chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Neues Buchhoroskop für den Krebs

In den Panzer geschlossen!

Die Grenze zwischen typisch und klischeehaft ist ja bekanntlich fließend. Wir zum Beispiel haben so oft über den kleinen, schüchternen, ängstlichen Krebs gesprochen, dass wir uns andere Wesenszüge dieses Krabbeltieres gar nicht mehr vorstellen können. Zum Beispiel, dass ein Krebs ein echter Kämpfer ist. Oder dass er nicht schüchtern, einsam und verstockt, sondern still, nachdenklich und einfach nicht sehr gesellig ist. Oder- und jetzt kommts – dass ein Krebs in der Lage ist, sich seine Freunde selbst auszusuchen. 

Shogo gehört eher zur letzteren Sorte Krebs und das aus gutem Grund. Denn ein schweigsamer, einsamer Krieger zu sein, würde ihm in seiner Situation wahrscheinlich das Leben retten. Dass er am Ende jedoch nicht ganz so einsam bleibt, ist einer anderen Eigenschaft des Krebses geschuldet: seinem unendlich großen Herzen.

Wir empfehlen für den Krebs:

Battle Royale von Koushun Takami

Kurz gefasst:

Das erste, was man von einem Krebs sieht, sind die Scheren. Das zweite, das einem auffällt, ist der Panzer. Scharf und verletzend das eine, undurchlässig und hart das andere. Beides wirkt auf den ersten Blick nicht unbedingt einladend. Das Gefühl haben auch Shuya und Noriko, als sie Shogo inmitten des grausamen Spiels, das sie mit ihrer Schulklasse ausfechten müssen, begegnen. Doch wie es Krebsen nun mal zu eigen ist, hat auch Shogo einige Überraschungen auf Lager …

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Neues Buchhoroskop für Zwillinge

Hopsassa und vorneweg mit Verantwortung

Zwillinge sind Überflieger, immer vornedran, schnelle Ideen, schnelle Taten – und dann schnell weiter. Manches Mal kommt man kaum hinterher. Und mancher Zwilling schert sich kaum darum, ob ihm alle anderen folgen können oder gar, ob sein Tun irgendeine Auswirkung auf die Welt um ihn oder sie hat …

Nun wollen wir euch einen Zwilling vorstellen, der zwar genauso sprunghaft wie intelligent wie weit voraus ist, der seine Arbeit liebt und immer weiter voran will – und der sich trotzdem im Ernstfall schwere vorwürfe macht und auch überlegt, wie er den Schaden wieder gut machen kann: Wiebke Lehmann.

Wir empfehlen für die Zwillinge:

Das Rätsel Sigma von Karl-Heinz Tuschel

Ach ja, die Zwillinge, immer frisch vorneweg und allen anderen 17 Schritte voraus. Manchmal ist das ermüdend, oft spannend und interessant. Bei Sherlock Holmes konnte man immer davon ausgehen, dass er mit seinen schnellen Gedanken selbst dem ärgsten Bösewicht einen Schritt voraus war und ihn oder sie zur Strecke brachte – mal abgesehen von Professor Moriarty vielleicht …

Bei Wiebke Lehmann läuft der Hase leider ein bisschen anders: Die sympathische und energische Verfahrensingenieurin in der Forschungsproduktion Betalonvermüllung (FBV) ist dafür zuständig, Wege zu finden,  wie bestimmte Bakterien am effizientesten arbeiten. Die Regierungen in Karl-Heinz Tuschels „Das Rätsel Sigma“ sind sich nämlich schon 1996 bewusst, dass man mit riesigen Plastebergen nur die Umwelt zumüllt und haben deswegen entschieden, bei der Entwicklung neuer Stoffe gleich das Recycling mitzudenken.

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Foto oben: © Raphael Reischuk/PIXELIO

Raumschiffe im Größenvergleich

Neulich habe ich was ganz tolles gefunden: Einen Größenvergleich von Raumschiffen auf einem Poster!

