chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Wachen! Wachen!

Samuel Mumm ist der alkoholkranke, ausgebrannte Hauptmann der ankh-morporkianischen Nachtwache. Eine traurige Gestalt, deren Talent in der Wache verkümmert. Der einen Haufen scheinbar willenloser Idioten befehligt, die allesamt nicht ernst genommen werden. Von niemandem. Die dem Verbrechen aus dem Weg gehen, statt es zu bekämpfen. Die nach dem Unheil kommen und so tun, als hätten sie alles getan, was nur ging.

Aber dann versucht ein Möchtegerngernegroß die Macht an sich zu reißen, die wilde ungebärdige Stadt unter seine Herrschaft zu zwingen – und Mumm taucht aus seinem Dämmerzustand auf: Wie kann es jemand wagen, seine (SEINE!!!!) Stadt zu bedrohen. Sam Mumm findet seinen Gerechtigkeitssinn wieder, seinen Zorn und seine Wut und auch sein Engagement als Oberster der Nachtwache.

Suff, Angst und die Gerechtigkeit

Total besoffen liegt Sam zu Beginn der Geschichte im Rinnstein. „Armer alter Mumm“, denkt er, als sein Verstand sich zurück in sein schläfriges Hirn wagt. Bemitleidet sich selbst, den Jungen, der aus der Gosse kam und sich hochgearbeitet hat – bis zum Kommandeur. Der in der vermaledeiten Nachtwache Dienst schiebt und der gerade einen toten Kameraden beerdigt hat.

Und dann geschehen merkwürdige Dinge: Zunächst fängt ein neuer Rekrut an, der – keiner kann es glauben – das Verbrechen ernsthaft bekämpfen will. Der nicht nachts „X Uhr und alles ist gut!“ rufen und wenn nichts gut ist, die Beine in die Hand nehmen und Fersengeld  geben will. Im Gegenteil: Er verhaftet den Anführer der „legalen“ Diebesgilde und zerrt ihn zum Herrscher der Stadt.

Und eines Abends – der neue Rekrut maßregelt gerade in der berüchtigsten Kneipe die Gauner – „retten“ die Wachkameraden den Neuen, das heißt, sie gehen in die Kneipe, nachdem die Schlägerei vorbei ist. Gemeinsam gehen die vier einsamen Stadtwächter dann zurück zur Wache. Leider verlaufen sie sich in ihrem trunkenen Zustand und beobachten ein mysteriöses Geschehen: mehrere „geröstete“ Verbrecher. Ein Drache ist in der Stadt. Und der Herrscher befiehlt Mumm, wegzusehen.

Ein Gerechtigkeitssinn erwacht

Drachenfigur an Hauswand

So ein Drache zerkratzt mit seinen Krallen nicht nur hübsche Fassaden, sondern stört die Ordnung der Stadt. Und so müssen er und der, der ihn beschworen hat, ordentlich was auf den Dez kriegen.
Findet zumindest Samuel Mumm von der Nachtwache Ankh-Morporks.

Und so kommt es, dass sich in Mumm etwas regt, dass er jahrelang erfolgreich tief in sich verbuddelt hat: Seine Meinung zu sagen, das Denken zuzulassen, sich ernst zu nehmen und die Menschen zu schützen, wie es seine Aufgabe ist. Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Nach und nach widersetzt sich Mumm immer mehr den Befehlen des Stadtoberen.

Er beauftragt seine Kameraden, sich umzuhören. Er beginnt zu recherchieren und geht los, um etwas über Drachen zu lernen. Er will sich auseinandersetzen. Er rebelliert auf seine Art gegen seine Befehle, weil er das Wohl der Stadt und richtiges Handeln über die Ansagen aus dem Herrscherhaus stellt. Mumm riskiert Ärger und Strafe, er pokert – und gewinnt.

Was ist wichtig?

Gerechtigkeit ist ein großes Wort. Was heißt das? Immer das tun, was im Gesetz steht? Oder ist es Selbstjustiz? Seine eigene Version von Gerechtigkeit durchsetzen? Oder ist Gerechtigkeit das, was dem Wohl aller dient? Für Mumm, den Wassermannartigen, ist Gerechtigkeit, dass seine Stadt bewahrt bleibt. Dass kein hergelaufener Ich-will-der-Boss-sein-Depp die bestehende Ordnung einfach so über den Haufen kippt, und zwar nur zum eigenen Wohl. Natürlich ist in Ankh-Morpork nicht alles toll. Natürlich gibt es Verbrechen und Ärger. Aber es ist Samuel Mumms Stadt, in der Menschen leben, in der eine gewisse Ordnung herrscht. In der man einen Weg gehen kann. Und das soll nicht bedroht werden.

Ich finde das Thema „Gerechtigkeit“ und das Durchsetzen derselben schwierig. Aber ich finde es gut, sich klar über die eigenen Prinzipien zu werden. Zu wissen, wo man steht und ab wann die Grenze erreicht ist. Ab wann man aufhört, zu saufen und sich berappelt und für sich einsteht. Und dann auch bereit ist, sich offen und ehrlich auseinanderzusetzen. Keine Selbstjustiz. Diskussion und Respekt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Wachen! Wachen!
Autor Terry Pratchett
Seiten 424
Ausstattung Softcover
Verlag Heyne
Jahr 1991

 


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Foto: © Dierk Schäfer/flickr – CC BY 2.0

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