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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Der Irrtum des Großen Zauberers

Multi Multiplikato ist der Große Zauberer – Erfinder der Plikato-Birne, Regent des Landes Plikato und überzeugter Verfechter der Überlegenheit von Maschinen über die unzuverlässigen Menschen. Er glaubt daran, dass er den richtigen Weg geht, indem er einen Staat der Maschinen entwickelt. Er ist ein echter Löwe, der findet, dass er zu Recht der Nabel der Welt ist, der bestimmt, wo es lang geht. Schon jetzt arbeiten kaum noch Menschen, ihre Arbeit wird durch Maschinen erledigt. Multi ist stolz darauf, dass sein Plan aufgeht und das Land prosperiert!

roboter und sein erfinder 1930 in berlin

1930 präsentierte der englische Ingenieur Kapitän W. H. Richards im Berliner Wintergarten den ersten künstlichen Maschinenmenschen. „Robot“ konnte sprechen, den Kopf drehen, Gegenstände halten und sich sogar verbeugen. Hätte Richards die Ambitionen und das Know How wie Multi Multiplikato gehabt, wer weiß, wie unsere Welt heute aussähe. Glücklicherweise hatte er auch keine Birne, die alle gefügig machte und seinem Willen untertan. Das bleibt dem „Großen Zauberer“ von Johanna und Günter Braun vorbehalten.

Mittlerweile hat er sogar alle Menschen in seiner „Regierung“ durch Maschinen ersetzt – manche in Menschenform (Paladine), manche sind einfach riesige Computer. Es gibt etwa den Finanz-Paladin, der die Funktion des Finanzministers inne hat. Ausgediente Mitarbeiter fristen ein gelangweiltes Leben und hoffen, dass ihr Herrscher sie vielleicht doch noch mal braucht – obwohl sie schlecht von ihm behandelt wurden, halten sie ihm die Treue. Multiplikato aber denkt gar nicht daran, im Gegenteil: Er arbeitet sogar aktiv daran, dass die Menschen sich immer weniger fortpflanzen und es so immer weniger von ihnen gibt. Dabei hilft ihm seine Birne.

Die Birne

Multiplikato führt ein, dass alle Bewohner Plikatos jeden Tag mindestens eine Birne essen sollen, am besten aber immer und ständig. Birnen als Obst, Birnen als Marmelade, als Konfekt, im Kuchen, als Getränk, kurz: jedes Lebensmittel enthält die Birne. Und die wiederum enthält das Vitamin Gamma, das enorm gesund für alle sein soll. Es versetzt den Menschen nämlich in heitere Gelassenheit, bei häufigem Verzehr wandelt sich die gelassene Stimmung in Stumpfsinn und Apathie. Das aber ist gut so, meint Multiplikato, denn apathische Bürger mucken nicht auf. Und wenn Multiplikato meint, etwas sei gut, dann ist der der Ansicht, dass das auch für alle gilt und in alle Ewigkeit stimmt.

Spieler und Gegenspieler

Oliver Input ist der Gegenspieler Multiplikatos in „Der Irrtum des Großen Zauberers“ von Johanna und Günter Braun. Input wird von Multiplikato in der Kybernetischen Akademie zu seinem höchsten Mitarbieter ausgebildet und soll einmal sein Erbe antreten. Er fand seine Schule langweilig. Es gab morgens immer rhythmisches Birnenkauen, hauptsächlich Informationen über Plikato und den Segen der Birne – und das war Input zu öde. Nachdem er eine Horde Affen mithilfe von Birnenmarmelade in die Schule lockte, wird er von einem Mitarbeiter Multiplikatos abgeholt und in die erwähnte Akademie gesteckt. Fortan gibt es keine Birne mehr zu essen, schließich soll er lernen. Aber Oliver ist eigensinnig und auch ziemlich löwenhaft, zumindest was den Eigensinn betrifft.

Als er nach bestandenen Kursen Multi Multiplikato kennen lernt, erfährt er, dass der Landesvater niemals die Birne isst, und zwar ebenfalls, weil sie stumppfsinnig macht. Aber das Volk soll ja weder hungern noch mucken und deshalb kriegt es die Birne. Multiplikato ernährt sich viel und gern von Fleisch, gerne blutig gebraten oder fast roh.

Größenwahn und Revolution

Input soll sich als einziger Mensch neben Multiplikato mit der Programmierung und Überwachung der Maschinen beschäftigen. Außerdem soll er herausfinden, wer der Unruhestifter ist, der bei Multiplikatos Geburtstagsfeier gestört hat. Input ist hin- und hergerissen in Bezug auf seinen neuen „Vater“ und Brötchengeber: Einerseits findet er ihn merkwürdig und seine Ansichten falsch. Andererseits mag er auch die Maschinen und die Möglichkeiten, die sie eröffnen und die Beschäftigung mit ihnen macht ihm Spaß.