Super. Da hat sich ein Mensch namens Dirk Löchel eine irre Arbeit gemacht, alle möglichen Raumschiffe auf einem Stück „Papier“ unterzubringen, und zwar maßstabsgetreu. Ein Pixel (!!!!) entspricht zehn Metern. Auch die ISS ist dabei – schließlich sollte unser einziges Raumschiff (wir sind mal großzügig in der Auslegung des Begriffes) nicht fehlen. Man muss sie allerdings suchen, so klein ist die Raumstation im Vergleich zu den riesigen Schiffen aller anderen …

Natürlich gibt es Star Wars, Star Wars, Star Wars. Und Star Trek, klar. Warhammer bietet auch reichlich Fluggeräte. Aber wenn man sich die Grafik mal in der Originalauflösung (klicke auf unser Bild und du kommst auf die Seite) runterlädt und dann großzieht, entdeckt man alle möglichen weiteren Vehikel, mit denen man im All rumschippern kann. Wenn euch was fehlt, guckt in den Erläuterungen und Kommentaren, oft hat Löchel dazu schon was gesagt.

So, und hier jetzt Löchels grandiose Arbeit:

Poster mit Abbildungen von Raumschiffen aller Art im maßstabsgetreuen Größenvergleich

© Dirk Löchel

Ich lese gerade … Das Rätsel Sigma

Neulich habe ich in einer Bücherverschenkebox zwei SF-Bücher rausgezogen. Sie sind noch aus DDR-Zeiten und solche Bücher nehme ich immer mit. Diese SF ist einfach anders, vor allem meist keine Endzeitutopien mit allen möglichen bösen, widerwärtigen und antimenschlichen Lebewesen. Das tut gut.

Und so lese ich jetzt „Das Rätsel Sigma“ von Karl-Heinz Tuschel. Schön ist gleich der zweite Satz: „Der Mai des Jahres 1996 hatte bis Mitte der Woche nur Kälte und Regen gebracht, einmal war soar so etwas wie Schnee auf die mecklenburgische Stadt Neuenwalde herabgerieselt.“ Das Buch ist von 1974 und da war ’96 natürlich Zukunft, während wir a) wissen, dass da schon die Mauer gefallen war und sich b) die Welt ganz schön weiterentwickelt hat, auch technisch.

Bisher (ich bin auf Seite 43) dreht sich das Buch um Herbert Lehmann, der an der Aufklärung plötzlicher Schlafanfälle arbeitet: In Neuenwalde fallen im besagten Mai mehrere Menschen urplötzlich in Schlaf und sind nicht mehr wachzukriegen. Keiner weiß, wieso. Lehmann ist Mathematiker und leitet das „mathematische Büro“ in der „Bezirksinspektion für Umweltschutz“ in einer mecklenburgischen Bezirksstadt.

Auf den „paar“ Seiten, die ich bisher gelesen habe, gibt es schon ein paar tolle Ideen: In Tuschels 1996 ist der „benzinlose Stadtberkehr“ Realität. Das heißt, in allen Städten stehen E-Autos für alle Bürger bereit. Die Autos sind offen, man kauft sich Marken, von denen man eine in einen Schlitz im Auto wirft, dann kann man fahren. Benziner stehen dann in Garagen am Stadtrand, mit ihnen kann man bei Bedarf weiterfahren bzw. ein Fahrer fährt einen.

In der Welt Herbert Lehmanns ist auch schon überall Glasfaser verlegt und Videoanrufe sind für die Menschen das normalste der Welt. Ich erinnere mich daran, Anfang der Neunziger an der Uni an Tests zur „Bildschirmtelefonie“ teilgenommen zu haben und wir dümpelten gerade mal mit Modems herum …

Auch das aktuell viel diskutierte Plastikproblem haben die Menschen in „Das Rätsel Sigma“ fast im Griff: Als man nämlich mehr und mehr Plaste produzierte, stellte die Welt fest, dass es ein Abfallproblem geben würde – und dass man sich damit beschäftigen müsse. So wurden verschiedene Methoden der Verrottung entwickelt und Anfang der 90er entschieden, bei der Produktion von Plastik gleich seine Entsorgung mitzudenken. Heute, 2018, heißt das cradle-to-cradle – und kaum ein Hersteller von irgendetwas scheint sich dafür zu interessieren.

