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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Children of the Evolution – Der Hund

Früher war jeder Hund ein Wolf. Ein wildes Tier, das Sturm und Regen trotzt und sich sein Fresschen selbst fängt. Im Laufe der Zeit hat sich das Tier verändert. Durch die Domestizierung ist es nicht nur zahm und gehorsam geworden, sondern der Hund von heute ist regelrecht aufgeschmissen ohne menschliche Führung. Der Mensch hat sich dieses Tier wörtlich zum Untertan gezüchtet. Aber anstatt dass ihm das genügt, entwickelt er den Hund in seiner Fantasie noch weiter. Plötzlich kann der Hund in Romanen prospektiv denken, sprechen, sich anziehen oder sogar Kinderkrankheiten diagnostizieren. Gruselig? Vielleicht. Und trotzdem haben wir einige dieser überentwickelten Hunde durchaus liebgewonnen. Schauen wir uns das Darwinsche Massaker doch einmal genauer an.

Stufe 1: Julie von den Wölfen

Wolf

Hier noch zu sehen: Wolf as Wolf can …

Das Wolfsrudel um Anführer Amaroq hat noch nie einen Menschen gesehen. Das ändert sich als die 13-jährige Julie auf sie trifft. Julie, die in der Sprache ihres Volkes eigentlich Miyax heißt, ist geflohen – weg von ihrer arrangierten Ehe mit einem geistig behinderten und zudringlichen Jungen und weg von einer Gesellschaft, die sie nicht im Sinne ihrer alten Inuit-Kultur leben lassen möchte, sondern sie „verwestlichen“ will. Sie macht sich auf dem Weg zu ihrer Brieffreundin in San Francisco. Das ist von Alaska aus ohnehin kein Katzensprung, aber Miyax trifft es noch härter: Sie strandet in der Tundra und ist halb am Verhungern. Nur gut, dass sie die Wölfe trifft. Miyax‘ Vater, der bei einer Seehundjagd verschollen ist, hatte ihr frühzeitig eingebleut, die Sprache der Wölfe zu lernen, wenn es notwendig sein sollte. Die Not liegt auf der Hand und Miyax gibt ihr Bestes. Mit Erfolg – der Wolfswelpe Kapu schließt Freundschaft mit ihr und verschafft  ihr Zugang zum Rudel. Von den Wölfen erhält sie überlebenswichtiges Fleisch (mundgerecht angekaut und vorverdaut) und Schutz. Miyax bleibt bei den Wölfen. Sie baut sich ein Haus (ein paar Wände braucht sie schon, sie hat ja kein Fell), lernt immer besser, mit ihnen zu kommunizieren und folgt ihnen überall hin. Zunächst auf vier Beinen, später auf zweien. Amaroq, der Leitwolf, erlaubt es ihr.

Zusammen mit den Wölfen überlebt sie den Winter, sie geht mit ihnen auf die Jagd (jagt zwar nicht, kriegt aber einen Teil der Beute), sie lernt von ihnen, wann die Vögel nach Süden ziehen (und kann sich daraufhin wieder Richtung San Francisco orientieren) und im Gegenzug näht sie mit ihrem Werkzeug auch schon mal eine klaffende Wunde. Währenddessen wachsen die Welpen, es werden neue geboren und unartige Wölfe werden des Rudels verwiesen. Ein Leben in einem festen Haus kann sie sich fast nicht mehr vorstellen.

Es ist fast so, als würde das Gegenteil einer Domestizierung stattfinden. Nicht Miyax versucht, sich die Wölfe zu eigen zu machen, sondern sie versucht, möglichst viele menschliche Eigenschaften abzulegen, um einem Wolf immer näher zu kommen. Die Wölfe zähmen hier den Menschen – ganz auf  ihre Art.

Stufe 2: Insel der blauen Delphine

Wolfsjunges

Aww, wie süß – aber ob der zahm wird?

In dem berühmten Roman von Scott O’Dell kann man zwischen Wolf und Hund nicht mehr so genau unterscheiden. Die zwölfjährige Karana wurde auf ihrer Heimatinsel zurückgelassen, als ihr Stamm von geheimnisvollen Fremden abgeholt und an einen unbekannten Ort geholt wird. Die fremden Seefahrer wurden anscheinend vom Häuptling von Karanas Stamm geschickt, der sich viele Wochen zuvor auf den Weg gemacht hatte, um eine neue Heimat für seine Leute zu finden. Als das Schiff an der Küste anlegt, weht ein kräftiger Wind, so dass alle, die mit wollen, sich beeilen müssen. Im Chaos, das unweigerlich entsteht, muss Karana ihren Bruder suchen und so passiert, was passieren muss: sie und ihr Bruder Ramo bleiben allein auf der Insel zurück. Aber halt – ganz allein sind sie nicht. Im dichten Urwald lebt neben Pflanzen, Vögeln und Insekten auch noch ein Rudel wilder Hunde. Diese Tiere sind halb Hund, halb Wolf. Wolf, weil sie sich wie ihre Vorfahren vom Menschen fernhalten. Hund, weil sie andererseits irgendwann mal Hunde waren, die aber im Laufe der Zeit in die Wildnis zurückfanden.

