chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Milch macht’s …

Illegale Drogen sind eine Sache – süchtig kann man aber auch nach ganz anderen Dingen werden. Vermeintlich harmlose Lebensmittel wie Schokolade können ebenso abhängig machen wie die Substanzen, die wir für euch hier getestet haben.

Ich manchen Büchern werden solche Abhängigkeiten etwas zu harmlos dargestellt (unserer Auffassung nach). Wir spielen also heute mal Drogenspürhund und Suchtberatung und präsentieren euch die Süßigkeiten-Junkies und Milch-Sprities unter den Bücherhelden, die uns wirklich Sorgen bereiten. Nicht zur Nachahmung empfohlen!

Schokolade

Jedes Kind bekommt es gepredigt: Nicht zu viel Schokolade, weil zu schlecht für die Zähne, macht dick und und und … und trotzdem gibt es diejenigen, die nicht aufhören können mit den kakaohaltigen Leckereien:

TKKG, wer kennt sie nicht! Unschlagbare (Fast-)Teenager, die jedes noch so verzwickte Verbrechen aufklären und den Schwachen zu Gerechtigkeit verhelfen. Tim/Tarzan, der Anführer, entspricht auch dem Modell des Kinderserien-Superhelden: klug, gutaussehend, sportlich und verdammt vernünftig. Wenn er es mal so richtig  krachen lässt, setzt er sich mit einem Glas Milch und einer Birne in die Sonne.

Sein Kumpel Klößchen ist körperlich das genaue Gegenteil: dick und schwerfällig. Ihm hängt schon die Lunge aus dem Gesicht, wenn er die Internatsstufen hochjapst, und alle Versuche Tarzans, ihn zum Sport zu bewegen, scheiterten kläglich. Der Grund dafür ist übermäßiger Schokoladenkonsum. Als Sohn eines Schokoladenfabrikanten hat er die Taschen stets voll und 3-4 Tafeln Schokolade haut er am Tag locker weg. Wenn er aus irgendeinem Grund darauf verzichten muss, sinkt erst seine Laune, dann spricht er von Hunger und Mattheit und wird am Ende ganz schwach. 3-4 Tafeln Schokolade täglich isst ein normaler Mensch nicht einfach so. Das muss man lange geübt haben. Welche gesundheitlichen Folgen dies für einen 13-jährigen hat, möchte ich an dieser Stelle gar nicht erörtern – ich erwähne neben der Fettleibigkeit nur einmal ganz kurz Diabetes.

Schlimm an der Sache ist, dass sein bester Freund Tarzan zwar bei jedem Bier, das er in der Hand eines Menschen sieht, „Suchtproblem“ und „Polizei“ schreit, die Suchtkrankheit Klößchens jedoch gepflegt übersieht. Mehr als Sticheleien zur Unsportlichkeit und ab und zu eine Ermahnung, ein bisschen weniger Schokolade wäre sicherlich vernünftig, passieren da nicht. Verantwortung, von der Sir Tarzan gerne spricht, kennt er offenbar nicht.

Kaja (Katharina) Löwenstein, Lauras beste Freundin in der „Laura“-Reihe von Peter Freund, ist das Pendant zu Klößchen: Auch sie isst für ihr Leben gern Schokolade, ist pummelig und nicht so fix und sportlich wie ihre Freundin. Und sie kann nicht einmal genießerisch eine Tafel Schokolade essen. Nein, in der Regel „zerfetzt“ sie das Silberpapier, immer wieder weist der Autor darauf hin. Und anständig essen, das hat sie auch verlernt. Ein manierliches In-den-Mund-schieben der Schokostückchen schafft sie nicht, sie sieht beim und nach dem Essen der leckeren Tafeln total schokoverschmiert aus, nicht nur ihr Mund hat einen braunen Rand, auch Kinn und Wangen sind davon betroffen. Sie schlingt die Schokolade herunter, als gäbe es kein Morgen, sie kaut auch, wenn sie mit ihren Freunden spricht. Es ist also nicht nur eine Sucht, nein, es ist eine gierige Sucht, die das Mädchen zu maßlosem Schokogenuss treibt – eine Sucht, die schon so weit gediehen ist, dass Anstand und Manieren hintenüber fallen. Übrigens geht Kajas Sucht auch schon auf ihr übriges Essverhalten über: Auch beim Mittagessen vertilgt sie große Portionen – und sieht auch hier nach dem Essen nicht mehr sauber aus …

Leider findet man weder bei Klößchen noch bei Kaja irgendwelche Hinweise darauf, dass die Freunde die Schokoliebe als das sehen, was sie ist: Eine Sucht. Nicht einmal die Eltern von Klößchen oder sonstige Erziehungsberechtigte sagen etwas und die Freunde sind dadurch Co-Abhängige, die die Sucht herablassend betrachten, aber selten etwas sagen, geschweigen denn, dass sie sich Sorgen machen.

Und so tragen die beiden Kids das gleiche Los: der fette Sidekick des Hauptprotagonisten zu sein. Man könnte sich fragen, ob die beiden von ihren Erfindern und/oder Freunden absichtlich in ihrer Schokosucht gehalten werden, damit die anderen als die tollen, sportlichen, aktiven Teenies dastehen können. Das wäre eine bodenlose Gemeinheit.

