chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Neues Buchhoroskop für den Krebs

Trau dich, deine eigene Schale zu knacken!

So ein richtiger Krebs mag seinen Panzer ja. Er weiß, dass er ihn schützt und ihm Halt gibt. Leider ist der Panzer auch starr und wenig nachgiebig. Im richtigen Krebsleben müssen die Schalentiere deswegen bei drohendem Wachstum ihren Panzer abwerfen und sich einen neuen wachsen lassen.

Die Sternenkrebse dagegen können sich selbst entscheiden, ob sie ihren Panzer vielleicht etwas durchlässiger werden lassen oder auch mal wieder fester. Leider lernen kleine Krebse das nicht unbedingt – und dann sind da noch die Unbillen des Lebens, die jedes Sternzeichen beuteln und krebsartig werden lassen können. Aber wir sind ja lernfähig und können wie Mortimer Wittgenstein lernen: vielleicht doch mal gaaaanz vorsichtig den Panzer zu öffnen.

Lycidas von Christoph Marzi

Mortimer Wittgenstein lebt als kleines Kind in einem Kaff irgendwo in Schottland. Er scheint ein ganz normales Kind zu sein. Er hat so seine Aufgaben im Haushalt seiner Eltern, er spielt mit den anderen Kindern und er hat Sorgen und Freuden, so wie wir alle. Als er jedoch mit acht Jahren einen Eimer Wasser ins Haus trägt, ändert sich alles: er lässt den Eimer nämlich schweben. Das gesamte Dorf inclusive Eltern kann mit dieser reichlich merkwürdigen Situation nicht umgehen und beäugt den Jungen so abgeneigt, dass der sich in die umliegende Landschaft flüchtet und nie wieder heim will.

So ein Erlebnis allein kann einem Kind schon die Freude am Leben verhageln. Kann dem Knirps auf die harte Tour vermitteln, dass man nicht gewollt ist und dazu führen, dass sich so ein Kind in sich verkriecht, die Schotten dicht macht und einen ordentlich breiten Panzer um sich herum aufbaut.

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Der dreizehnte Monat

Ich habe dieses Buch von einer alten Freundin geschenkt bekommen, die beim Ausmisten ihre Bücher ein paar weggegeben hat und mir dieses Werk mit den Worten überreichte: „Irgendwie finde ich, es passt zu dir.“ Was sie genau damit meinte, weiß ich bis heute nicht, aber ich habe es gelesen und fand es sogar ganz gut. Aber fangen wir von vorne an:

Jason Taylor ist dreizehn Jahre alt, stottert, schreibt heimlich (sonst würden ihn alle anderen Jungs eine Schwuchtel nennen) Gedichte und wohnt 1982 im aller-aller-aller-langweiligsten Teil Englands. Hände hoch, wer mit ihm tauschen will. Hinzu kommt, dass er sich öfter mal mit seiner älteren Schwester in den Haaren hat, aber nicht so sehr wie seine Eltern sich einander. Außerdem versucht er, vor den beiden rivalisierenden Banden älterer Typen zu bestehen, ohne allzu sehr zwischen die Fronten zu geraten und all diese Dinge füllen sein Leben auch schon zur Genüge aus. Obwohl das alles ziemlich stramme Herausforderung ist, meistert Jason diese Baustellen erstaunlicherweise einigermaßen gut.

Und dann gerät alles etwas außer Kontrolle: Erst einmal wird die Stimmung zwischen seinen Eltern zusehends schlechter. Als nächstes verliert er immer mehr die Gunst der coolen Jungs. Plötzlich wird er auch noch als der geheime Poet, der immer anonyme Gedichte ans Gemeindeblättchen schickt, entlarvt – und das auch noch von der Chefredakteurin selbst. Diese entpuppt sich als Exil-Belgierin, ebenfalls der Lyrik verfallen und sehr gewillt, dem jungen Dichter noch etwas über den Umgang mit Worten beizubringen. Ganz nebenbei tauchen auch noch die ersten Mädchen auf, die plötzlich auch irgendwie immer interessanter werden …

Während Jason sich noch gar nicht entscheiden kann, ob er diese Entwicklungen jetzt gut oder schlecht finden soll (sowohl als auch wahrscheinlich oder: kommt drauf an), wird er langsam erwachsen. So erwachsen, dass ihm am Ende des Buches (im dreizehnten Monat) drei großartige Dinge gelingen: Erstens schwärzt er die übelsten Typen der Gangs, die ihn mittlerweile nicht nur nicht mögen, sondern richtig fertigmachen, auf grandiose Weise an. Zweitens verkraftet er die Trennung seiner Eltern und nähert sich wieder seiner Schwester an und drittens küsst er ein echt cooles Mädchen.

