chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Paul Maars kleiner Flohmarkt

Wir erinnern uns an Zwillinge als eher unbeständige, wankelmütige Wesen, die scheinbar von hier nach dort springen. Aufgrund ihres Charismas gelingt es ihnen jedes Mal, eine Fangemeinde um sich zu scharen, die sie aber ungeniert im Stich lassen, wenn sie das Interesse an der vormals so wichtigen und unbedingten Leidenschaft verlieren, für die sie ihre Anhänger zunächst begeistert haben. Sie meinen es in der Regel nicht böse, aber man bekommt unweigerlich den Eindruck, sie seien treulos. Autsch!

Kinderbuchautor Paul Maar, der den meisten durch seine „Sams“-Bücher bekannt sein dürfte, präsentiert hingegen einen etwas anderen Zwilling. Der macht sich zwar auch aus dem Staub, gerade als es am Schönsten ist, aber er hat recht gute Gründe dafür.

Onkel Florian ist ein lustiger Gesell. Er sieht ein bisschen kurios aus mit seiner alten Fliegerbrille und seiner Fliegermütze und mit dem passenden Flugzeug dazu. Ein bisschen wirkt er wie eine Comicfigur oder wie ein schräger Superheld. Mit seiner lustigen Propellermaschine landet er Tag für Tag bei den Geschwistern Paul und Elfi, verbringt mit ihnen den Tag und zaubert dabei die  verrücktesten Sachen aus seinem alten abgearbeiteten Koffer: Gedichte, die sich (scheinbar) nicht reimen, Kopfstehbilder und Geschnörkel, lustige Sprichwörter und gezeichnete Verse. Sogar Geschichten aller Art kann er auf Kommando von der Leber weg erzählen. Die Geschwister kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Paul und Elfi würden sich ohne ihren täglichen Besuch sicherlich ordentlich langweilen. Denn scheinbar haben die beiden gar nicht so lustige Einfälle wie ihr abenteuerlicher Freund. Immer warten sie sehnsüchtig auf seine Ideen.

Da diese auch zuverlässig und stets wie aus der Pistole geschossen kommen, ist das Trio sehr ausgeglichen und harmonisch. Aber ist es denn tatsächlich so, dass die beiden Kids so gar keine Einfälle haben? Oder sind die beiden nur zu bequem, um mal ihren eigenen Kreativitätsgenerator anzuschmeißen? Onkel Florian will es herausfinden.

Und deswegen bleibt er eines Tages einfach weg. Wobei – so einfach dann doch nicht, er hinterlässt immerhin einen Brief. Und in dem Brief erklärt er seine Absicht: Dass er die beiden dazu animieren möchte, sich allein etwas auszudenken. Dass er schon Sorge hatte, sie würden sich zu sehr auf ihn verlassen. Dass er aber schon von weitem sieht, wie gut sie ohne ihn auskommen (tatsächlich haben die beiden just angefangen, etwas zu basteln, als der Brief vom Himmel herabgesegelt kam) und dass er vielleicht nächste Woche wiederkommt. Aber nichts mehr vorschlagen wird.

Da haben wir den Zwilling: Als es so richtig toll und erfinderisch wird, bleibt Onkel Florian von einem Tag auf den anderen einfach weg. Ein Abschiedsbrief, einmal noch Winken – das war’s! Doch Florians Intention ist eine andere. Er haut nicht ab, weil er selbst das Interesse verloren hat. Sondern weil er sich seiner Vorbildfunktion durchaus bewusst ist. Und ist selbstverständlich äußerst zufrieden, als merkt, dass sein Plan aufgeht und die beiden wirklich ohne ihn tolle Ideen entwickeln. Was nützt denn ein Vorbild wie er, wenn keiner ihm mangels Gelegenheit wirklich nacheifern kann?

„Wenn der Schüler nicht besser wird als der Lehrer hat der Lehrer versagt“, heißt es heimlich in abseitigen japanischen Kampfsportarten. Klingt drastisch, ist aber nicht ganz falsch – wenn der Rädelsführer, der Gruppenleiter, das Idol, nicht wenigstens so viel an seine Jünger weitergibt, dass diese die gemeinen Ideale auch allein umsetzen können, dann ist doch irgendetwas schiefgelaufen. Das wusste Bob Dylan, das wusste Jesus und Onkel Florian weiß es auch.

So wie Florian mag also manch ein Zwilling in Wirklichkeit ticken. Es ist gar nicht so, dass bloß das Interesse schwindet. Es ist die Aufgabe, die der Zwilling als erfüllt betrachtet. Und die seine Anhänger von nun an ohne ihn bewältigen sollen. Am Ende haben sie womöglich sogar so viel gelernt, dass sie das besser machen, als ihr Mastermind.

Was also lernen wir daraus? Eventuell ist der Weggang des geliebten und verehrten Zwillinggenossens weder eine Kündigung alter Bündnisse, noch ein krasser Interessenswandel, sondern im Grunde ein Kompliment. Wir können das jetzt nämlich alles auch allein, wir sind soweit. Na, da werden wir doch den Teufel tun, uns zu ärgern. Sondern sagen ehrlich grinsend Dankeschön!

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Paul Maars kleiner Flohmarkt
Autor Paul Maar
Seiten 158
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Deutscher Taschenbuchverlag (dtv)
Jahr 1985

 


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