Im Buch arbeitet Lehmanns Frau Wiebke daran, ein neuartiges Plastik ordentlich abzubauen: Gleich mit der Einführung von „Betalon“ wurden Bakterien gezüchtet, die den Stoff so zersetzen können, dass man aus dem Restprodukt wieder neues „Betalon“ machen kann. In der Realität schaffen wir es gerade mal zu Tragetaschen, Fleecepullis und T-Shirts … die aber höchstens noch zu Sargfüßen weiterverarbeitet werden können. Das ist natürlich besser als verbrennen – aber wie schön wäre eine andere Lösung …

Nach meinen knapp 40 Seiten Lektüre bin ich ziemlich beeindruckt, was Tuschel sich schon 1974 ausgedacht hat – zu einer Zeit, in der sich die meisten Menschen noch kaum Gedanken zu all diesen Themen gemacht haben. Es wäre toll gewesen, wenn wir hüben wie drüben schon 1996 Internet, Handys und E-Autos und einen voll funktionsfähigen Plastikkreislauf gehabt hätten.

Was ich denke ist, dass man die Entwicklung manches Mal nicht schneller machen kann. Aber wenn der Mensch sich schon Sachen ausdenken kann, so wie Tuschel es getan hat, dann wäre es manches Mal toll, wenn das Denken auch gleich zu Forschung und Entwicklung führen würde. Vor allen Dingen bei den nützlichen Dingen und nicht nur bei Waffen etc.

Mal sehen, wie es weitergeht im Buch. Vielleicht ist ja die Plasteproduktion schuld an der Schlafkrankheit oder das AKW, aus dem die ersten Fälle kamen.

Neues Buchhoroskop für Stiere

Focus on what you love

Wir Menschen sind doch manchmal komisch: Auch wenn wir endlich etwas tun (essen, sehen, fühlen), auf das wir uns ewig gefreut haben und was wir unglaublich toll finden, so sind wir trotzdem oft währenddessen mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache. Wir sind so darin geübt, alles um uns herum wahrzunehmen, dass uns manchmal der Blick auf das Wesentliche entgleitet. Das ist insofern schade, als dass der Genuss der Sache an sich darunter ein wenig leidet. In der Hinsicht könnten wir alle ein wenig Nachhilfe gebrauchen. Und wer würde sich dafür besser eignen als ein Stier, der das Genießen sozusagen erfunden hat? Besser noch: der heutige Stier kommt vom Mars und hat daher noch ein paar zusätzliche Tricks drauf. Wir stellen vor:

Fremder in einer fremden Welt von Robert A. Heinlein

Sein Name ist Valentine Michael Smith, er wurde als Mensch geboren und auf dem Mars von Einheimischen aufgezogen. Dadurch ist er nicht wie wir – er sieht nicht nur viel besser aus als wir alle zusammen, seine Sinne sind um einiges schärfer und sein Empfinden ist tiefer als bei uns profanen Menschen. Das macht sich zum Beispiel beim Akt des Genießens bemerkbar: Wenn Valentine in etwas schwelgt, befindet er sich jenseits von gut und böse. Wenn er über etwas staunt, entdeckt er plötzlich alles neu, wie ein Kind. Und wenn er sich über etwas freut, dann leuchtet die ganze Welt. Wer, wenn nicht der Stier, könnte so empfinden?

