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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Serafin und seine Wundermaschine

Fahrkartenknipser in der U-Bahn ist ein harter, einsamer Job. Schon als Fahrgast können einem die müden und genervten Gesichter in der Bahn einen ordentlichen Stimmungsdämpfer verpassen. Begegnet man den alltagsresignierten Mienen jedoch einen ganzen Arbeitstag lang, und das – wie es bei den meisten U-Bahnen nun einmal der Fall ist – unter Tage, kann man regelrecht trübsinnig werden. Und für Serafin, der gern von fantastischen Dingen träumt und am liebsten Erfinder wäre, ist der Job schlicht die Hölle. Er erwacht quasi erst zum Leben, wenn er zu seinem Freund Plum und dessen Hamster nach Hause kommt.

Denn Serafin und Plum haben zusammen die schönsten Ideen und Träume und malen sich ihre Welt in den buntesten Farben aus, die es gibt. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn sie zusammen an verrückten Erfindungen basteln (zumindest in ihren Köpfen). Genau das richtige also, um Serafin aus der grauen Alltagswelt seines Berufes zu reißen …

Kein Wunder , dass er die Stelle nicht lange behält. Die spontane Befreiung eines im U-Bahn-Schacht gefangenen Schmetterlings wird ihm zum Verhängnis – und er selbst gefeuert. Doch zum Glück erbt er ein uraltes, verfallenes Haus und ein ebenso altes Auto. Plum und er entscheiden, sich jetzt endlich ihren größten Wunsch zu erfüllen und ihr Traumhaus zu bauen.

Ein Traum wird wahr

Der klapprige Lieferwagen ist im Handumdrehen fahrtüchtig gemacht und dient ab sofort als Transportmittel – für allen möglichen Krempel, der für das Haus vielleicht brauchbar sein könnte. Die beiden hauen ihre gesamten Ersparnisse auf den Kopf und zimmern, was das Zeug hält.

Das Haus wird in der Tat prächtig. Ein zauberhaftes Schloss, aber tausendmal verwunschener als es in Märchen jemals beschrieben wurde. Das Interieur spottet endgültig jeder Beschreibung: In jeder Ecke, in jedem Winkel gibt es etwas Neues zu entdecken. Der Stil reicht je nach Zimmer von gemütlich bis unglaublich. Und die beiden sind mächtig stolz und fühlen sich pudelwohl.

Doch das Herzstück des Hauses ist Serafins Wundermaschine. Es ist sein Meisterwerk: Ein riesiges Gebilde aus unzähligen Instrumenten und noch mehr Lautsprechern. Diese beste seiner Erfindungen ist in der Lage, auf  Wunsch jedes Musikstück dieser Welt zu spielen. Die Wundermaschine markiert den Höhepunkt ihres Schaffens – das Ding in diesem Haus ist alles, was sich Serafin und Plum jemals erträumt haben.

Das böse Erwachen

Und dann der Schock: Ihr Haus soll abgerissen werden und einer modernen Wohn- und Industriesiedlung Platz machen. Offenbar war ihr Leben einfach zu schön, um wahr zu sein.

Um der Vertreibung Einhalt zu gebieten, lassen sich die beiden Freunde einiges einfallen. Aber nicht einmal der selbstgebaute Drache, der echtes Feuer spuckt, kann die Bauarbeiter auf Dauer vertreiben. Als letzte Ausflucht lassen sie sich wieder etwas total Irres einfallen: Sie bauen einen Turm hoch in den Himmel. Sie klettern höher und höher, und als ihnen das Material ausgeht, bauen sie einzelne Treppenstufen aneinander, die letzte an die erste, und entschweben so der ernüchternden Realität …

Schützen auf den zweiten Blick

Schütze ist nicht gleich Schütze – das haben wir nicht erst bei den Vorstadtkrokodilen festgestellt. Es gibt laute, extrovertierte Schützen, die die Welt nicht nur kennenlernen, sondern erobern wollen; es gibt die Schützen, die nicht nur selbst auf tausend Hochzeiten tanzen, sondern alle Menschen aus ihrer Umgebung mitnehmen müssen.

Es gibt aber auch die eher stillen Schützen. Die, die für sich selbst denken, fantasieren oder eben erfinden. Sie sind von Natur aus meistens Einzelgänger – es ist jedenfalls nicht leicht für sie, wirklich gute Freunde zu finden. Doch auch wenn es vielleicht den Eindruck erweckt, dass diese Schützen weniger risikofreudig, weniger unternehmungs- oder abenteuerlustig seien als ihre „lauten“ Kollegen – sie sind es doch. Aber sie binden es nicht jedem auf die Nase.

Serafin und Plum beispielsweise gehören zu den stillen Schützen. Sie haben keinen großen Freundeskreis (genau genommen gar keinen Kreis – zwei Menschen und ein Hamster bilden eher ein Dreieck), sie reißen keine Menschenmassen mit, sie bewegen sich nicht einmal nennenswert von der Stelle. Aber sie entdecken und erfinden, sie träumen, sie sind neugierig und voller Leidenschaft, was ihre Erfindungen angeht. Und sie bauen ein Haus, dass aus so vielen Elementen, Zimmern, Erkern und Feinheiten besteht, dass nur waschechte Schützen diese tausend Baustellen und Projekte, die dieses Bauvorhaben bedeutet haben muss, bewältigen konnten.

 

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Serafin und seine Wundermaschine
Autor Phillippe Fix
Seiten 32
Ausstattung Bilderbuch, Hardcover
Verlag Diogenes
Jahr 1967 (1. Auflage)

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