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Gestaltenwandler

Nicht Fleisch, nicht Fisch – komisch? Nein, Gestaltenwandler sind weit mehr als eine unausgegorene Mischung aus Mensch und Tier. Sie hadern mit dem schweren Schicksal, nicht von beidem ein bisschen, sondern beides in Vollversion zu sein. Manche können ihre Verwandlung kontrollieren, manche zwar nicht, wissen aber wenigstens, wann ungefähr sie sie ereilt und andere wiederum werden eiskalt von ihrem neuen Körper überrumpelt. Blöd, wenn man sich dann nicht einmal mehr zurückverwandeln kann …

Einige dieser Wesen kennen wir ja zur Genüge, schließlich bevölkern sie unsere Erdkugel schon das ein oder andere Jahrhundert: Werwölfe und Vampire etwa. Gerade um letztere ranken sich Gerüchte und Geschichten ohne Ende – aber ganz ehrlich: Wahrscheinlich ist es besser so, dass wir keinen kennen …

Wie man zum Werwesen wird? Der klassische Weg ist gebissen zu werden und zu mutieren. Das ist an sich schon interessant, bedeutet es doch, dass sich nach beendeter Entwicklung eine Veränderung der eigenen Genstruktur vollzieht. Für Biologen wäre es der Knaller, so jemanden untersuchen zu dürfen – vor allem, während des Prozesses der „Wer-Werdung“.

Manch einer wird aber auch von einer bösen Hexe oder einem missgünstigen Zauberer verzaubert – und die können ja alles mit einem lässigen Wedeln der Hand umkrempeln. Und da ist es vollkommen egal, wie dein Genpool vorher aussah oder wie viel Masse du besessen hast.

Hier stellen wir euch die stärksten, schönsten und verrücktesten Gestaltenwandler vor:

käfer (die verwandlung, kafka)

Einmal Käfer, immer Käfer. Was Gregor Samsa passiert, wünscht man nicht einmal seinem ärgsten Feind. Eines Morgens wacht er auf und hat sich mir nichts, dir nichts in einen Käfer verwandelt. Ein Käfer ist nicht unbedingt das Tier, das man zu sein wünscht und er erhält auch selten so wunderbar überhöhte Zuschreibungen wie Weisheit, Freundlichkeit oder gar magische Fähigkeiten.

Herr Samsa hat wohl einfach Pech. Er ist leider nicht einmal in der Lage zu sprechen und seiner Familie zu erklären, dass er der geliebte Sohn und Bruder ist und kein hässliches Krabbeltier. So wird er als vermeintlicher Mörder des Menschen Samsa (alle denken, der fiese Käfer habe Gregor gefressen) erst misshandelt, dann verstoßen. Shit.

Aber das Übelste an der ganzen Sache ist: er kann sich nicht, wie ein herkömmlicher Werwolf oder die Müllersburschen aus der magischen Mühle zurückverwandeln. Nein nicht einmal die wahre Liebe, die den Froschkönig zurückgebracht hätte, kann ihm die menschliche Gestalt wiedergeben. Gregor Samsa bleibt bis an sein Lebensende ein Käfer und weiß nicht einmal, warum.

raben (krabat, preußler)

Eigentlich sind sie ein Haufen junger Müllersburschen, aber wenn der Meister ruft, verwandeln sie sich in Raben. In dieser Geschichte ist nichts wie es scheint. Die Mühle ist eine Art Hexenhaus, der Müller ist ein Meister der schwarzen Magie und seine Knappen sind willfährige Lehrlinge, die Jahr um Jahr einen der ihrigen opfern, um die Mühle und die darin ausgeübte grausame Zauberkunst am Leben zu halten.

Unterrichtet werden sie in Gestalt des Rabens. Sie sind auch in der Lage sich außerhalb der Zauberschule in Raben zu verwandeln, das passiert aber nicht besonders oft. Die Rabengestalt ist zwar praktisch, für viele der Müllersjungen aber ungewohnt und mit dem Beigeschmack der schwarzen Magie verbunden.