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Die Augen des Iriden

Der Vater ist ein verschollener Wissenschaftler, die Mutter daraufhin paranoid und überängstlich. Die erwachsene Tochter hat den Kontakt zu ihrer Familie längst abgebrochen und der 15-jährige Sohn versucht, den Verstand zu behalten. Das ist nicht unbedingt leicht, wenn der Vater ausgerechnet am 16. Geburtstag für tot erklärt wird. Mentale Unterstützung erhofft er sich von seiner Internet-Freundin, die jedoch auch so ihre Probleme hat. Das ist die – noch recht überschaubare -Ausgangslage im Fantasy-Teenager-Verschwörungs-Kriminalroman „Die Augen des Iriden“, die innerhalb weniger Kapitel und mit Anleihen aus der Popkultur und Religion, Verknüpfungen zur deutschen Nazi-Vergangenheit und Seitenhieben auf das eine oder andere aktuelle Gesellschaftsphänomen in ein chaotisches Potpourri kulminiert, das trotzdem irgendwie spannend ist. Und das sei an dieser Stelle schon einmal lobend zu erwähnen.

Schauen wir uns also die unterschiedlichen Bausteine, Personen und Spielorte einmal genauer an. Henry von Irides, oben genannter Teenager, der seinen Vater vermisst und das Haus nicht verlassen darf, fällt in erster Linie durch eine anatomische Besonderheit auf: Er hat ein blaues und ein braunes Auge. Valeska, seine Freundin, mit der er via Chat kommuniziert, weil sie in einem weit entfernten Internat lebt, hat scheinbar ebenfalls zwei verschiedenfarbige Augen. Allerdings hat sie keine Heterochromie wie Henry, sondern leidet unter Mydriasis – eine ihrer Pupillen ist dauerhaft erweitert, was die Farben ihrer Augen unterschiedlich erscheinen lässt.

Heterochromie_by_Jo_Noeske

Zwei unterschiedliche Augenfarben – da muss doch was dahinterstecken.

Plötzlich auf der Flucht

Henrys Routine aus Hausunterricht, Auseinandersetzungen mit seiner Mutter und zaghaften Flirts mit Valeska findet an seinem 16. Geburstag ein jähes Ende. Nicht nur, dass sein Vater offiziell für tot erklärt wird, plötzlich verschwindet auch noch seine Mutter und er selbst begegnet seinen Vorfahren, den Iriden, auf unübliche Weise: Eine junge, attraktive Hauslehrervertretung schenkt ihm ein Bild und ehe Henry „Danke“ sagen kann, befindet er sich schon mittendrin – im Gemälde. Dort empfängt er das Initiationsritus der Iriden, das ihn offiziell zum „Sehenden“ macht, was immer das sein mag. Danach wird er durch Raum und Zeit zurück nach Hause geschleudert, wo wenige Sekunden später Valeska vor der Tür steht. Diese hat in der Zwischenzeit ein geheimnisvolles Selbstmord-Video erhalten, ihr Schulkamerad hat sich erschossen und in ihrem Zimmer stand plötzlich eine Tasche, gefüllt mit Sturmhaube und Pistole (nicht irgendeine – es handelt sich um die Beretta des Amokläufers aus Winnenden. Warum auch immer.). Die Polizei sucht sie bereits, sie haute ab und kann Henry nun überreden, mit ihr zusammen nach Berlin zu flüchten, wo seine Schwester wohnt. Zusammen mit ihr erfahren die Teenies die ganze Wahrheit über die Iriden, ihre Fähigkeiten und ihre Geschichte von einem Freund seines Vaters. Und die hat es natürlich in sich.

Parallel dazu erleben wir eine illegale Party in Berlin, auf der systematisch halluzinogene Drogen verteilt werden, um damit irgendwelche Menschenexperimente durchzuführen. Wir erfahren , dass das eine der beiden It-Girls, die diese Parties veranstalten, die (scheinbare) Vertretungslehrerin von Henry ist und mit seiner Schwester in einer WG wohnt. Das andere It-Girl hat Vorfahren, die wegen ihrer Heterochromie (Aha!) von Dr. Mengele in Auschwitz ermordet wurden (Aha?). Beide erhalten jeweils eine äußerst drastische Drohbotschaft, streiten sich und gehen ihrer Wege. Der von It-Girl Nr. 1 führt direkt in die Arme der Polizei.

