chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die Farben der Magie

Rincewind, ohne Vornamen, kaum Freunde (oder was man so nennt), keine Angehörigen, kein wirkliches Zuhause – und obendrein auch noch gescheiterter Zauberlehrling ohne Abschluss. Rincewind, der Feigling. Rincewind, der ewig Ängstliche. Rincewind, der erste Reiseführer der Scheibenwelt, wider Willen, natürlich, muss den ersten Touristen auf seinen Fahrten begleiten und dafür sorgen, dass ihm nichts zustößt. Denn sonst, so der Patrizier, Herrscher über Ankh Morpork, könnte es sein, dass er einen sehr interessanten (!) Tod stirbt.

Rincewind verflucht sein Schicksal – und begibt sich resigniert darein. Stiefelt mit dem Touristen Zweiblum (ebenfalls ohne Vornamen) durch Ankh Morpork, zeigt ihm die „Sehenswürdigkeiten“, lediglich getrieben von der Gier nach den Golddukaten des Reisenden. Und immer hadernd mit seinem Unglück, sich um diesen Mann kümmern zu müssen und dadurch in viel zu viele Abenteuer verstrickt zu werden – ein Umstand, der sein Leben lang nicht mehr aufhören wird, auch, als Zweiblum längst wieder in seiner Heimat ist.

Ein Leben in Aufregung

Mit Zweiblum fängt alles an: Er trifft den Burschen in der „Geflickten Trommel“ und kommt mit ihm in Kontakt, weil er eine Sprache spricht, die auch Zweiblum versteht. Und der Tourist engagiert den verhinderten Zauberer als Reiseführer. Rincewind soll ihm alles zeigen, was in Ankh Morpork cool ist: Die Spelunken, die Helden, die Alchimisten, die Zauberer, die Nachtclubs. Alles!

Rincewind versteht zwar nicht, was an diesem ganzen Elend, den Morden, den Explosionen etc. so klasse sein soll, aber wer fragt schon, wenn es enorm viel Geld zu verdienen gibt. Was Rincewind in „Die Farben der Magie“ noch nicht ahnt: Das aufregende Leben, in das er nach einem bis dato meistenteils langweiligen Dasein stolpert, ist erst der Anfang. Ab diesem Zeitpunkt wird Rincewind in jeder Geschichte neue Abenteuer erleben, interessante Dinge erfahren, dem Tod zigfach von der Schippe springen, an die unwahrscheinlichsten Orte gelangen.

Und er wird es jeden Tag aufs Neue hassen und sich wünschen, einfach nur an einem ruhigen Ort zu sein, am liebsten an der Unsichtbaren Universität.

Abenteuer pur

Wahrscheinlich haben sich die Götter der Scheibenwelt irgendwann – gelangweilt von ihren üblichen Würfelspielchen – gedacht, dass sich doch einer wie Rincewind hervorragend eignet, ein Leben in Action zu verbringen. Kurz nachdem sich Rincewind und Zweiblum kennengelernt haben, müssen sie aus Ankh Morpork flüchten. Der Wirt der „Geflickten Trommel“ wollte einen hübschen kleinen Versicherungsbetrug einfädeln und hat seine Kneipe angesteckt – um die Versicherungssumme einzustreichen. Die Versicherung hatte Zweiblum ihm angedreht. In der besten Absicht und Naivität – so wie immer bei Zweiblum. Leider ist sowohl die Kneipe als auch die halbe Stadt in Flammen aufgegangen und Tourist und Reiseführer mussten fluchtartig die Stätte verlassen.

Hier beginnt eine Odyssee, die sie zu einem Tempel mit oktopusartigem Monster führt, Rincewind Bekanntschaft mit sprechenden Bäumen macht (und sie standhaft leugnet), er in einem Baum landet und sich ärgerlichen Dryaden gegenübersieht, sie auf einen fliegenden Berg gelangen, in dem imaginierte Drachen leben und Zweiblum einen so tollen Drachen erträumt, dass sie damit fliehen können. Sie stürzen von dem Drachen, der sich wieder in Luft auflöst und erleben eine Reise in einem nichtexistenten Flugzeug, landen im Randmeer und stürzen als erste Astro-/Kosmo-/Was-auch-immer-nauten über den Rand. Sie landen auf dem fliegenden Teppich eines Steinkreisbauerdruiden, lernen den alternden Cohan, den Barbar kennen und retten am Ende die Scheibenwelt.