Als das Rudel Karanas Bruder tötet, schwört sie Rache. Sie fertigt sich Waffen an (das ist ihr der Tradition ihres Stammes nach eigentlich verboten) und macht sich auf die Suche nach dem gelbäugigen Anführer, denn auf ihn hat sie es besonders abgesehen. Doch als sie ihm gegenübersteht, passiert etwas unerwartetes …

Sie verwundet ihren Moby Dick zwar schwer, bringt es aber nicht über sich, ihn zu töten. Stattdessen trägt sie ihn den ganzen langen Weg in ihre Hütte, reinigt seine Wunden und füttert ihn. Aus Feinden werden Freunde. Und gleichzeitig wird aus dem wilden Hund, der kurz davor war, die Evolution umzukehren, eine Art Haushund. Nur ohne Haus. Aber mit Hütte.

Stufe 3: Wolfsblut 

Wolf

Der guckt doch bestimmt auf eine leckere Truthahnkeule, ist also definitiv mehr Hund als Wolf. Oder?

Wolfsblut (so lautet wirklich der Name des Tieres und Protagonisten) ist kein ganzer Wolf, nur so 3/4. Seine Mutter Kische war eine Halbwölfin und sein Vater ein Vollwolf. Soviel zu seinem Stammbaum. Doch zunächst wächst Wolfsblut ziemlich wölfisch heran, bis er zusammen mit seiner Mutter von einem Volk nordamerikanischer Ureinwohner „aufgenommen“ und als Schlittenhund ausgebildet wird. Er macht sich gut, wird zum Anführer und alles hätte so schön sein können, wäre er nicht getrennt von seiner Mutter an ein skrupelloses Arschloch verkauft worden. Der neue Besitzer fackelt nicht lange und setzt den starken, jungen 3/4-Wolf in fiesen Tierkämpfen ein. Zunächst gewinnt Wolfsblut, aber ein Kampf gegen eine Bulldogge wird ihm fast zum Verhängnis. In letzter Sekunde wird er gerettet. ein netter Mann holt ihn da raus und möchte ihn eigentlich auch nicht mehr hergeben. Natürlich hat Wolfsbluts Vertrauen zu den Menschen in der Zeit als Hundekämpfer ordentlich gelitten, aber allmählich überwindet er seine Angst und kommt seinem neuen Herrchen langsam näher. Und der meint es auch wirklich gut: er nimmt Wolfsblut mit zu seiner Familie und in sein Haus, wo Wolfsblut sich (ebenfalls nach einiger Überwindung) sogar mit der Haushündin verträgt und später mit ihr einen sicherlich entzückenden Welpen zeugt.

Hier haben wir die klassische Domestizierung in einem Tier: Zuerst ein wilder Wolf, dann ein Nutztier (aber immerhin noch unter freiem Himmel), dann ein Statussymbol und am Ende ein Familienmitglied und Herr von Haus und Garten. Wäre das Ende nicht so happyhappyhappy, könnte man ihn um seine verlorene Freiheit bedauern. Aber dann denkt man schnell an den Anfang des Buches zurück und daran, wie die Wölfe in kalten Zeiten der Hungersnot Schlitten überfallen, um nach Nahrung zu suchen. Also doch gut, dass er es vom Schnee an den Kamin geschafft hat. Wenn das kein Lebenslauf ist.

Stufe 4: TKKG

Cocker Spaniel

Joe Cocker Spaniel wie er im Buche steht. Oder ein ehemaliger Wolf mit Schlappohren und Locken.

So wie die Bande überambitionierter Hilfssheriffs eine Art Idealbild der Jugend (hier bewusst pauschalisiert) darstellen soll, so ist der Cliquenhund Oskar die Blaupause für den friedlichen Haushund. Er ist lieb, süß, tollpatschig, ein bisschen verfressen und manchmal frech, würde aber nirgendwo hinkacken, ohne vorher zu fragen.

Es handelt sich um einen Cocker Spaniel, eine Rasse, die mit dem Wolf nur noch wenig zu tun hat. Andererseits ist sie aber auch noch nicht so überzüchtet, dass jede Natur weggewachsen zu sein scheint. Es ist eben ein idealer Haushund: nicht zu groß, nicht zu klein, lockige Ohren und ein treuherziger Blick. Im Wesen ist noch der wölfische Urahn zu erkennen (Kuscheltiere totschütteln, knurren, sich gegenseitig am Hintern begrüßen), aber er ist gleichzeitig dreiraumwohnungskompatibel, versteht sich gut mit Kindern und hat Lust, unsinnige Kommandos zu lernen (wozu soll Pfote geben eigentlich gut sein?). Quasi eine Erinnerung an die Wildnis für die Hosentasche.

 

Stufe 6: Willi, Tierarzt für Kinder 

Hund mit Hut

Würden Sie diesem Herrn Doktor vertrauen?