Die Polizei beschäftigt sich mit dem Selbstmord in Valeskas Internat, hält sie für eine potentielle Amokläuferin und wähnt sie irgendwie in der Nähe des It-Girls. Der ermittelnde Polizist vermutet außerdem einen Zusammenhang zu seiner Ex-Freundin, ihrer Doktorarbeit und einer gemeinsamen Reise nach Israel. Im Verlauf der Ermittlungen landet er mit It-Girl Nr.1 zuerst in einem Nobelhotel, dann bei den Teenies und wenige Stunden später in Jerusalem. Seine Ex-Freundin (und auch deren neugeborenes Kind) sind zu dem Zeitpunkt allerdings schon ermordet worden.

Die Teenager in Berlin sehen sich in der Zwischenzeit mit Bildern konfrontiert, die Todessehnsucht auslösen können oder Menschen mit Heterochromie in sich hineinziehen. Solche Bilder hat Henrys Mutter gemalt, der Freund von Henrys Vater hat sie versteckt und nun sollen sie von einer geheimnisvollen Verschwörungstruppe verwendet werden, um die Menschheit zu versklaven.

In Jerusalem nehmen It-Girl Nr. 1 und der Polizist halluzinogene Drogen, um auch mal in solche Bilder gesaugt zu werden. Diese gibt es in Jerusalem zu Hauf und auch noch aus wahrhaft biblischer Vorzeit. Haha. Bei ihren Bilder-Trips erfahren der Polizist und das It-Girl, dass Adam und Eva ebenfalls Iriden waren. Neben dem Blick in die Vergangenheit gelingt ihnen auch noch einer in die Zukunft, der ihnen verrät, dass Henry und seine Familie/Freunde ziemlich bald bei einem Flugzeug-Unfall sterben. Die nämlich werden plötzlich nach Brasilien geschickt, weil a) Henrys Vater noch lebt und in Brasilien in einer Art Folterknast festgehalten wird und b) auch Valeskas Vater (der die ganze Zeit in Japan weilte, was aber keinen Einfluss auf die Geschichte hatte) dorthin gebracht werden soll. Gottseidank haben der Polizist und das It-Girl Telefon, mit einem Anruf scheuchen sie Henry und sein Gefolge aus der Wartehalle des Flughafens, bevor ein Flugzeug dort hineinkracht. Valeskas Vater stirbt dabei trotzdem, macht aber nix. Einen Monat später sitzen alle zusammen, stellen fest, dass der Kampf gegen die Verschwörer noch nicht vorbei ist und schwören einander, nicht aufzugeben. Ende.

Wie bitte?

Verwirrt? Zu recht. Wer dieses Buch nicht ohne abzusetzen liest, ist schnell aufgeschmissen, denn pro Seite werden einem gefühlt drei neue Wendungen, Handlungsstränge oder Personen um die Ohren geschleudert. Zugegeben, das mit dem dranbleiben ist mir nicht ganz gelungen, deswegen bin ich vielleicht nicht immer mitgekommen. Aber das, was ich gelesen und kapiert habe – das allermeiste des Buches dann doch – war total gaga, albern, spannend, beknackt und stellenweise ganz schön brutal. Letzteres betrifft zum Beispiel eine an die Wand genagelte Katze oder eine Mutter und ihr Baby, die kurzerhand in die Luft gesprengt werden.

Aufgelockert wird die Geschichte durch viele Songzitate von David Bowie, denn Valeska und Henry sind große Fans. Ebenso nett sind Seitenhiebe zum Beispiel auf Dan Brown, was angesichts all der bewegten Bilder und der Bibelei nur Selbstironie sein kann …

Feststellen muss ich zunächst: weniger wäre mehr gewesen. Die ganzen Drehungen und Wendungen, das hohe Tempo und die teilweise doch sehr skurrilen Story-Elemente wirken insgesamt etwas konfus und spätestens am Ende fragte ich mich, ob der letzte Knalleffekt wirklich noch sein musste. Die vielen Stränge machen es einem auch schwer, mit den Charakteren so richtig warm zu werden. Das ist schade, denn ich glaube, dass die einiges mehr hergeben würden.

