chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Hüter der Zeiten

Wer?

In Poul Andersons Kurzgeschichten geht es um „Zeitwächter“, Menschen aus allen Zeitaltern, die verhindern, dass andere den gegebenen Zeitablauf  manipulieren. Hauptperson in den Geschichten ist Donald Emmert Everard, genannt Don. Der Dreißigjährige ist ein vielseitig interessierter Junggeselle, kann Kampfsport, war im Krieg und auch beruflich schon im Ausland. Er meldet sich auf eine Stellenanzeige und kriegt den Job als Zeitwächter.

Bei den Zeitwächtern sind Frauen und Männer aus allen Jahrhunderten, in einer Geschichte lernt man zum Beispiel Piet kennen, einen Siedler von der Venus (24. Jahrhundert) mit holländisch-indonesischen Vorfahren. Zudem gibt es noch die Zeitverbrecher, die aus den üblichen Gründen (Profitgier, Machtstreben, Weltverbesserung) irgendwelche geschichtlichen Ereignisse verändern wollen.

Wohin?

Everard reist als erstes in den amerikanischen Westen (Zeit: Oligozän), sein erster Auftrag führt ihn in die Gegend von Kent (Zeit: 1894). Danach reist er nach London (Zeit: 1944). Ein paar Jahre später hat er sich als Zeitwächter etabliert und kann auch schon mal einen Auftrag alleine angehen. So reist er ins Jahr 542 vor Christus und rettet einen Freund. 1282 schließlich verhindert er den Einmarsch von Mongolen aus Kublai Khans Reich in Nord- und Mittelamerika. In der letzten Geschichte schließlich stellen Don und sein Freund Piet fest, dass sich die Geschichte drastisch geändert hat, als beide von vor 20.000 Jahren ins Jahr 1960 reisen. Und auch hier schaffen es die Zeitwächter mit Charme und Mut, die Erde vor einer anderen Entwicklung zu retten.

Wie?

Der Zeitspringer sieht in etwa wie ein Motorrad aus, aber ohne Räder oder Lenkstange. Es hat einen Antischwerkraftregler, mit dem man ihn in der Luft schweben lassen kann, auch wenn man selbst nicht darauf sitzt. Das ist praktisch, wenn man den Zeitspringer außer Reichweite aufbewahren will. Mit einer Fernbedienung kann man ihn dann wieder herbeirufen. Am Zeitspringer sind zwei Sättel angebracht, so dass man zu zweit damit reisen kann. Man stellt die gewünschte Zeit an den entsprechenden Kontrollen ein und drückt den Aktivator. Die eigentliche Reise geht in Sekundenbruchteilen vonstatten: Im einen Augenblick ist man hier und im nächsten in der Ankunftszeit.

Zudem ist es möglich, Zeitkapseln mit Nachrichten zu versenden. Das ist wichtig, da die Zeitwächter in vielen Zeiten ein Büro haben und diese sich austauschen müssen. Zeitreisen sind quasi als Nebeneffekt der Forschung an der Teleportation erfunden worden.

Warum?

Alle Geschichten in „Hüter der Zeiten“ haben damit zu tun, dass irgendwo in der Vergangenheit etwas schief gegangen ist, das korrigiert werden muss. In der Regel stecken irgendwelche Missetäter dahinter, die aus oben genannten Gründen auch immer etwas am bekannten Zeitablauf ändern wollen. Aber einige der Abschnitte fallen aus dem Raster:

Gleich nach dem ersten Auftrag verschwindet Whitcomb, ein Engländer, der seine Freundin im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff verloren hat. Whitcomb leidet so unter dem Verlust, dass er einen Zeitspringer stiehlt und versuchen will, die Angebetete zu retten. Das ist nach den Statuten streng verboten, aber Don will seinem Kollegen helfen und versucht, ihn aus der Sache rauszuboxen. Das gelingt sogar und Everard wird gleich befördert …

Oder die Geschichte von Dons Kumpel Keith, der in der Zeit verschollen ist: Zum einen geht es darum, dass Keith‘ Frau Dons Exfreundin ist und Don einfach so tun könnte, als fände er den Freund nicht – in der Hoffnung, wieder bei der Frau landen zu können. Und wie er dann doch loszieht und feststellen muss, dass Keith 14 Jahre König irgendwo im alten Iran war, mehrere Kinder mit seiner Lieblingsfrau gezeugt hat, während für seine Frau in der „Jetztzeit“ eine Woche vergangen ist. Und Keith, als er heimkommt, die Enge der kleinen Wohnung nicht erträgt.