Interessant ist, dass einige der Jungen typische äußerliche Eigenschaften auch in Vogelgestalt noch zeigen. So wirkt einer, der besonders spirlig ist, auch als Rabe irgendwie struppig und mager. Und man kann sie anscheinend an ihren Schnäbeln erkennen. Denn als die Freundin von Hauptfigur Krabat ihren Liebsten in Rabengestalt wiedererkennen soll, müssen alle Jungs ihren Schnabel unter dem Flügel verstecken. Falls es hier von Interesse ist – sie erkennt Krabat natürlich trotzdem und kann so die ganze Mühle befreien.

werwesen (scheibenwelt, pratchett – einhorncodex, scarborough)

Werwölfe sind neben den Vampiren die bekanntesten Werwesen überhaupt. Dabei wäre es durchaus denkbar, dass es auch Werpinguine oder Wergrottenolme gibt. Aber die haben ja höchstens einen Niedlichkeitsfaktor und sind deswegen nicht so ganz interessant als Wesen … Trotzdem, ein vom Werwolf angebissenes Karnickel böte doch interessantes Material, oder?

Nun ja, also die Werwesen. Sie müssen sich verwandeln. In der Regel – wie meist bei den Werwölfen – bei Vollmond, manche jede Nacht und sie sind selten nett – höchstens, um ihre Beute zu verwirren. Beißen und Reißen wollen sie und natürlich gerne in weiblichen Rundungen … Aber es gibt Ausnahmen und zwei davon wollen wir euch vorstellen:

angua

Obergefreite Angua verdankt ihren Job einer neuen Verordnung seitens des Patriziers der Stadt Ankh-Morpork. Damit wird geregelt, dass nicht nur Menschen in die Stadtwache aufgenommen werden. Also eine Art Gleichstellungsgesetz. Und damit das auch ganz bestimmt funktioniert, werden der Stadtwache ein Troll, eine Werwölfin und ein Zwerg zugeordnet – wobei anfangs nur wenigen klar ist, dass die Werwölfin wirklich eine ist, schließlich ist Angua vordergründig eine Frau. Und da könnte doch der Schluss naheliegen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts eingestellt wurde. Frauen gab es nämlich auch noch nicht bei der Stadtwache.

Als Frau ist Angua sehr hübsch und Korporal Karotte hegt den Verdacht, dass Missetäter bei ihr Schlange stehen könnten, um sich verhaften zu lassen. Sie hat massenhaft wallendes aschblondes Haar und eine Traumfigur. Klar ist sie auch sehr intelligent und sie verfügt über eine gute Portion Humor. Sie ernährt sich vegetarisch, weil sie keine Lust hat, sich ihren Blutgelüsten zu stellen.

Gebürtig aus den Spitzhornbergen zieht es sie wie so viele in die große Stadt, auch aus dem Grund, dass auf dem Land sofort die Werwölfe verdächtigt werden, wenn mal ein Huhn fehlt.

Ist sie in ihrer Werwolf-Gestalt, kann sie Gerüche „sehen“. Sie genießt das sehr, denn so erschließt sich ihr jedes Mal eine ganz andere Wahrnehmung. Egal, wo sie ist: da Gerüche ja länger an einem Platz herumlungern, kann sie sozusagen verschiedene Stunden der Vergangenheit und die Gegenwart gleichzeitig „sehen“. Und wenn sie dann wieder in ihrer menschlichen Form auftritt, hält dieser Effekt auch noch eine Weile an. Solche Fähigkeiten sind für die Polizeiarbeit enorm hilfreich, wie sie recht bald feststellen kann.

wulfric

Wulfric ist ein Wermensch. Er stammt aus einem alten Geschlecht, in dem das Wermenschentum erblich ist. Wermenschen darf man nicht mit Werwölfen verwechseln: Sie sind nicht von Mondphasen abhängig und können sich verwandeln, wann immer sie wollen. Allerdings müssen sie ein paar Stunden am Tag als Mensch verbringen, meist zwischen Mitternacht und der Mittagszeit.

Wulfirc ist somit ein verwandelter Mann, der aber viel lieber für immer Wolf wäre. Insofern ist er eine Besonderheit. Die meisten Werwölfe etwa wollen Mensch sein oder es gefällt ihnen ganz prima so, wie es ist. Wulfric findet sich als Wolf viel toller und prächtiger, als Zweibeiner jedoch mickrig und armselig. Zum Glück für ihn erfüllt sich schlussendlich sein größter Wunsch und er kann für immer ein Wolf bleiben.