Trotzdem ist die Geschichte durchaus fesselnd und auf jeden Fall ungewöhnlich. Wer David Bowie mag, wird an den Songzitaten seinen Spaß haben. Ein bisschen Love ist auch dabei, ebenso wie eine gute Portion Familiendramatik. Väterliche Freunde und ehrbare Polizisten treffen auf nihilistische Teenager und mörderische Bilder – die vielen durchgeknallten Konstellationen haben einen gewissen Charme. So was muss man sich erstmal ausdenken. Bzw. gut zusammenklauen.

Schade, weil …

Das ist nämlich leider ein weiterer Nachteil des Buches: Es wirkt alles wie eine Collage aus Schonmaldagewesenem. Bei allen wirklich interessanten Elementen wie der Heterochromie oder den manipulativen Bildern gibt es einfach zu viel, das einem bekannt vorkommt: verrückte Wissenschaftler, Verschwörungen, Nazis … das ist trotz des netten Wiedersehensgefühls teilweise echt ganz schön ermüdend.

Der dritte große Nachteil ist: dem Buch fehlt der Stil. Es ist nicht unbedingt schlecht geschrieben, aber die Sprache hat leider überhaupt nichts eigenes. Und das ist ärgerlich, denn davon lebt ein Buch. Mit einer Handschrift, die ein bisschen spezieller, ein bisschen eigener wirkt, hätte das Buch viel gewonnen. Durch die irgendwie neutrale Schilderung der Ereignisse ist das Lesen nämlich einigermaßen mühsam. Und das tut der turbulenten Geschichte gar nicht gut.

Kurz gesagt, ist es schwer zu sagen, was ich von dem Buch halte. Eigentlich ein Buch, das man lesen kann. Am besten, wenn man gerade viel Freizeit hat. Und Lust auf eine total wahnwitzige, in Teilen aber launige Story hat, die zwar mit vielen spaßigen Einfällen aufwartet, dafür aber ziemlich einfallslos geschrieben ist. Klingt vielleicht undurchsichtig, aber ein besseres Fazit kann ich, ehrlich gesagt, an dieser Stelle nicht liefern …

Allerdings brennt mir nach der Lektüre immer noch eine Frage auf der Seele: Was ist eigentlich aus Pommes und Mayo geworden?

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die Augen des Iriden
Autor Maja Loewe
Seiten 353
Ausstattung Taschenbuch
Verlag papierverzierer
Jahr 2015

Foto: © Jo Noeske

Neues Buchhoroskop für den Widder

Ein ungestümer Widder

Widderschädel Rrrrrroarrrrrr! Da springt er dich an, der Widder und schon purzelst du durch die Gegend und fragst dich, was dir da gerade widerfahren ist. Benommen schüttelst du den Kopf, da schreit er dir ins Ohr: „Los, komm mit!“ Lass dich mitreißen von der Energie und erlebe wilde, fetzige Sachen – heute mit einem Widder, der sich manchmal ein bisschen selbst überschätzt:

Wir empfehlen für den Widder:

Pu, der Bär – Tieger von A. A. Milne

Den Bären Pu aus gleichnamigem Buch von A. A. Milne kennen wir ja als liebenswerten Stier: Genusssüchtig und gutmütig tapst er durch den Wald und ist mit jedermann befreundet. Der neueste Zugang in der Waldgemeinschaft dagegen ist ein Widder: Energiegeladen, immer voller Tatendrang, ungestüm und auch unberechenbar macht er die doch recht gemütlich vor sich hinwurstelnden Bewohner des Hundersechzig-Morgen-Waldes ganz hibbelig: Tieger (manchmal auch Tigger).

