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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Lycidas

Mortimer Wittgenstein lebt als kleines Kind in einem Kaff irgendwo in Schottland. Er scheint ein ganz normales Kind zu sein. Er hat so seine Aufgaben im Haushalt seiner Eltern, er spielt mit den anderen Kindern und er hat Sorgen und Freuden, so wie wir alle. Als er jedoch mit acht Jahren einen Eimer Wasser ins Haus trägt, ändert sich alles: er lässt den Eimer nämlich schweben. Das gesamte Dorf inclusive Eltern kann mit dieser reichlich merkwürdigen Situation nicht umgehen und beäugt den Jungen so abgeneigt, dass der sich in die umliegende Landschaft flüchtet und nie wieder heim will.

So ein Erlebnis allein kann einem Kind schon die Freude am Leben verhageln. Kann dem Knirps auf die harte Tour vermitteln, dass man nicht gewollt ist und dazu führen, dass sich so ein Kind in sich verkriecht, die Schotten dicht macht und einen ordentlich breiten Panzer um sich herum aufbaut. 

Mentor mit Pelz

Zum Glück für den kleinen Mortimer findet ihn eine freundliche Lady und nimmt ihn mit ins große London. Dort wohnt er in ihrem Anwesen (einem Menschenhaus) und lässt ihm eine angemessene Erziehung zukommen, eine, die auch seine spezielle Fähigkeit der Telekinese ordentlich ausbildet. Sie ist ihm eine so gute Ziehmutter und Mentorin, dass er sich nicht mehr nur fremd und komisch fühlen muss. Sie ist aber auch eine Ratte – und so kommen mütterliche Umarmungen und Nase putzen nach einem Heulanfall vielleicht doch etwas kurz.

Zeitung lesender Mann schwebt über dem Boden

Ja, auch einen Zeitung lesenden Mann könnte Mortimer Wittgenstein schweben lassen. Praktischer ist, dass er bei Beschuss Kugeln und Pfeile mit seiner Fähigkeit ablenken und so seine Haut retten kann.

Mylady Hampstead, wie die Nagerdame heißt, macht dem kleinen Mortimer auch klar, dass seine vermeintlichen Eltern Pflegeeltern waren: Jemand mit der Fähigkeit, Wassereimer (und auch sonst alles mögliche) schweben zu lassen, ist ein Trickster. Und Trickster entstehen aus der Verbindung von Elfen und Menschen. In Wittgensteins Fall einer menschlichen Mutter und einem Elfen als Papa.

Rückschlag auf ganzer Linie

Trotzdem: Kinder mit einer schlimmen Vergangenheit und traumatischen Erfahrungen öffnen sich trotz aller positiven Wendungen nicht so schnell. Und so ist auch Mortimer Wittgenstein nach wie vor verschlossen und ein eher mürrischer Charakter. Das ändert sich erst, als er seine große Liebe trifft. Eine Mitschülerin, wie er ein Trickster. Und damit beginnt des Dramas zweiter Teil. Denn nach Ansicht der Regierung, der Schule und überhaupt fast aller, die irgendwie etwas zu sagen haben, sollen Trickster kein Liebesleben haben. Sie sollen keine Kinder haben, denn man weiß nicht, was daraus entstehen könnte. Es kommt, wie es kommen muss: Mortimers Liebste wird schwanger, sie werden verfolgt, man bringt sie fast um. Und die einzige Lösung liegt darin, dass sich die beiden trennen und nie, nie, nie wieder sehen. Nur so können sie alle überleben, heißt es.

Um des ungeborenen Kindes Willen stimmen beide ein und weil sie vom jeweils anderen nicht wollen, dass er oder sie stirbt. Mortimer leidet fortan für fast sein ganzes restliches Leben unter dieser Entscheidung und der Bedeutung, die es für ihn hat. Er verschließt alles Empfindsame und Weiche in sich und härtet den Panzer, der doch schon ganz schön weit aufgegangen war, wieder schön fest. Er schaut keine andere mehr an, verkriecht sich in sich, lässt kaum einen an sich heran – vor allem im übertragenen Sinn. Er geht quasi „back to the roots“, zurück in sein Kindheitsverhalten. Ein Krebs, nicht nur qua Geburt, sondern auch vom Leben geformt. 