Willi ist ein Hund … eigentlich. So genau weiß man es aber auch nicht, denn obwohl er gestern noch hundeartig auf dem Teppich lag und geschnauft und geschnarcht hat, steht er am nächsten Tag im Arztkittel in der Praxis und untersucht kleine Kinder. Wie konnte es nur so weit kommen? Ganz einfach: Die arme Elvira Klöbner ist Kinderärztin und stolze Besitzerin des dunkelbraunen Riesenhundes Willi. Eines Tages nach einer Party mit ordentlich Sahnetorte ist sie krank. Es hilft kein Stupsen und kein Schlabbern seitens Willi – Elvira Klöbner will einfach nicht aufstehen. Da aber ein Stockwerk tiefer die Kinderarztpraxis geöffnet werden muss, bleibt Willi nichts anderes übrig, als die Vertretung zu übernehmen. Andernfalls würden ja unzählige Kinder mit Bauchschmerzen und Windpocken umsonst den weiten Weg gekommen sein.

Er steht also auf (will sagen: geht aufrecht), schmeißt sich in Weißkittelschale, hängt sich das Stethoskop um den Hals und legt los. Und erstaunlicherweise klappt es ganz gut. Seine Diagnosen stoßen auf Verständnis und sein Auftreten erzeugt nur ein klein wenig Irritation. In so einem Fall muss er erklären, dass Frau Dr. Klöbner krank ist und er die Vertretung. Und ja, er ist ein Hund.

So geht das den ganzen Tag. Und Willi merkt: immer nur aufrecht herumzugehen, einen Kittel zu tragen und mit Menschen zu sprechen, ist verflucht anstrengend. Da ist der eigentliche Hund ganz schön froh, als abends die Praxis zu macht und er nicht mehr Mensch sein muss.

Willi ist ein komischer Fall. Seinem Frauchen gegenüber ist er ganz eindeutig Hund: er spricht nicht, er stupst, schnauft und schlabbert. Doch kaum realisiert er, dass er Elvira vertreten muss, sind die menschliche Sprache und der aufrechte Gang kein Problem mehr. Direkt nach der Vertretungssituation fällt er übergangslos in die Hunderolle zurück. Und wird die menschliche wahrscheinlich nie wieder ausführen.

Hund und Katze gucken aus dem Fenster

Wenn Hund und Katze in einem Haus leben, verbringen sie ihren Alltag meistens in langweiliger Harmonie.

Stufe 8: Samuel und Emma

Spätestens in dieser Stufe ist vom Hund bis auf das Fell, die feuchte Nase und die Schlappohren nichts mehr übrig. Samuel wohnt mit seiner Gattin Emma (einer Katze) in einem hübschen Einfamilienhaus, geht offenbar einer geregelten Arbeit nach und zahlt möglicherweise auch noch Steuern.

Langweilig? Ja, irgendwie schon. Man fragt sich, was einem Hund am menschlichen Leben so attraktiv erscheinen mag. Auf jeden Fall passiert in der Geschichte auch nichts weiter hündisches. Es gibt definitiv vermenschlichte Tiere, die mehr auf dem Kasten und zu erzählen haben. Wenn ihr die kennenlernen wollt, dann schaut mal hier vorbei …

 

Stufe 9: Ruf der Wildnis?

Wolf im Freien

Back to the Wildnis?

Und alles wieder auf Reset: Der Hund Buck, halb Bernhardiner, halb Schäferhund, verlebt Ende des 19. Jahrhunderts glückliche Jahre im sonnigen Kalifornien bei seiner Familie, die ihn krault, füttert und ausführt. Doch dann – au Backe – wird er entführt und als Schlittenhund im Goldrausch eingesetzt. Das mit der Schlittenhundeausbildung hatten wir weiter oben schon, jetzt geht es aber in die andere Richtung. Also, Buck wird entführt, muss als Schlittenhund ackern und ist dabei allerlei Gefahren ausgesetzt.

Zum Glück steckt noch genug Urhund in ihm, um all diese Ärgernisse zu meistern. Sein neue Besitzer bleibt nicht lange bei der Stange und so wird Buck weitergereicht, bis er auch mit dem nächsten kein Glück mehr hat. Am Ende hat Buck die Faxen vom Zusammenleben mit den Menschen dicke – er macht sich ohne Herrchen oder Frauchen auf und folgt dem Duft der Wildnis.

Vom Haustier zum Wolf – die Entwicklung zurück zum Urzustand ist selten, aber möglich. Man beobachtet sie jedoch häufiger bei Katzen, da diese frei herumlaufen und irgendwann lieber Singvögel jagen, als zu Hause TV zu glotzen (oder noch schlimmer: Katzenvideos im Internet). Schauen wir doch mal auf der Nachbarseite, was sich bei der Evolution der Miezen so getan hat …


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Fotos:
Wolf 1 (oben) – © Margit Völtz/PIXELIO
Wolf 2 – © A.S./PIXELIO
Wolf 3 – © Daniel Arnold/PIXELIO
Cocker Spaniel – © Claudia Lampl/PIXELIO
Hund mit Hut – © silke menzel/PIXELIO
Hund und Katze im Haus – © Hans-Dieter Buchmann/PIXELIO
Wolf 4 (unten) – © A. S./PIXELIO

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