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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Nachtmähre

Der Fisch ist ein Pferd – zumindest dieses Mal: Imbrium, genannt Imbri, wohnhaft im Lande Xanth. Imbri arbeitet als Nachtmähre: Ein schönes tiefschwarzes Pferd, das – mit seinen Kollegen – allen Bewohnern Xanths ihre wohlverdienten Alpträume (Nachtmahre!) bringt, auf dass sie sich richtig schön gruseln können und froh sind, wenn sie morgens wieder aufwachen.

Eines Tages aber begegnet sie einem Oger. Aus verschiedenen Gründen lassen sie und zwei weitere Nachtmähren den Oger und seine beiden Begleiter auf sich reiten und bringen sie an ihren Zielort. Die Bezahlung dafür sind je eine halbe Seele der drei Wesen. Ihre beiden Nachtmähren-Kolleginnen geben die Seelen ab, so wie es sich gehört. Aber Imbri mag sich irgendwie nicht von ihrer halben Seele trennen und schleppt sie mit sich herum. Außerdem hegt sie schon lange den Wunsch, einmal einen Regenbogen zu sehen. Aber den kann man nur am Tag sehen. Und das ist Nachtmähren nicht möglich, denn zum einen haben sie nachts immer ihre Arbeit zu erledigen und zum anderen verblassen Nachtmähren in den Strahlen der Sonne – dann sind sie quasi nicht mehr vorhanden. Und so sehen sie nie den Tag und seine Wunder.

Das alles zusammen führt dazu, dass Imbri in ihrem Job nicht mehr so gut arbeitet wie früher. Das merkt auch ihr Chef, der Nachthengst. Er macht ihr klar, dass wenn man eine Seele – und sei es nur eine halbe – hat, man nicht mehr richtig brutal sein kann. Das aber ist eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit als Apltraumlieferantin. Und so versetzt er die Stute in den Tagmährendienst – allerdings eine Tagmähre mit einer halben Seele und einem halbstofflichen Körper, der den Sonnenstrahlen widerstehen kann. Und Imbri soll ab sofort als Verbindungsmähre zwischen den Tag- und Nachtmächten dienen.

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Veränderung

Schwarzes Pferd im Gegenlicht

Geheimnisvoll sind die Nachtmähren. Nie sieht man eine, man weiß nur dass sie da waren, wenn man am nächsten Morgen ihren Hufabdruck auf der Türschwelle findet – als Zeichen, dass der Alptraum ordentlich ausgeliefert wurde.

Imbri ist zunächst traurig, dass sie nicht mehr als Nachtmähre arbeiten soll. Aber sie ist auch so weise und ehrlich mit sich selbst, dass sie erkennt: Ihr Chef hat recht. Sie ist wirklich zu nett und gut, als dass es ihr noch so richtigen Spaß macht, unangenehme Träume auszuliefern. Außerdem ist sie wirklich nicht bereit, ihre halbe Seele wieder abzugeben, um ihren Job weitermachen zu können. Und dann ist da noch die Sache mit dem Regenbogen, den Imbri ganz unbedingt sehen will.

Was den Jobwechsel auch interessant macht: Imbri soll erst einmal keine Tagträume ausliefern, sie soll stattdessen helfen, das Land Xanth vor einer Einwanderungswelle von Mundaniern (das sind wir unmagischen Menschen) zu schützen. Und damit geht ihr großes Abenteuer los.

In kaltem Wasser paddeln

Leider versäumt es der Nachthengst, Imbri auf ihren neuen Job vorzubereiten. Es wäre so einfach gewesen, sie zu erinnern, dass Nachtmähren durch alles hindurchreiten können, weil sie ja nichtstofflich, geisterhaft sind. Als halbe Tagmähre rennt Imbri natürlich erstmal voll gegen einen Baum. Oder sie schätzt die Gefahr eines Schlangenbisses vollkommen falsch ein, bisher war sie schließlich nie Objekt der Begierde von Schlangen oder ähnlichem Getier. Der Nachthengst hätte sie auch darauf vorbereiten können, dass die Menschen und sonstigen Bewohner Xanths vielleicht nicht immer vertrauenswürdig sind und manches Mal Arges im Sinn haben.

So muss Imbri feststellen, dass sie zwar das ganze Land kennt, viele Bewohner sogar schon einmal beliefert hat, dass aber trotzdem der Umgang mit ihnen zuweilen ganz schön schwierig sein kann. Insbesondere einer macht ihr zu schaffen: Der „Reitersmann“ ist ein Mensch aus Xanth, der an die Macht kommen will und sich die Einwanderungswelle zunutze macht. Er benimmt sich erst sehr nett und freundlich und fängt die unbedarfte Stute ein, um ihr eine Trense anzulegen und sie mit seinen Sporen zu piesacken. Er erweist sich als hinterlistig und tückisch – und das versteht die nette, freundliche und gute Nachtmähre überhaupt nicht. Und so verrät sie ihm aus Versehen immer mal wieder etwas, schafft es nicht, ihre Gedanken immer vor ihm abzuschirmen. Zu ihrer Ehrenrettung muss man aber sagen, dass der Reitersmann ein wirklich verschlagener Kerl ist, der vor keiner List zurückschreckt und ihm so ziemlich jeder in der Geschichte auf den Leim geht.

Freundlich zum Ziel

Obwohl Imbri sozusagen minütlich neue Situationen erlebt und bewältigen muss, bleibt sie freundlich und nett. Ja, sie wird ab und an ärgerlich, aber meist eher über sich selbst als über einen anderen. In fast jeder Situation erfasst sie schnell, was Sache ist: Wer handelt wie warum? Wer ist verantwortlich? Warum ist die Situation jetzt so und nicht anders gelaufen?

Imbri kann sich sehr gut in die anderen einfühlen. Diese tolle Fische-Eigenschaft ist in ihrem Falle gepaart mit einer ganzen Menge Intelligenz und Klugheit und der nicht alltäglichen Fähigkeit, sich selbst einzugestehen, dass sie Mist gebaut oder aus Unkenntnis etwas versemmelt hat. Was der Ex-Nachtmähre dagegen vollkommen abgeht, ist die negative Seite der Fische, nämlich vom Gegenüber zu erwarten, dass er oder sie sieht und bewundert, was man Tolles macht. Darin gleicht sie Bernsteinwein.

Imbri ist ein Fisch, wie man ihn sich wünscht: empathisch, klug und wissbegierig. Und das alles im rechtschaffenen Bemühen, den Verteidigern Xanths zu helfen, ihr Land zu retten. Davon sollten wir alle uns eine dicke, fette Scheibe abschneiden und jeden Tag ebenfalls versuchen, mit Empathie und Achtsamkeit unseren Weg zum Wohle aller zu gehen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Nachtmähre. Die Saga vom magischen Land Xanth, Band 6
Autor Piers Anthony
Seiten 375
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Bastei Lübbe
Jahr 1985

 


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Foto: © JelleS/flickr (Ausschnitt) – CC BY 2.0

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