sich vermehren: Ein vermehrungswilliger Boov legt an einem bestimmten Ort in einer Boov-Stadt sein „Ei“. Andere Boov, die ebenfalls Interesse an der Vermehrung haben, tun das ihre (was auch immer das ist) dazu.
Die „Eier“ – oder wie auch immer man das benennen will – liegen weiter dort, bis kurz vor’m „Schlüpfen“. Dann werden sie eingesammelt und in eine Art Kinderheim gebracht. Die kleinen Boovs werden dort aufgezogen. Es gibt also auch keine Familie, wie wir sie kennen, keiner weiß, wer seine sieben Eltern sind.
Wo beschrieben? Happy Smekday/Adam Rex
Wer? Karhider (Einwohner des Landes Karhide), aber auch alle anderen Völker auf dem Planeten
Wo (z. B. Planet)? Planet Gethen (bzw. Winter)
Anzahl Geschlechter 0, im Kemmer 2
Beschreibung Die Bewohner des Planeten Winter sind die meiste Zeit des Jahres asexuell, sie haben kein Geschlecht. Einmal im Monat jedoch kommen sie in eine Kemmer genannte Zeit.
Es gibt zwei Phasen des Kemmer: Nach einer Hormonausschüttung ist man in der ersten Phase weiter androgyn. Bleibt man allein oder in Gesellschaft von anderen, die nicht im Kemmer sind, passiert nichts weiter, als dass man total erregt ist – das überlagert alles andere. Trifft man auf einen anderen im Kemmer, wird die Hormonproduktion weiter angekurbelt, und zwar, bis bei einem der beiden Partner entweder das Weibliche oder das Männliche dominiert. Entsprechend werden die Geschlechtsorgane aus- oder rückgebildet. Der andere Partner reagiert darauf und bildet die anderen Merkmale aus. Diese zweite Phase dauert bis zu zwanzig Stunden.
Hatte man den weiblichen Part und wurde schwanger, hält die weibliche Phase bis zur Geburt und dann noch die Stillzeit über an. Danach kehrt man in den androgynen Status zurück.
Übrigens hat man während des Kemmer Urlaub, niemand braucht dann seinen üblichen Verpflichtungen nachzukommen – man ist ja auch kaum in der Lage dazu.
Es ist möglich, sich lebenslang Kemmering zu schwören, das entspricht unserer Ehe. Oft paaren sich zwei Gethenianer, es gibt aber auch Gruppensex und Sex zwischen „Männern“ oder „Frauen“.
Für Menschen von Gethen sind wir perverse Wesen, die immer im Kemmer und immer im selben Zustand sind. Auch auf ihrer Welt gibt es drei bis vier Prozent, die eine Art genetischer Fehlfunktion haben und sich immer im Kemmer befinden und in nur weiblich oder männlich. Sie sind jedoch unfruchtbar und werden von der Gesellschaft geduldet, aber mit Verachtung betrachtet und „Halbtote“ genannt.
Trifft etwa eine Frau von der Erde auf einen Bewohner Winters in der Kemmer, so wird dieser Bewohner entsprechend das andere Geschlecht annehmen
Wo beschrieben? Winterplanet (neu: Die linke Hand der Dunkelheit)/Ursula Le Guin
Wer? Hreng
Wo (z. B. Planet)?
Planet Pulaster
Anzahl Geschlechter
1
Beschreibung Die Hreng sind eingeschlechtliche, intelligente Saurier.
Einmal im Jahr geraten die Hreng in den sogenannten Trâl, das ist so was wie die Brunftzeit. Sie bessern ihre Nester und Burgen aus und bereiten sich auf Nachwuchs vor.
Dann folgt eine Zeit, in der sie Sex miteinander haben, wobei jedes Hreng sowohl die weibliche als auch die männliche Rolle einnimmt. Insofern ist es vielleicht fraglich, ob sich die Wissenschaftler nicht vertan haben und die Hreng eigentlich Zwitter sind …
Nach dem ganzen Sex gibt es abschließend ein großes, mehrere Tage dauerndes Fest, an dessen Ende alle ihre Eier in ein gemeinsames Nest legen.
Wo beschrieben? Pulaster/Angela und Karlheinz Steinmüller
Wer? Marsianer
Wo (z. B. Planet)? Mars
Anzahl Geschlechter 2. Aber pro Person. 
Beschreibung Marsianer sind zweigeschlechtlich. Was bedeutet, dass sie die meiste Zeit über beiden Geschlechtern zugehörig sind und nur zu bestimmten Anlässen wenden sie sich einem der beiden Geschlechter zu und werden monosexuell. 