Den Unruhestifter kennt er bereits, es ist ein Mädchen, von dem man als Leser nie weiß, ob sie real existiert oder nicht. Input glaubt, dass sie real ist – und sie will wie er, dass die ganzen anderen Menschen nicht verblöden, sondern selber denken können. Und so entwickeln sie nach und nach Ideen, wie man den Übervater, den Löwen Multiplikato überlisten könnte.

Das ist leider nicht so einfach: Multiplikato hat ein sehr gutes Überwachungssystem mit seinen Maschinen und außerdem hat er seine „Weißen Blitze“, Fahrzeuge, mit denen er ferngesteuert unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg räumt. Er ist von sich überzeugt, davon, das Beste zu machen. Und er wird schnell misstrauisch, wenn nicht gar wütend, wenn die Dinge nicht so laufen, wie er es will. Wenn seine Befehle missachtet werden, überlegt er sofort, ob er Oliver Input nicht lieber wieder enterben soll.

Schließlich kommt Oliver Input der Zufall ein wenig zur Hilfe: Er lässt die Löwen, die den Eingang bewachen, in der hauseigenen Schlachterei verarbeiten. Das ist eher ein Versehen, führt aber dazu, dass Multiplikato von dem Löwenfleisch den größten Teil aufisst – und noch löwenartiger wird. Sogar seine Augen verändern sich, er isst fortan fast nur noch Wildtiere inklusive Löwenfleisch und will immer mehr der Beste, der Schönste, der Tollste sein: Der größte Schlachtherr (er stellt Schlachten mit Androiden nach und gewinnt zum Beispiel Hannibals Schlacht), der beste Dichter, der genialst Komponist etc. Dafür gibt er so viel Geld für immer neue Maschinen aus, die ihn in seinem Wahn unterstützen sollen, dass sich die Haushaltslage immer mehr verschlechtert. Weil ihm der elektrische Finanzminister die Wahrheit sagt (Maschinen lügen nicht), demontiert er ihn und bestraft ihn, indem er wieder einen Menschen auf diesen Posten setzt.

Schließlich dreht Multiplikato durch, er will Gott werden, will beweisen, dass er gottgleiche Dinge tun kann – und ab da haben Input und seine Komplizen es einfacher. Zum Schluss hanben sie den Herrscher so weit, dass er vor lauter Verzweiflung sogar die Birne isst, um sich zu beruhigen. Und da ist es aus mit dem Löwen, er wird apathisch und stumpfsinnig und das Volk beginnt wieder, alles mögliche anzubauen, zu lesen, zu lernen und so fort.

Zu viel Löwe ist ungesund

Löwen sind ja tolle Kerle (und „Kerlinnen“ natürlich). Charmant und mitreißend, das ist toll. Auch Multiplikato war am Anfang mal so. Er hatte eine Idee, die ja auch was für sich hat: Es wäre doch schön, wenn wir alle Arbeit an die Maschinen abgeben könnten, vor allem die schweren oder unliebsamen wie Straßenbau, putzen, Müllabfuhr oder Hemden bügeln. Aber dass sich der Herrscher so versteigt, dass er die Menschen gleich als unzuverlässig sieht, ja, sogar als überflüssig, das ist zu sehr abgedriftet.

Und wenn bei so jemanden auch noch die Löwe-Eigenschaft Selbstvertrauen zu stark auasgeprägt ist, bleibt auch kein Platz für Mitgefühl oder Kritikfähigkeit. Dann brechen sich Eigensinn und Pedanterie die Bahn und alle anderen Personen werden zu Handlangern und Nichtsen.

Es ist übel, wenn es so schlimm wie in „Der Irrtum des Großen Zauberers“ wird. Man kann nur von Glück reden, wenn es dann beherzte Menschen gibt, die sich trotz des großen Mauls, dem lauten Gebrüll und den scharfen Zähnen dem Löwen entgegenstellen und ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Am besten aber ist es, wenn man neben dem Runterholen dem Löwen die Chance gibt, wieder zu seinen Stärken zurückzufinden und zu lernen, dass Brüllen manchmal hilfreich, auf Dauer aber für alle anstrengend ist.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der Irrtum des Großen Zauberers
Autor Johanna und Günter Braun
Seiten 246
Ausstattung Hardcover
Verlag S. Fischer
Jahr 1974

Das Buch ist – auch in anderen Ausgaben – nur antiquarisch erhältlich.


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Fotos: © Bundesarchiv, Bild 102-09312/Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0

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