Ein Riss in der Schale?

Wittgenstein ist nicht einsam, er hat Freunde, seine Mentorin, einen Beruf, einen Lehrauftrag – und das alles, obwohl er sich als junger Mensch gegen seine „Bestimmung“ gewandt hat. Sich nicht komplett hat kleinkriegen lassen. Bedenkt: Ein Krebs hat auch Scheren und Mortimer setzt sie auch ein. Mortimer ist zudem ein Krebs, der sich sehr wohl dessen bewusst ist, was in ihm ist. Er denkt viel und kennt seine Gefühle und er weiß auch sehr gut, welche Türen in seinem Inneren er lieber nicht öffnen will. Das unterscheidet ihn von manch anderem Krebs, der seinen Panzer nicht nur außen hat.

Und als er eines Tages um Hilfe gebeten wird, ein junges Waisenkind aufzunehmen, das ein Heim braucht, tut er das auch. Mürrisch zuerst, doch schließlich hilft er ihr. Hilft ihr, wie Mylady Hampstead ihm früher geholfen hat. Und nach und nach erzählt er dem Mädchen auch mal etwas über sich und lässt zu, dass sie ihm wichtig wird.

Entscheiden, wem man die Tür aufmacht …

Wittgenstein ist kein Krebs, der eifersüchtig über alles wacht, auch kein Träumer. Er ist vor allen Dingen die verschlossene Seite des Krebses: Einer seiner Lieblingssätze ist „Fragen Sie nicht!“. Wortkarg ist er und so leicht zu erkennen. Aber auch Krebse, die viel und ausschweifend reden, können sein wie Wittgenstein. Er lässt keinen in sein Innerstes blicken. Kaum einer kennt seine Lebensgeschichte und selbst sein Mündel erfährt in insgesamt fast zehn Jahren kaum etwas. „Fragen Sie nicht!“ – aber seine Schutzbefohlene lässt nicht locker und so kommt manchmal doch ein klitzekleiner Lichtstrahl ins Dunkel des Lebens dieses verschlossenen Menschen. Und das ist es, was wichtig ist bei diesem Krebs: Mortimer Wittgenstein entscheidet sich, Antworten zu geben.

Leider fällt es Krebsen oft schwer, sich zu trauen, ihren Panzer zu öffnen. Zu groß ist in vielen Fällen die Angst, dass da irgendwer aus dem weichen Inneren Krebssuppe kochen will und man dabei draufgeht. Auch Mortimer ist zögerlich, lässt sich nicht leicht auf seine Schutzbefohlene ein. Aber irgend ein Teil in ihm mag ja dieses Mädchen und will ihr helfen. Allein deswegen lohnt es sich für ihn, ihr echte Antworten zu geben und der Kleinen einen Einblick in sein Leben zu geben. „Belohnt“ wird er mit einer Freundschaft und das mag er durchaus auch.

Und das kann jeder Krebs: Die Entscheidung treffen, wann, ob und inwieweit er anderen einen Einblick in das Weiche innendrin erlauben will. Und diese Entscheidung kann man jeden Tag, jede Sekunde treffen, immer wieder neu. Schließlich ist es das eigene Ich, um das es geht. Liebe Panzertiere: Traut euch ruhig, mal aufzumachen. Vorsichtig, wenn es das ist, was ihr könnt. Und dann schaut einmal, ob es nicht doch etwas Bereicherndes aus dieser Welt da draußen gibt, das euch gut tut und das ihr mögt!

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Lycidas
Autor Christoph Marzi
Seiten 862
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Heyne
Jahr 2011

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Foto: © SPNR/flickr – CC BY 2.0

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