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Bücher über kleine, große und fremde Welten

„Fantasy-Küche“ – Das Kochbuch des Mittelalters

Fantasy bedeutet ja in der Regel: Es gibt eine Welt, in der es Magie gibt. Entsprechend gibt es Zauberer. Und „normale“ Menschen. Die häufigste Regierungsform ist die Monarchie mit entsprechend Königen und Adelsfamilien – dem die meisten Protagonisten entstammen. Das einfache Volk taucht in Form von Dienern und Bauern auf – und in Form von Handwerkern, die zum Beispiel tolle Schwerter schmieden können. Üblicherweise gibt es neben den Menschen noch ein paar andere Spezies: Zwerge (die meistens den Bergbausektor bedienen), Elfen (sind meist für Weisheit und Schönheit, aber auch Arroganz und Weltentrücktheit zuständig) und Orks (immer die Bösen). Gelegentlich treten intelligente, sprechende Tiere, Trolle (derb und brutal) oder sonstige interessante Geschöpfe auf.

Fantasy bedeutet entsprechend eine deutliche Schwarz-weiß-Malerei, die stark an ein mehr oder weniger verklärtes Mittelalterbild erinnert. Auch im Mittelalter war die Bevölkerung strikt und stark getrennt: die da oben und die da unten. Das hat sich auch beim Essen gezeigt.

In Fantasy-Büchern gibt es in der Regel zwei Arten von Essen: Das, was die Helden unterwegs essen und das, was sie zu Hause, bei Freunden, in Gaststuben etc. essen. Letzteres hat häufig mit Brot, Fleisch und Eintopf zu tun. Aber wie sah die Realität aus?

Kochbuch des Mittelalters

Trude Ehlert hat in ihrem „Kochbuch des Mittelalters“ einen umfassenden und guten Einblick in die Küche und Essgewohnheiten hierzulande in der Zeit zwischen 11. und 17. Jahrhundert gegeben. Sie zeigt auf, wie sehr das Essen vom Stand des Einzelnen abhängig war, aber auch, wie stark die Kirche Einfluss auf die Gerichte hatte – allein schon die unzähligen Fastentage bedeuteten, dass in etwa einem Drittel des Jahres kein Fleisch gegessen werden durfte. Schaut man sich das einmal an und denkt über die Leute in unseren Fantasy-Romanen nach, so kommt man schnell darauf, dass hier manches Mal doch unsere Gewohnheiten mit in die Vorstellungen des Autors einfließen – oder wie oft liest man von einem Gasthaus, in dem nur Brei und Bier angeboten wird, weil sich die übliche Klientel sowieso nichts anderes leisten kann?

Bauern- und Herrenspeise

Blick in eine mittelalterliche Küche im Fuggerei in Augsburg

In der Fuggerei in Augsburg kann man einen Blick in eine original mittelalterliche Küche werfen. Der Herd ist meilenweit von unseren High-Tech-Geräten mit Induktion und Ceranfeldern entfernt …

Der einfache Mensch, Bauer oder Handwerker oder Diener, lebte nach Ehlert vor allen Dingen von Getreideprodukten. Getreide bedeutete somit Getreidebrei aus Gerste oder Hafer und Hafer- und Roggenbrot. Das Brot war grobes Brot, selbst unser heutiges Vollkornbrot ist dafür wohl noch zu fein. Weißmehl gab’s nur für die Oberen. Zudem lebte das „einfache Volk“ von Gemüse, vor allem Kohl und Rüben wurden gegessen.

Fleisch wurde in der Regel in Form von Geflügel gehalten, meist wurden nur die Eier verzehrt, das Geflügel selbst als Teil des Zehnten an den Herrn abgeführt. Gab es ein Schwein, so wurde es ebenfalls größtenteils im Herbst als Steuern abgegeben. Die Bauern selbst verzehrten nur den Speck und Wurst, Lunge und Nieren. Die Bratenstücke, Leber, Hirn oder Bries gingen an die Herrschaft. Wild war nur für die Herrentische (Herren definiert Ehlert als diejenigen, die über Land und Leute verfügten) bestimmt, machte aber lediglich rund fünf Prozent aus. Wenn es Fleisch gab, wurde der Bedarf von den Haustieren geliefert – wobei auch Schwäne und Pfauen als Zuchttiere gehalten wurden.