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 Foto: © Kolja Fleischer/pixelio.de

Tee & Kekse: Ben Aaronovitch in Lüneburg

Mittlerweile sind sechs Bücher veröffentlicht, in denen Polizist Peter Grant sich um all die Kriminalfälle kümmert, die mit „abstrusem Scheiß“ zu tun haben. „Abstruser Scheiß“ ist in den Augen der meisten Londoner Polizisten alles, was mit Magie und Übersinnlichem zu tun hat. Neben der klassischen Polizeiarbeit lernt Peter daher auch immer mehr Zaubersprüche und versucht übrigens, seine Ex-Kollegin Leslie dingfest zu machen, die sich mit dem absoluten Bösewicht zusammengetan hat. Im Herbst kommt der siebte Band (auf englisch) – und Ende des vergangenen Jahres veröffentliche Autor Ben Aaronovitch ein „Zwischenspiel“. Ich freue mich auf ein weiteres Abenteuer Mister Grants und darauf, zu erfahren, was nun mit Leslie etc. passiert.

Ben Aaronovitch in Lüneburg am 1.3.18

Kurz bevor es losgeht: Ben Aaronovitch lacht über – vielleicht geheime? – Dinge mit Moderatorin Antje Freudenberg, die die Peter-Grant-Serie genauso klasse findet wie ich.

Was aber noch schöner ist: Ben Aaronovitch himself war in Reichweite und da musste ich natürlich hin! Am 1. März stand er in Lüneburg in der Buchhandlung Lünebuch Rede und Antwort zu vielen Fragen. Und das tat er sehr humorig und meistens abschweifend. Mehr als einmal kam „What was the question?“ – und alle Anwesenden schmunzelten.

Alles startete mit der Bitte, etwas über seinen Hintergrund zu erzählen: „My family is boring … My brother wrote a book, it’s boring. But he needs the money, so buy it.“ Schließlich kam aber doch noch heraus, dass zum Beispiel der total „langweilige“ Vater sich aus schwierigen Verhältnissen hochgearbeitet hat und schließlich mit um die 50 einen Doktor machte und Dozent wurde. Britisches Understatement?, fragt man sich.

Peter wollte links herum, ich rechts …

Auf die Fragen nach Inspiration und Recherchen kommt die bekannte Antwort, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln. Das scheint alle Autoren zu vereinen, die so auf dieser Erde schreiben. Ben Aaronovitch berichtet das auch. Insbesondere, als er für „Fingerhut-Sommer“ nach Herefordshire fuhr: Nach der Bahnfahrt und endlosen Taxifahrten und Spaziergängen in der ihm unbekannten Landschaft fuhr er nach Hause und schrieb an seinem Buch. Allerdings gab es eine Stelle, an der er wollte, dass Peter rechts herum geht. „But Peter wanted to go left“. Leider wusste der Autor nicht, wie es linksherum aussah – und so fuhr er kurzerhand ein zweites Mal nach Herefordshire, um es herauszufinden. Der Taxifahrer freute sich, dass er wieder da war … Das Buch spielt im übrigen nur deswegen in Herefordshire, weil der Brite auch einmal mit seinen Figuren in Herefordshire sein wollte und nicht nur ein anderer Autor, dessen Bücher alle dort spielen …  Sorry, ich habe mir leider nicht gemerkt, wer das war.

Peter war eine Frau – beinahe

Fanfiction liest Aaronovitch nicht, sagt er auf die Nachfrage einer Zuhörerin. Am Ende käme er noch auf die Idee, etwas zu klauen, was gut sei. Er fände klauen zwar gut ;-), aber es sei doch besser, es nicht zu tun. Und außerdem: Fanfiction sei etwas für die Fans. Das solle man nicht lesen.

Eine andere Frau will wissen, wie das denn nun mit Leslie und Peter sei. Daraufhin erzählt der Autor, dass beide niemals als Liebespaar angelegt gewesen seien. Im Gegenteil: Ursprünglich habe er bei der Geschichte an eine TV-Serie gedacht und da sollte es um zwei Frauen gehen, die Rivalinnen seien. Als dann klar wurde, dass er ein Buch in Ich-Form schreiben wird, stellte Aaronovitch fest, dass er bei einem ersten Roman nicht eine Frau aus der Ich-Persepektive schildern wollte. Und so kam es zu Peter Grant.