So banal die Story auch klingen mag – sie ist einfach sympathisch. Und nichts ist erleichternder als mitzuerleben wie sich der typische Präteenie Jason, dem alles recht ist, nur um auch zu den Coolen zu gehören, in einen vernunftbegabten Menschen verwandelt. Manche seiner Ansichten sind anfangs so befremdlich und doch so nachvollziehbar (Woher soll ein gerade den Kinderschuhen entwachsener britischer Kleinstadtjunge auch wissen, dass die doofen Argentinier auf den Falklandinseln es nicht verdient haben, ausgebombt zu werden. Oder dass schwul nicht gleichzusetzten ist mit armselig.) und werden im Laufe des Romans für Jason immer sinnentleerter. Zugegeben, er ist am Ende des Buches schon etwas zu reif und zu lässig für sein Alter. Und die Entwicklung dahin innerhalb eines Jahres zu vollziehen, mag sehr ambitioniert zu erscheinen. Aber man könnt es dem Jungen einfach so sehr. Und allein die Szene, in der er sein Kampf gegen die Schulmobber beginnt, ist den ganzen Roman wert.

Ach ja: dass ich hier ein paar Spoiler niederschrieb, ist mir bekannt und beschämt mich. Dennoch ging es nicht anders – ohne die hätte das Schreiben dieses Artikels schlicht keinen Spaß gemacht.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Der dreizehnte Monat
Autor David Mitchell
Seiten 493
Ausstattung Taschenbuch
Verlag rororo
Jahr dt. Ausgabe 2007

Neue Buchhoroskope für Zwillinge

Zwei EulenAn der Spitze ist es einsam

Im Grunde wurde weder Bob Dylan noch Sherlock Holmes noch irgendein anderer unserer Zwillinge jemals gefragt, ob sie die Talente, derentwegen es Bücher über sie gibt, wirklich haben wollen. Sicherlich habe sie sich entschieden, damit zu arbeiten, aber auch das hat den Anschein davon, dass ihnen bei ihren überragenden Fähigkeiten auf ganz bestimmten Gebieten keine andere Wahl blieb. Jedenfalls sitzen sie jetzt da, können irgendetwas viel besser als alle anderen und besagte andere beschweren sich, dass die Zwillinge immer schneller sind und letztendlich alles allein machen wollen.

Ja – ist denn niemand der Ansicht, dass das ein sehr trauriges Leben sein kann? Dass der Zwilling es vielleicht gar nicht so witzig finden, wenn sie auf die ihnen übliche Weise arbeiten, sich dann umdrehen und feststellen, dass sie wieder mal allein sind? Viele Zwillinge haben etwas einsames an sich, bei manchen wirkt es sehr selbstgewählt, bei manchen nicht. Wir sehen uns mal eine Dame an, die mit ihren Talenten nicht ganz so berühmt geworden ist wie oben genannte Zwillinge, aber dafür eine besonders schräge Eigenart hat.

Wir empfehlen für die Zwillinge:

Mustererkennung von William Gibson

Cayce Pollard ist jung, intelligent und reagiert allergisch auf Marken. Kritiker der konsumorientierten Marktwirtschaft mögen jetzt bestätigend nicken und sagen: Ja, kenn ich. Aber das ist nicht ganz richtig. Denn Cayce reagiert tatasächlich mit Symptomen körperlicher Unverträglichkeit auf Embleme, Logos und alles andere, das mit TM gekennzeichnet ist.

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Foto oben: © Raphael Reischuk/PIXELIO

Heirate dein Lieblingsbuch

Im Buchpalast Standesamt in München gab’s Ende April eine so lustige Marketingaktion, dass wir euch davon berichten müssen: Zwei Läden wurden zusammengelegt und die findigen Betreiberinnen kamen auf die Idee, dass ihre Kunden ihre Liebe zu dem ein oder anderen Buch doch mal öffentlich machen könnten.