Fisch wurde von allen gegessen, allerdings waren die Bauern auf das angewiesen, was nahegelegene Bäche und Flüsse so boten. Lachs oder Aal war nur für die Höhergestellten. An Obst wurde gegessen, was die Natur bot, und zwar von allen.

Herren trinken Wein, vor allen Dingen Würzwein, zum Teil auch Met. Die Ärmeren trinken Wasser, Bier, Obstsaft oder Obstwein.

In besseren Haushalten kann man manchmal anhand der Anzahl der aufgetischten Gänge ablesen, welchen Rang die am Tisch Sitzenden einnehmen: Graf Joachim von Öttingen bestimmt etwa, dass der Hausherr neun Gänge erhält, der Tisch der Pferdeknechte zum Beispiel aber nur fünf. Die Gänge sind dabei aber auch nicht das, was wir heute unter Gängen verstehen – es sind einfach die Speisen, die mit jedem Gang der Bediensteten von der Küche zum Tisch gebracht werden. Es war damals üblich, mindestens zwei Gerichte gleichzeitig auf den Tisch zu bringen, damit jeder etwas fand, was er essen konnte.

Eingeschränktes Warenangebot

Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass es im Mittelalter viele Dinge noch nicht gab, die für uns heute selbstverständlich sind – oder nur für die mit viel Geld verfügbar:

Kartoffeln gab es erst nach der Entdeckung Amerikas. Bis ins Spätmittelalter war Zucker weitgehend unbekannt, gesüßt wurde mit Honig. Und der Zucker aus Zuckerrohr war durch den Import sehr teuer, Zucker aus Rüben kann erst seit Ende des 18. Jahrhundert gewonnen werden.

Gewürze waren enorm teuer. Pfeffer, Salz, Paprika etc. konnten sich nur die wirklich Reichen leisten. Erst mit immer besseren Transportwegen und dem Aufbrechen von Handelsmonopolen konnten sich alle Gewürze leisten. In unseren Gefilden wurden daher Kräuter ans Essen getan – wobei Thymian oder Basilikum auch noch unbekannt waren.

Zudem müssen wir daran denken, dass noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts viele Waren nur zu bestimmten Zeiten verfügbar waren. Erdbeeren im Dezember gab es selbst in den 70ern noch nicht standardmäßig. Im Mittelalter waren die Menschen aufgrund der Abhängigkeit von der Witterung und mangelnden Konservierungsmöglichkeiten viel mehr davon abhängig, was es zu welcher Jahreszeit gab. Obst im Winter war bis auf eingelagerte Äpfel einfach nicht drin.

Falsche Vorstellungen?

Liest man die Einführung Ehlerts, findet man schnell heraus, dass mittelalterliches Essen sehr, sehr wenig mit dem zu tun hat, was heute als mittelalterliches Gelage angeboten wird: Fleischberge gab es höchstens zu einem Festmahl. Und dann musste noch gewährleistet sein, dass das Mahl nicht an einem Fastentag stattfand, denn dann hätte es kein Fleisch geben dürfen. Und dass sich alle wie Ferkel benommen haben, stimmt auch nicht: Es gab schon im Mittelalter Tischsitten, wie etwa, dass man sein Messer nicht am Stiefel abwischte und auch nicht ins Tischtuch schneuzen sollte … Darüber, dass die ohne Geld auch weniger und eventuell schlechteres Essen hatten, spricht niemand.

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Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Das Kochbuch des Mittelalters
Autor Trude Ehlert
Seiten 247
Ausstattung Hardcover
Verlag Patmos Verlag/Albatros Verlag
Jahr 2000

Foto: © Mattes/Wiki Commons – CC BY 2.0

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