Seinen ausgeprägten Geruchssinn, seine scharfen Augen und seine Schnelligkeit behält er auch in der Menschenform – im Gegensatz zu etwa Angua. Einmal identifizierte Gerüche erkennt er sein Leben lang wieder. Er ist am liebsten allein, aber als Anhänger von Furchtbart Grau dient er der „Sache“ und hilft der Nymphe Sally Einhörner zu fangen. In diesem Rahmen tritt er als Graf Schwindelgut auf, der, wen wundert’s, ein hervorragender Jäger ist.

Graf Schwindelgut trägt einen silbergrauen Anzug, hat eine modisch struppige Frisur, silbergraue Haare und einen grauen Vollbart, seine Augen leuchten wie die eines Raubtieres, gelbe Zähne blitzen einem entgegen, unterhält man sich mit ihm. Ist er vordergründig nachgiebig, nimmt er eine „schwanzwedelnde“ Stimme an.

Oft versteht er die Beweggründe der Menschen nicht, dies oder jenes zu tun – woran man merkt, dass ihm die wölfische Seite seiner Natur einfach näher liegt.

animagus (harry potter, rowling)

Da dachte Ron die ganze Zeit, er würde eine hässliche Ratte besitzen, dabei handelt es sich um einen verwandelten Schwerverbrecher. Animagus zu sein kann eine nützliche Hilfe darstellen. Im Falle von Rons Ratte Krätze diente die Verwandlung von Peter Petticrew dazu, nicht gefasst zu werden.

Animagi sind Zauberer und Hexen, die viel Zeit darauf verwendet haben, die Kunst des Gestaltenwandelns zu lernen. In diesem Fall heißt das, dass sie sich spontan in ein Tier verwandeln können. Das Tier, zu dem sie werden – und es ist immer dasselbe Tier – können sie nicht selbst bestimmen, sondern ist von ihrer Persönlichkeit abhängig. So wird der etwas unangenehme Charakter Peter Pettigrew eine Ratte und aus der anmutigen Miss McGonagall eine Katze.

Da man – abhängig von der Tierart – als Animagus allerhand anstellen kann, ist es in der Welt der Rowlingschen Zauberei Pflicht, sich als Animagus registrieren zu lassen. Diese Registrierung scheint allerdings recht formlos zu sein und ist nicht etwa mit einem Wesenstest verbunden, wie wir ihn hier in Deutschland von so genannten Kampfhunden kennen. Das erinnert ein wenig an die Registrierung von Waffen – nicht zuletzt deswegen, weil es manche Menschen einfach „vergessen“.

Auf jeden Fall scheint es, wie eingangs erwähnt, oft nützlich zu sein, sich bei Gelegenheit in ein Tier verwandeln zu können. Mag sein, dass die Gestalt eines Guppys einem nicht in jeder Situation von Nutzen ist. Aber spätestens bei einem Schiffbruch ist sie es doch.

frosch (der froschkönig, grimm&grimm)

Ob der Froschkönig tatsächlich zu den Gestaltenwandlern gehört, kann sicherlich diskutiert werden, ebenso wie der Käfer ganz oben, wechselt er (zumindest innerhalb der Geschichte) nur einmal die Gestalt. Genau genommen durchläuft er diese Metamorphose aber zweimal, denn bevor die Geschichte beginnt, wird der eigentlich wunderschöne Prinz in einen Frosch verwandelt.

In der Gestalt trifft er auf die hübsche, aber etwas eingebildete Prinzessin, die ihn nicht ernst nimmt und ihn schlussendlich vor Wut an die Wand wirft. Und zack – ob es am Aufprall liegt oder an den kochenden Emotionen, weiß keiner so genau – wird der Frosch wieder zu dem schönen Menschen, der er vorher war. Und wie endet das Märchen? – genau, es wird geheiratet. Kaum, dass das Tier wieder ein Mensch ist, ist die Königstochter auch nicht mehr genervt und stattdessen sofort willig. An Stelle des Froschs hätten wir allerdings keine Lust auf die Alte, die kurz vorher noch von ihrem Vater genötigt werden musste, ihr Versprechen dem Frosch gegenüber einzulösen und Zeit mit ihm zu verbringen. Aber naja, vielleicht kann sie ja auch ganz nett sein …


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