Und so kamen sie auf die Idee der „Buchheirat“. Wer „ja“ sagen wollte, konnte an dem Tag mit seinem Lieblingsschmöker in die Buchhandlung gehen und das Buch „heiraten“. Es sollen um die 50 Heiratswillige da gewesen sein, manche haben ihre Neubestellung geehelicht, manche das jahrealte Buchgespons – und es soll sogar Bigamisten gegeben haben. Ist ja nicht strafbar, wenn es um Bücher geht.

Wir finden: Eine lustige und auch schräge Idee!

Ich lese gerade: Futu.re

Dmitry Glukhovsky ist ja hauptsächlich aufgrund seiner Reihe Metro xxx bekannt geworden – und damit, dass er von Anfang an andere Autoren eingeladen hat, diese Reihe ebenfalls mit Leben zu füllen. Ich habe mich jetzt mal an den Wälzer Futu.re begeben und bin immerhin schon über Seite 200 hinausgelangt.

Immerhin? Und das bei mir, die ich ja durchaus schnell lese und auch gerne mal ein Buch an einem halben Tag verschlinge (wenn ich Zeit habe). Ja, denn für mich zieht sich die Geschichte so dahin, es fällt mir schwer, so richtig reinzukommen. Das liegt weniger an der Schreibe Glukhovskys, die ist zwar auch kein literarisches Aha-Erlebnis – aber das weiß ich ja mindestens seit Metro 2033. Nein, es ist die Geschichte an sich, die wohl nicht zu mir passt.

Futu.re spielt in ferner Zukunft. Europa ist eine riesige Megalopolis geworden, von Warschau bis Lissabon leben über 120 Milliarden Menschen in einer unendlichen Zahl von Türmen, die alle bis in den Himmel, über die Wolken reichen, selbst wenn die Wolken hoch fliegen. Viele haben nichts zu tun, sie genießen das Leben, wenn sie es können. Viele aber sind auch arm und versuchen, irgendwie ihr Leben zu fristen. Was die meisten eint: Die Menschen sind unsterblich geworden. Der Preis dafür ist (unter anderem), dass man nicht einfach so Kinder gebären darf. Es stirbt ja keiner mehr, alle sind um die dreißig. Ein Traum, der wahr geworden ist!? Eine Schwangerschaft muss also angemeldet und genehmigt sein.

Hauptperson ist ein Typ, dessen Name bis jetzt noch nicht so ganz klar ist, da er immer wieder einen anderen nennt. Er gehört einer Truppe an, die den Auftrag hat, illegale Kinder und deren Eltern aufzuspüren. Denn es gibt immer noch Menschen, die gerne ein Kind hätten oder die ohne viel Nachdenken ein Kind bekommen – und die wissen, dass sie eh keine Genehmigung erhalten werden. Diese Menschen werden ungeachtet ihres Standes aufgespürt und bestraft: Die Eltern bekommen eine Spritze, die den Alterungsprozess in Gang setzt. Dann ist es aus mit der Unsterblichkeit. Und die Kinder werden weggenommen, man weiß nicht, was mit ihnen passiert.

Als Leserin ahne ich aber schon, was los ist: Es gibt schon einige Rückblenden unseres Hauptprotagonisten in seine Kindheit in einem Internat mit lauter Jungs. Und als ich an der ersten Rückblende angelangt war, hatte ich das Gefühl, das alles in ähnlicher Form schon mal gelesen zu haben: Die Jungs werden drangsaliert bis zum Gehtnichtmehr. Im Schlafsaal leuchtet Tag und Nacht grelles Licht, keiner kann sich verstecken, um ein bisschen Dunkel zu haben, darf man sich nur eine Binde um die Augen wickeln. Manche Kinder bespitzeln andere. Es gibt „Besprechungszimmer“, aus denen die Jungs grün und blau geschlagen wieder herauskommen. Beim Morgenappell stehen Hunderte Jungs nackig vor den Lehrern und dem Obermacker. Größere Jungs machen kleinere Jungs fertig, indem sie sie prügeln oder sexuell missbrauchen. Manche Kinder müssen in die Gruft, von dort entkommt keiner mehr.

