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Ignaz oder die Verschwörung der Idioten

Ignaz Reilly ist eigentlich ein ziemliches Arschloch. Mit über 30 Jahren wohnt er noch bei seiner Mutter, die er bei jeder Gelegenheit verhöhnt, beleidigt oder wahlweise schlicht ignoriert. Ihr gönnt er nicht das kleinste Vergnügen. Nichtsdestotrotz hat er das Hotel Mama unter anderem deswegen noch nicht verlassen, weil er unfähig ist, seine Wäsche selbst zu waschen oder sich etwas zu essen zuzubereiten. Sein starkes Übergewicht würde ein paar fehlende Mahlzeiten eventuell noch ausgleichen, aber keine Wäsche zu waschen, würde – da er jeden Tag dieselben Sachen trägt – auch seine letzten Kontakte endgültig vernichten. Allerdings würde ihm das vermutlich nicht auffallen. Er sitzt ohnehin am liebsten allein in seinem Zimmer, verfasst pseudowissenschaftliche Abhandlungen und kämpferische Pamphlete oder pöbelt im Kino solange rum, bis er rausgeworfen wird.

Arbeiten kann der durchaus intelligente und mit einem Hochschulabschluss (in was auch immer) ausgestattete Mensch leider auch nicht. Zum einen kneift ihn in regelmäßigen Abständen sein sensibler Pylorus (wer auf Anhieb weiß, was das ist, kriegt ein lebenslanges Chairlounge-Abo geschenkt), zum anderen ist er zu Höherem geboren: Er träumt davon, als Anführer einer Revolution die Welt zum Besseren zu ändern. Immerhin schafft er es dank seiner unerschöpflichen Großzügigkeit, sich seiner Mutter zuliebe ab und zu kleine Jobs zu verschaffen. Doch nicht einmal als Würtschenverkäufer hält er länger als ein paar Wochen durch.

Das Ende vom Anfang der Revolution

Zur großen Revolution kommt es leider nie. Das liegt selbstverständlich immer an den anderen. Die Verschwörung der Idioten ist nämlich genau das: ein Komplott der nichtsnutzigen, unwissenden und vor allem unmoralischen Masse gegen das einzige denkende Wesen: Ignaz. Egal, ob er den schwarzen Arbeitern einer Fabrik zu mehr Lohn verhelfen will (die kleingeistigen Feiglinge sich aber weigern, den Boss ohne Verhandungen zusammenzuschlagen), den Frieden durch die Verbreitung von Homosexualität heraufbeschwören möchte (die Schwulenvereinigung aber seine Homophobie wittert und überhaupt lieber feiern möchte) oder er eine vermeintlich hochgebildete Prostituierte vor Sodom und Gomorrha retten will (diese aber weder gebildet ist, noch gerettet werden möchte) – stets hält ihn die gemeine Schwarmdummheit von der Erlösung der Welt ab. So wird Ignaz immer verbiesterter, verbitterter, garstiger, ungeneuscher und kommt seinem Ziel dabei keinen Schritt näher.

Löwe oder nicht?

Eigentlich ist Ignaz gar kein richtiger Löwe. Im Gegenteil – er ist weit entfent davon, einer zu sein. Aber wie gern wäre er einer! Wie gern würde er brüllen, seine Mähne schütteln und der König der Tiere sein … Er wünscht sich so sehr, ein richtiger Anführer zu sein. Einer, der sein Rudel, seine Anhänger zu begeistern und mitzureißen vermag. Einer, der charmant und großzügig ist, so dass alle ihm freiwillig folgen. Doch diese Gefolgschaft lässt auf sich warten.

Stattdessen vereint er eher die negativen, die ätzenden Eigenschaften eines Löwen in sich. Er ist ein Angeber und als solcher völlig kritikunfähig. Sollte es soweit kommen, reagiert er unberechenbar und flippt nicht selten völlig aus. Der Dogmatismus und die Engstirnigkeit, der er gern anderen vorwirft, sind bei ihm selbst besonders ausgeprägt.

Liebe Löwen, ihr wisst bestimmt, worauf wir hinauswollen. Richtig: Wenn ihr Anführer, Leader, Guru, eben: König sein und dabei ordentlich auf den Putz hauen und euch in Ruhm und Ansehen suhlen wollt, dann müsst ihr auch was dafür liefern. Einfach so rumprollen geht nicht und Fans muss man sich verdienen. Guckt also ruhig mal in den Spiegel und fragt euch, ob es anderen auch gefällt, was sie sehen. Und wenn ihr merkt, dass euch das egal ist, habt ihr euren Fehler gefunden. Denn ein echter Löwe ist nunmal auch eitel und Eitelkeit heißt, anderen gefallen zu wollen. Und nur so kriegt man Groupies – ohne Arme keine Kekse.

Übrigens könnte aus Ignaz doch noch ein echter Löwe werden. Denn eigentlich strengt er all seine Revolutionsversuche vor allem deswegen an, um seine im Grunde sehr verachtenswerte Ex-Freundin eifersüchtig zu machen. Ist diese Art der Eitelkeit nicht auch ein bisschen rührend?

 Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Ignaz oder die Verschwörung der Idioten
Autor John Kennedy Toole
Seiten  357
Ausstattung Taschenbuch
Verlag  Klett-Cotta, dtv
Jahr  1988 (Erstausgabe)

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