Natürlich hat Ben Aaronovitch auch vorgelesen. Eigentlich wollte er aus „Hanging Tree“ lesen. Aber dann dachte er sich, dass er uns lieber das erste Kapitel aus seinem neuen Werk „Lies Sleeping“ zum Besten geben wolle – schließlich hatte er es gerade an seinen Verlag abgegeben („only two months late“). Beim Lesen fiel ihm dann auf, dass Zeiten falsch waren oder manche Ausdrücke doch nicht so gut … alles lachte. Im übrigen seien wir nach ein paar Berlinern die ersten, die das neue Kapitel hören würden.

Ach, es war schön!

Was ich noch spannend gefunden hätte, wäre gewesen, wenn Moderatorin Antje Freudenberg und Ben Aaronovitch sich ein wenig über Polizei, Polizeiarbeit etc. unterhalten hätten – schließlich ist Freudenberg selbst Polizistin und Aaronovitchs Held auch. Da hätte man doch mal reales Leben und Fiktion auf den Prüfstand stellen können.

Aber auch so war es super! Es war lustig und spannend, Aaronovitch zuzuhören. Eine der besten Lesungen, die ich in den letzten Jahren gesehen und gehört habe – mal abgesehen von Saša Štanisić im letzten November. Es gibt selten so nette Autoren, die Lust haben, zu erzählen, die von sich aus den den Mund aufmachen, die Geschichten und Anekdoten erzählen und einfach ihre Meinung sagen. Danke, Ben Aaronovitch 🙂


Foto: © Micha Schneider

Neues Buchhoroskop für die Fische

Haie im Wasser

Wenn einen das Schicksal in Form eines Zauberlehrlings dazu bestimmt, ein bestimmtes Wesen zu haben, kann einem das echt die Laune verhageln. Oder man ist eben einfach total in den Zauberlehrling verliebt, weil der das so bestimmt hat. Aus Unkenntnis, natürlich. Wenn einem dann der Zauberlehrling auch noch sagt, dass man sowieso nicht zueinander passt, könnte man eine jahrhundertelange Fehde aus gekränkter Eitelkeit anzetteln. Nicht so Annette. Die Blumenfee erweist sich als Fisch mit Charakter.

Trix Solier, Zauberlehrling voller Fehl und Adel von Sergej Lukianenko

Mancher lebt ja in dem Glauben, dass das Schicksal das eigene Los bestimmt. Oder dass die Sterne dafür sorgen, wie es mir heute geht und was dieses Jahr für mich bringen wird. Man kann aber auch daran glauben, dass man einfach selbst verantwortlich für seine Taten, Gefühle, Meinungen etc. ist.

Oder man heißt Annette, ist eine Blumenfee und dazu beschworen, der Familiar eines Zauberlehrlings zu sein, zudem hübsch, klein und (meistens) freundlich. Und weil der Lehrling noch ein sehr junger Lehrling ist und sich mit Zauberei noch nicht sehr gut auskennt, hat er beim Beschwören die kleine Fee dazu verdonnert, in ihn verliebt zu sein und nicht ohne ihn leben zu können, im wahrsten Sinne des Wortes.

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Foto: © Ulla Trampert/PIXELIO

gestorben: Ursula Le Guin

Heute kam es dann in den Medien: Ursula Le Guin ist am 22.1. im Alter von 88 Jahren gestorben. Damit ist eine weitere geniale Figur aus der Science Fiction und Fantasy nicht mehr unter uns.

Der „Planet der Habenichtse“ war eines der wichtigsten – vor allem auch politisch motivierten – Bücher der Amerikanerin, spannend ihre Geschichten aus dem Erdsee-Zyklus, ihre schön frühe Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und -verständnis wie etwa in „Winterplanet“ (neu: „Die linke Hand der Dunkelheit“). Besonders spannend ist auch, dass sie sowohl in der Science Fiction als auch in der Fantasy Romane herausbrachte und ihre Fans hatte.

Ruhe in Frieden.