Wahrscheinlich sind das die, zumindest männlichen, illegalen Kinder … Wie in den meisten Geschichten nicht fürsorglich großgezogen, sondern mit Gewalt und Angst. Was dabei herauskommt, kann man in jedem billigen Schundpsychopseudofachbuch lesen. Und es ist ein beliebtes und mich mittlerweile langweilendes Mittel, Personen aufzubauen, Konflikte zu etablieren etc.

Doch damit nicht genug: Auch unser Kinderfinder hatte einen Feind im Internat, einen älteren Jungen, der ihm an die Wäsche wollte, dem er aber ein Ohr abgebissen hat und dem er entfliehen konnte. Und jetzt soll er einen Sonderauftrag annehmen. Ein hohes Tier hat ihn zu sich einbestellt und ihm einen Auftrag und eine Beförderung angeboten, wenn er einen Revoluzzer sowie dessen schwangere Freundin umbringt. Sonst bekommt sein alter Erzfeind den Job. Wie kann man da „Nein“ sagen?

Bei der ganzen Aktion geht (natürlich) alles Mögliche schief: Er hat nicht an wirklich alles gedacht, schließlich ist es sein erster Einsatz als Truppführer. Er schafft es nicht, den Revoluzzer zu töten, sondern lässt ihn laufen. Und zwischendrin muss er mitkriegen, wie sich der Rest seiner Truppe – allen voran der Erzfeind – auf die Freundin stürzen und sie auf’s brutalste vergewaltigen. Unserem Protagonisten zur Ehre sei gesagt, dass er das sofort unterbindet …

Mich reißen Geschichten wie diese nicht vom Hocker. Ja, man kann sich überlegen, wie es wäre, wenn alle unsterblich sind und was passiert, wenn sich keiner an die Regeln hält. Fände ich spannend. Aber wo holen Autoren dieser Geschichten die ganze Gewalt her? Was ist so toll daran, Geschichten zu schreiben, wo es alle paar Seiten darum geht, wer wen zusammengeschlagen hat, wer wessen Willen auf das Ekligste gebrochen hat? Und die ganze Kotze und Pisse, die dabei ausgeschieden wird, weil alle Angst haben. Oder detaillierte Beschreibungen darüber, wer was einer hilflosen Frau wo reinschiebt und wie laut sie schreit – oder auch nicht?

Vielleicht mag das der ein oder andere als gute Beschreibung sehen, was passiert, wenn die Verhältnisse so oder so sind. Intellektuell kann ich das nachvollziehen. Spaß beim Lesen habe ich dabei nicht. Ich habe vielmehr das Gefühl, man bekommt hier einen Gewaltporno untergejubelt, der alle paar Seiten in eine neue Szene übergeht. Das ginge auch anders, ohne den Inhalt der Geschichte zu ändern.

Man kann schließlich Gewalt auch weniger gewalttätig beschreiben und muss sich nicht benehmen wie seine Romanfiguren …

PS: Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Glukhovsky Gewalt nicht als Lösung für Konflikte ansieht. Wer mag, kann das in diesem Interview nachvollziehen.

 

Neue Buchhoroskope für Stiere

Neugierige Genießer

Genuss hat nicht nur mit Essen zu tun, man kann ja so ziemlich alles genießen. Ein Beispiel für einen Genießer einer eher exotischen Leidenschaft, zumindest für die meisten von uns, möchten wir euch dieses Mal vorstellen. Und noch dazu einen, der auch entgegen all seiner Stiernatur noch neugierig ist:

Mord im Gurkenbeet von Alan Bradley

Oft werden die Stiergeborenen – neben ihrer sympathischen Art – mit ihrer Freude an kulinarischen Genüssen bzw. dem Essen ganz allgemein in Verbindung gebracht – und wie wir hier schon ein paar Mal gesehen haben, stimmt das oft genug. Aber das Leben bietet noch so viele andere Dinge, die man genießen kann: den Sport, den man macht, die Entspannung im Urlaub, seinen Job etc. Und so möchten wir euch heute einen Stier vorstellen, der sich aus Essen fast gar nichts macht, dafür aber aus einigen anderen Dingen: Flavia de Luc

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Endlich: die Buchmesse in Leipzig!