Allerdings dient das Geschlecht der Marsianer nicht nur der Fortpflanzung, sondern vor allem der Kommunikation. Marsianer sind feinfühlige Wesen, die Wert auf eine sensible Art der Kommunikation legen. Um den verschiedenen Facetten tiefgründiger Kommunikation gerecht zu werden, kommunizieren sie mit ihrem ganzen Körper und nicht nur verbal: Ihre Hände, ihre Zunge und alle anderen Körperteile, die mit einem größtmöglichen Tastsinn ausgestattet sind, werden bei der Kommunikation eingesetzt. Geht es um die Kommunikation von besonders sensiblen Themen oder Gefühlen, läuft diese eben über die Geschlechtsorgane. 
Im Gegensatz zu den Menschen der Erde (hier Terraner genannt) bedecken die Marsianer ihre Geschlechtsorgane im Allgemeinen nicht. Dass die Terraner das tun, finden sie im höchsten Maße ungehörig, denn es ist ein Zeichen der Verweigerung und Ablehnung tiefgehenden Kommunizierens. 
Überhaupt ist eine wirkliche Verständigung zwischen Terranern und Marsianern über den Austausch wissenschaftlicher Daten und Fakten hinaus sehr schwierig. Marsianer halten Terraner für oberflächlich und grobschlächtig. Und Terraner nutzen beim Reden eben nur sehr selten ihre Geschlechtsorgane und sind daher schnell peinlich berührt. Was man auch beachten sollte: Wenn die Kommunikation mit einem Marsianer doch mal gut läuft, kann man als terranische Frau ganz schnell schwanger werden …
Wo beschrieben? Memoiren einer Raumfahrerin/Naiomi Mitchison
Wer? Menschen
Wo (z. B. Planet)?
ungenannter Planet irgendwo
Anzahl Geschlechter
2, Staids und Bails
Beschreibung Wahrscheinlich sind die Einwohner dieses Planeten Nachfahren von Menschen, die irgendwann hier landeten und sich dann weiter entwickelten.
Es gibt immer noch zwei Geschlechter, die Staids und die Bails. Beide leben nach bestimmten Regeln, die für Außenstehende ziemlich undurchsichtig sind. Allerdings leben sie auch in „Kohorten“, was im weitesten Sinne unserer Familie oder einer Art WG entspricht. Zudem tritt jeder Mensch in mindestens zwei Körpern auf, oft drei, manche auch in mehreren. Die Körper agieren unabhängig voneinander, sind aber mental verbunden. Alle Körper einer Person haben das gleiche Geschlecht.
Bails werden mit dem Personalpronomen „er“ bezeichnet, haben jedoch Brüste. Bails zeigen Emotionen, weinen, brüllen oder sind aggressiv. Für ihrer aggressiven Momente gibt es die „Matten“, eine Art Sparringsraum, wo sie sich ritualisiert prügeln können. Bails haben durchaus ausgiebig Sex miteinander.
Staids werden mit „sie“ bezeichnet, sie üben sich (lebenslang?) in der sogenannten „Langen Konversation“, eine Art Meditation und Diskurs in einem. Die Details des Rituals werden vor den Bails geheim gehalten, genauso, wie die Bails ohne Staid-Zuschauer auf den Matten kämpfen. Staids sind eher emotionslos (Weinen wird zum Beispiel abtrainiert) und statt Sex gibts Kuscheln …
Nachwuchs wird von mehreren gezeugt, dabei können sowohl Bails als auch Staids beteiligt sein. Es gibt Kinder, die 80 Eltern haben. Wie genau das Zeugen geht, ist nicht bekannt.
Anfangs sind die Kinder einkörperlich, werden aber zu einem bestimmten Zeitpunkt von den sogenannten Hebammen gegendert, ab diesem Zeitpunkt treten auch die anderen Körper auf.
Neben der „natürlichen“ Geschlechtlichkeit ist es in der Bevölkerung beliebt, sich primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale umgestalten zu lassen – genauso wie auch den ganzen Rest der Körper.
Wo beschrieben? Die Auflösung/Benjamin Rosenbaum
Wer? Truhen
Wo (z. B. Planet)?
Scheibenwelt
Anzahl Geschlechter
1 oder 2 … eigentlich weiß man’s nicht so genau
Beschreibung Bei Truhen aus intelligentem Birnbaumholz scheint alles möglich zu sein. Jedoch – wie Zauberer Rincewind beobachten konnte – scheint diese Verarbeitungsform eine eigene Spezies bilden zu wollen: Sie werden nicht länger von Schreinern, Tischlern oder zauberkundigen Hobbybastlern gefertigt, sondern sorgen selbst mit Säge, Hammer und Nägeln für die Verbreitung intelligenten truhenförmigen Birnbaumholzlebens.
Zumindest konnte Rincewind seine eigene Truhe mit einer anderen Truhe flirten sehen und hörte des Nachts entsprechende Sägegeräusche …
Wo beschrieben? Echt zauberhaft/Terry Pratchett