Als Zweiblum schließlich nach Hause fährt, glücklich über seine Eindrücke und voller Vorfreude darauf, sich an all das Erlebte zu erinnern, wünscht sich Rincewind nichts sehnlicher, als jetzt sein Studium an der Unsichbaren Universität zu beenden und sein Leben in Frieden weiterzuleben. Er wird Mitarbeiter des Bibliothekars.

Diverse Geschichten später weiß jeder, dass Rincewind nicht fürs Hinterm-Ofen-sitzen geboren ist: Reisen auf den Fünften Kontinent, in die Hölle, die Kerkerdimensionen und sogar in die Heimat Zweiblums (die er auch rettet) bescheren ihm ein Leben in Abenteuer und Aufregung.

Schütze wider Willen

Was Rincewind während der Zeit mit Zweiblum schützt, ist der Zauberspruch (einer der acht GROßEN Zaubersprüche, die auf verwirrende Art eine Eigenleben führen) in seinem Kopf. Er verhindert, dass Rincewind wirklicher Schaden entsteht. Wie sich nach und nach herausstellt, hat sich der „Mistkerl“ in Rincewinds Hirn versteckt, damit keiner Schindluder mit ihm und seinen sieben „Kumpels“ treiben kann. Doch am Ende von „Das Licht der Phantasie“ spricht Rincewind ihn aus und rettet quasi die Welt damit.

Aber es hatte einen Grund, dass sich der Zauberspruch bei Rincewind niederließ: Er ist einer, der überlebt. Einer, der immer wieder knapp davonkommt. Nun würde sich so mancher über eine solche Fähigkeit freuen und so bald als möglich loslaufen und sich in Abenteuer stürzen. Jeder Schütze wäre glücklich über diese Fähigkeit. Eine Art Schutzengel, der einen immer davor beschützt, sich wirklich etwas zu anzutun, zu sterben gar. Rincewind muss grummelnd anerkennen, dass das stimmt. Aber, denkt er sich, das müsste doch nicht bedeuten, immer wieder in Gefahren verwickelt zu werden.

Rincewind ist der Schütze par excellence: Er macht weite Reisen, sammelt neue Erfahrungen, entdeckt eine Menge spannender und interessanter Dinge. Und er hasst es!!!! Er hasst die Aufregung, er findet Adrenalin in seinem Blut furchtbar. Er will nicht andauernd Angst haben. Er will nichts Neues sehen, hören, riechen und schon gar nicht kennen lernen. Er will immer wieder einfach nur nach Hause. Er ist ein Schütze wider Willen.

Und so kann er seine tollen Seiten gar nicht genießen, denn er lässt sich zu 0,0% darauf ein. Null Bereitschaft, sich die Dinge einmal anzusehen und sich dafür zu interessieren. Leider macht er sich das Leben dadurch noch schwerer: Er kämpft gegen seine Natur und das  – wie einem bestimmt jeder halbwegs fähige Psychologe erklären kann – ist so ziemlich das Dämlichste, was man tun kann. Dann mag man es nicht nur nicht, man versucht auch noch, all seine Kraft in die Vermeidung zu stecken. Und das kann im echten Leben letztlich mit Zusammenbruch enden. Deswegen hier der Tipp von Dr. Chairlounge: Liebe Schützen und sonstige Zeitgenossen, manchmal ist die eigene Natur nicht das, was man sich selbst im großen Lebenssupermarkt ausgesucht hätte. Aber statt immer nur DAGEGEN zu sein, versucht doch mal, es ein bisschen zu akzeptieren und euch beide Seiten der Medaille anzusehen.

Schließlich profitiert ja auch Rincewind von seinen Erfahrungen und kann damit immer wieder die Welt retten. Und sowas ist einfach gut fürs Ego. Oder?

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Farben der Magie
Autor Terry Pratchett
Seiten 270
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Heyne Verlag
Jahr 1993

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