Es war soweit: endlich, endlich war ich (Jo) auf der Buchmesse in Leipzig zu Gast. Die Buchmesse ist nun schon wieder über eine Woche her, aber die Eindrücke halten noch vor. Und davon will ich hier heute ein wenig berichten.

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Metaphysik der Röhren

Es fängt gut an: ein Mädchen wird geboren, welches zuerst mit einer Röhre bzw. einem Schlauch verglichen wird. Schlauch, weil sie emotionslos alles isst, sonst keinen Mucks von sich gibt und auch kein gesteigertes Interesse an Emotionen hat. Also – oben rein und unten unkommentiert wieder raus. Dann hört diese Phase auf und mündet in einen ununterbrochenen Wutanfall. Monatelang andauerndes Geschrei ertönt aus der vormals friedlichen Röhre und treibt die Eltern fast in den Wahnsinn. Dann kommt Oma und gibt ihr Schokolade. Das Geschrei erstirbt abrupt und mündet in Äußerungen puren Genusses. Eins ist klar: Normal ist das nicht! 😉

Es geht dann auch völlig wahnwitzig weiter: Das kleine Mädchen fühlt sich als japanische Heilige (die Familie der Erzählerin lebt in Japan und ihr Kindermädchen dort verehrt das kleine Mädchen zutiefst), hat ein Nahtoderlebnis im Meer, hasst Karpfen, erfreut sich an jeglichem Wetter, vor allem aber an stürmischem, liebt das Wasser über alles und spricht – ohne der Familie etwas davon erzählen zu wollen – mehrere Sprachen fließend. Für alle anderen ist sie eine kleine süße Diplomatentochter, sie selbst sieht sich ganz unbescheiden als Göttin. Das ist das, wovon das Buch im Moment handelt. Versteht mich nicht falsch: Es ist verdammt gut geschrieben, es macht Spaß es zu lesen und so ein Geschichte kriegt man auch nicht jeden Tag in die Finger. Aber die Ich-Erzählung einer mehr als selbstverliebten Fast-Dreijährigen … das muss man abkönnen.

Ende gut, alles gut? Ich weiß nicht recht. Ehrlich gesagt, ging das Buch genauso weiter, wie ich es eingangs beschrieben habe. Das kleine Mädchen wuchs noch ein wenig, entdeckte die (scheinbare) Bedeutungslosigkeit des eigenen Seins, dadurch hervorgerufen, dass die anderen sie irgendwann nicht mehr wie eine Göttin behandelten, sondern wie ein ottonormales kleines Gör. Sie begann mit Schwierigkeiten und Missverständnissen zu kämpfen, erkannte die Vergänglichkeit der Dinge und dann – endete das Buch. Ohne Weltuntergang, aber auch ohne die (von Leserin und Protagonistin gleichermaßen ) erhoffte Erleuchtung. Das Buch war plötzlich einfach zu Ende. Und obwohl ich die Geschichte, die Erzählwelt sowie die Hauptperson sehr interessant fand und auch an der Sprache großen Gefallen fand, war ich enttäuscht. Das Fass, das zu Beginn auf faszinierende Weise mit dem seltsamen Start des Mädchens in ihr Leben (die Röhre, der lebende Wutanfall) geöffnet wurde, enthielt eine Art alkoholfreien Sekt.

Der letzte Satz des Buches lautet: „Dann ist nichts weiter passiert.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Metaphysik der Röhren
Autor Amélie Nothomb
Seiten 160
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Diogenes
Jahr 2002

 


Yummy Books

Jetzt und hier geht es ausnahmsweise mal nicht um ein Buch, sondern um einen Blog. Obwohl, in ein paar Monaten soll auch hierzulande das Buch dazu erscheinen … Aber erst mal zu dem Blog, den wir eine echt coole Idee finden: Da hat sich eine lesebegeisterte Metzgerin, Barista, Köchin und Literaturwissenschaftlerin irgendwann gedacht, dass in Büchern ja auch ständig gegessen wird und dass sie doch einfach mal die Sachen aus den Büchern kochen könnte.