Und schließlich die letzte Geschichte, als Don und sein Freund Piet im „Zeitwächter-Urlaub“ sind: Jagen in den Pyrenäen vor 20.000 Jahren. Aber sie langweilen sich und beschließen, ins New York der sechziger Jahre zu reisen und ihren restlichen Urlaub dort zu verbringen. Gesagt, getan. Aber sie landen nicht in der amerikanischen Metropole – sie landen in einer neuen Zeitlinie. Irgendwann zwischen -20.000 Jahren und heute wurde die Zeit manipuliert und die gesamte Welt hat sich verändert. Don und Piet werden gefangen genommen, können sich zunächst nicht verständigen und bekommen eine Dolmetscherin zugewiesen. Mit der kann Don sich auf Griechisch unterhalten. Nach und nach erahnen sie die Wahrheit: Hannibal war erfolgreich und das hat zu einer ganz anderen Entwicklung der Erde geführt. Und obwohl Piet sich unsterblich in die schöne Dolmetscherin verliebt und obwohl sie verstehen können, dass alle Menschen um sie herum auch einfach nur ihr Leben leben, entschließen sie sich, den richtigen Zeitlauf wiederherzustellen.

Was noch?

„Mitarbeiter gesucht – Alter 21 bis 40 – möglichst unverheiratet – technische Vorbildung und erstklassige Gesundheit Voraussetzung – Auslandsreisen möglich – Gute Bezahlung …“ So lautet die Anzeige, auf die sich Don am Anfang des Buches meldet und einen Termin für ein Vorstellungsgespräch erhält. Ob die Anzeige dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz entspricht sei dahingestellt, wer weiß, wie der Secret Service oder der Bundesnachrichtendienst seine Leute auswählt. Was man hier aber einmal sehen kann, ist, wie man Zeitwächter rekrutiert und welchen Anforderungen ein solcher genügen muss: nicht zu alt, gesund und technisch begabt.

Das Vorstellungsgespräch selbst gestaltet sich ebenfalls interessant. Don sitzt einem Mann gegenüber, soll seine Hände auf eine Kugel legen und Fragen beantworten. Er sagt aber nicht viel mehr als „Ich möchte wissen …“ und Ähnliches, als der Mann schon „danke“ sagt und dass der Text positiv verlaufen sei. Ich denke, jeder von uns kann sich vorstellen, dass der potentielle Zeitpolizist ein wenig verwirrt ist ob dieser Art eines Auswahlgesprächs.

Wie war’s?

Ich mag dieses Buch von Anderson. Die Geschichten sind hübsch und beleuchten verschiedene Aspekte des Zeitreisens: Klar, da ist erst einmal das Dauerthema „Was passiert, wenn einer rumpfuscht?“ und wie die Zeitwächter damit umgehen. Aber die Geschichten zeigen auch, was mit den Menschen passieren kann, wenn sie in dem Gewerbe arbeiten. Als Don Everett sich als Neuling entscheidet, seinem Kameraden zu helfen, die geliebte Frau zu retten, hat er Mitgefühl und Verständnis dafür und versucht, ihm zu helfen – obwohl ihnen in der Ausbildung eingehämmert wurde, selbst nichts zu ändern. Auch die Geschichte um Keith finde ich gut: Da geht einer in die Vergangenheit und lebt dort ein Leben, sogar ein gutes. Und dann kehrt man zu jemandem zurück, den man in den 14 Jahren fast vergessen hat. Stellt euch mal vor, ihr kommt eines Tages nach Hause und da sitzt der Ex-Freund/die Ex-Freundin und die Realität ist jetzt, dass ihr verheiratet seid und schon lange zusammenwohnt … komisch, oder?

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Hüter der Zeiten
Autor Poul Anderson
Seiten 168
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Goldmann
Jahr 1963

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