Ungeklärte Fälle

Da die heutigen Exobiologen noch keinen Außerirdischen getroffen haben – oder zumindest noch keinen, den sie a) identifizieren und b) befragen konnten, bleiben noch eine Menge Fälle offen. Hier nur ein paar:

Wir fragen uns etwa, welches Geschlecht der Huluvu, der intelligente Schatten blauer Färbung aus dem Anhalter, hat. Ist es, um in unseren Klischees zu bleiben, auf jeden Fall ein „männliches“ Exemplar – wegen der blauen Färbung? Oder ist die Farbe nur für uns sichtbar, dem Schatten aber piepegal und wir stehen kurz vor diplomatischen Verwicklungen aufgrund unserer dusseligen Interpretation?

Ebenfalls im Anhalter wird von den Matratzen auf Squornhöllisch Zeta berichtet: Sie leben ihr matratziges Leben im Sumpf und wenn sie reif sind, kann es passieren, dass sie geschlachtet und getrocknet werden, damit irgendein anderes Wesen seinen müden Körper nächtens darauf betten kann. Aber wie läuft die Vermehrung da ab? Gibt es Herrn und Frau Matratze, die im wässrigen Lebensraum Baumwolle und Kapokfasern ausscheiden, um neue Matratzengenerationen zu produzieren? Oder teilen sich die ruhigen Gesellen einfach? Wir wissen es nicht und Forscher Douglas Adams ist leider nicht mehr da, um unsere Fragen zu beantworten.

Sonnenuntergang, das Meer sieht orange aus.

Vielleicht sieht so der Ozean auf Solaris aus? Geheimnisvoll und vielleicht eingeschlechtlich …

Genauso bleibt offen, was mit dem orangenen Ozean in Solaris los ist. Irgendwie scheint das flüssige Etwas ja intelligent zu sein und Versuche zu starten, mit den jeweiligen Besatzungen der Raumstationen Kontakt aufnehmen zu wollen – oder sich zumindest als Psychotherapeut für Raumfahrer betätigen zu wollen. Ist dieser Ozean der einzige seiner Art? Und wenn es nur eins ist, was für ein Geschlecht könnte es haben? Oder ist es eher wie eine Art Riesenamöbe zu betrachten, für die Geschlecht noch etwas vollkommen unnötiges ist? Was würde passieren, wenn man einen Becher voll Ozean auf den Mond oder die Erde stellen würde?

Und was ist mit dem gottähnlichen Glimmung aus Philip K. Dicks Der galaktische Topfheiler? Es handelt sich um ein Wesen, dass seine Gestalt nicht nur ein bisschen ändern kann, sondern die Fähigkeit hat, auf mehreren Planeten gleichzeitig zu sein und mit anderen Wesen telepathisch in unterschiedlichen Sprachen zu kommunizieren. Aber ob es ein Geschlecht hat, ist unklar.  Muss es denn eins haben? Gibt es denn ein zweites Wesen seiner Art, mit dem es so etwas wie Verkehr haben könnte? Hat es überhaupt das Bedürfnis, sich zu vermehren – muss es seine Art erhalten? Fragen über Fragen. Meine Annahme lautet, dass es kein Geschlecht hat, weil es keins braucht – wozu unnötige Kategorien schaffen?


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Fotos:
Regenwurm © M. Großmann/PIXELIO
Sonnenuntergang © S. Kunka/PIXELIO


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