Gesetzt den Fall, die beiden sind einfach so süchtig, fragt man sich als aufmerksamer Leser natürlich nach den Ursachen. Kaja hat keinen Schokofabrikantenpapa, der als Ausrede fungieren könnte. Wahrscheinlich haben die Eltern sie nicht nur ins Internat abgeschoben, vielleicht haben sie das Mädchen schon früh mit Schokolade und Naschereien ruhig gestellt. Dann muss man sich ja weniger mit so einem Kind auseinander setzen. Böse, böse, denkt ihr? Tja, wie sagte schon Christoph Marzi: „Die Welt ist gierig und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit Haut und Haaren“* …

Honig

Also, Winnie Pu ist ja sowieso ess-süchtig. Das merkt man schon daran, dass er spätestens gegen elf Uhr morgens immer so ein Grummeln im Magen hat, das ihm sagt, dass er jetzt schnell einen Mundvoll Leckeres zu sich nehmen sollte. Sollte er das einfach mal eine Woche sein lassen müssen, hätte er mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Problem in Form von massiven Entzugserscheinungen (die sich bei ihm unter anderem bestimmt als enorm lautes Magenknurren bemerkbar machen würden).

Besonders lecker ist um diese Zeit natürlich ein ordentlicher Topf voll Honig. Und der einfache, normale Bienenhonig ist für Meister Petz im Allgemeinen und Winnie Pu im Besonderen etwas so Leckeres, dass er nicht daran vorbeikommt. Egal, zu welcher Uhrzeit.

Winnies Sucht führt ihn dazu, sich in die größten Gefahren und in die Kriminalität zu begeben, um an seinen Stoff zu kommen: Er klettert auf hohe Bäume, um ein Bienennest auszuplündern, ja, er geht sogar so weit, seinen besten Freund dazu zu bringen, ihm zu assisitieren, als er auf perfide Art und Weise die Bienen zu täuschen versucht, um den Honig zu stehlen.

Seine ganze Gier macht sich auch psychisch bemerkbar: Sogar in seinen Träumen ist der Honig präsent und manches Mal wacht er nachts erschreckt auf, weil er geträumt hat, dass seine gebunkerten Honigtöpfe weg, leer oder geraubt sind. Dann muss er natürlich sofort nachzählen und mindestens einen leerfuttern.

Honig und vor allen Dingen Winnie Pu sind eine fatale Suchtbeziehung, die sogar so weit geführt hat, dass alle seine Freunde als Co-Abhängige fungieren. Aber es besteht Hoffnung: Schließlich bietet er seinen Freunden auch mal etwas von dem Honig an und der gute Wille, anderen etwas von seinem Honig zu schenken, ist durchaus auch da – auch wenn es meist so endet, dass Pu den Honig gedanken- und suchtverloren selbst aufisst.

Müller (hoch drei) und die Schnitzel

Über Müller hoch Drei habe ich im Grunde schon genug gelästert, aber einen kurzen Kommentar zum Schnitzelkonsum von Müller-Schwester 1 kann ich mir doch nicht verkneifen: Sie isst ständig welche … und ihr Bruder hält es genauso mit Milchreis. Sobald den beiden etwas anderes vorgesetzt wird, sinkt die Laune ins Bodenlose. Sobald das Zeug verfügbar ist, futtern sie es in rauhen Mengen … Immerhin muss man den beiden zugestehen, dass sie sich in einer Ausnahme-Situation befinden, da sie ja keine Familie mahr haben und sich um andere Dinge kümmern müssen undsoweiter … Also gut – ich will  nicht mehr meckern 🙂

Mehli und das Mehl

Es stimmt schon, ein Mehlkäfer isst Mehl. Und wenn er nicht regelmäßig welches bekommt, darf er sich gern freuen, wenn es mal wieder welches gibt. Aber Mehli ist schon sehr erpicht auf seine Leibspeise. Seit er sie das erste Mal gekostet hat, kann er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles richtet er darauf aus, wieder welches zu bekommen. Dabei begibt er sich in mächtig gefährliche Situationen – und dass, obwohl er nicht gerade ein Abenteurer ist.

All das spricht schon für eindeutig mehr als nur bloßes Gefallen an dem weißen Pulver. Doch richtig bedenklich wird es, wenn er sogar seine Freunde zurücklässt, nur um wieder Mehl zu kriegen. Denn wie gesagt, an Abenteuern oder an Reisen ist ihm eigentlich nicht gelegen – im Gegenteil. Doch er überwindet seine große Angst, verabschiedet sich von seinen Liebsten, wartet eine ganze Nacht lang lang angstvoll auf einem Hausgiebel, und das alles für – Mehl. Also, wenn das keine Abhängigkeit ist …

Milch

Kuhmilch in Rohform kennt ja fast niemand mehr – oder wann hast du das letzte Mal frisch gemolkene Milch mit dem Odeur von Kuh getrunken? Hast du überhaupt schon jemals frische Kuhmilch getrunken? Ich ja, früher als Kind. Und ich erinnere mich, dass meine Mutter ganz leckere Dickmilch daraus machte – das geht mit der Milch, die wir heute im Laden kaufen können überhaupt nicht. Es ist also was dran an der frischen Kuhmilch. Aber als Suchtmacher?

Für uns nicht, aber für die Kobolde aus dem Koboldland-zu-Luft-und-Wasser aus Karl-Heinz Witzkos Koboldbüchern ist frische Kuhmilch das, was bei uns eine ordentliche Sause mit guten Cocktails ist: Total lecker, sie können kaum aufhören zu trinken, sind aber am Ende sturzhackedicht. Filmriss und Kater am nächsten Morgen inklusive.

Das nutzt auch manch ein Kobold aus. Hauptfigur Brams lernt es etwa nie, dass er bei seinem Arbeitgeber das Gläschen Milch besser ausschlägt: Am nächsten Tag muss er immer wieder feststellen, dass er einen Knebelvertrag mit miesen Konditionen für sich und seine Truppe unterschrieben hat. Autsch.

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*Christoph Marzi: „Lycidas“, Heyne 2013, S. 11

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