Gesagt, getan – und so hat Cara Nicoletti 2010 ihren Blog „Yummy Books“ ins Leben gerufen. Vorausgegangen waren zwei Jahre einer Art Literaturzirkel, in denen sie ihren Mitstreitern schönes, leckeres Essen aus Büchern auftischte. Und so versteht sich Yummy Books als literarischer Food-Blog, in dem Nicoletti überlegt, welchen Kuchen Katniss in „The Hunger Games“ von Suzanne Collins so toll finden könnte (Baked Alaska) oder produziert einen Mega-Cheeseburger, inspiriert von J. D. Salingers „Franny and Zooey“. Manches Mal kocht sie auch etwas, das im Buch nicht vorkommt, aber das Buch inspiriert sie dazu, wie die Schweinekopf-Terrine nach dem „Herrn der Fliegen“ von William Golding.

Und so hat die New Yorkerin mittlerweile eine hübsche Auswahl an Rezepten auf ihrer Seite veröffentlicht, inspiriert durch die Bücher, die sie so im Laufe ihres Lebens gelesen hat – und sie ist eine ganz schöne Leseratte!

Aber Cara Nicoletti bringt nicht nur irgendwelche Rezepte ins Web. Das wäre nicht anders, als würde man auf irgendeiner x-beliebigen Seite ein Rezept über Pfannkuchen lesen und daneben stünde noch „schwedisch, wie bei Astrid Lindgren“. Nein, Nicoletti erzählt lebendig und gewandt über ihre Leseerfahrung mit dem Buch, darüber, was in etwa zu der Zeit war, als sie das Buch gelesen hat, ob es ihr gefallen hat oder nicht, ob sie Angst hatte oder sich schlappgelacht hat. Und sie erzählt manchmal auch, wie sie auf genau dieses Rezept kommt, schließlich gibt es ja fast so viele Rezepte wie Köche. Das alles folgt weder Schema F noch sonst einem Muster, zumindest wirken alle Lese-Koch-Tipps wie von der Leber weg geschrieben.

Der Blog ist vergnüglich und obendrein gespickt mit Fotos, die den Produktionsprozess begleiten und auch das Endprodukt zeigen. Es sind keine Profifotos und das ist erfrischend.

Genauso sind die Rezepte fundiert und gut beschrieben, aber ohne großes Brimborium aufgezogen. Gut gefällt mir auch die Aufteilung: Man kann die Rezepte suchen nach Autor, nach Vorspeise, Hauptgang etc. oder nach dem Genre, also zum Beispiel nach Kinderbüchern. Das erleichtert einem vieles, vor allem, da man ja manches Gericht unterschiedlich einsetzen kann.

Allerdings: Es ist ein amerikanischer Blog und entsprechend sind die Maßangaben nicht in Kilo und Milliliter etc. Da muss man ggf. umrechnen. Ebenso muss man daher manchmal überlegen, welches Mehl sie denn nun meint und was vielleicht die ein oder andere Zutat genau ist. Und manchmal muss man vielleicht seine Gewohnheiten umstellen, etwa, wenn Nicoletti auf fast alle Süßigkeiten noch Meersalz streut. Oder man lässt es einfach weg. Aber mit ein bisschen Koch- und Backerfahrung geht das schon – oder ihr wartet auf das deutsche Buch, das im Juni 2017 erscheinen soll.

 

 


Ich lese gerade … Eine kurze Geschichte von fast allem

Naja, es ist ja schon ein bisschen älter und passt auch so gar nicht in unseren üblichen Lesestoff. Egal, ich lese gerade „Eine kurze Geschichte von fast allem“ von Bill Bryson. Der hat sich ja sonst eher einen Namen damit gemacht, über die Eigenheiten, Schrullen und sonstige liebenswerte Macken einzelner Briten, Aussies oder US-Amis etc. zu berichten. Die sind sehr nett zu lesen und so manches Mal auch eine amüsante Vorbereitung auf einen entsprechenden Aufenthalt im jeweiligen Land.

Die „kurze Geschichte von fast allem“ ist ein allgemein verständlicher Schmöker, in dem vorrangig naturwissenschaftliche Fragen der Erd- und Menschheitsgeschichte beantwortet werden. Bryson beschreibt zum Beispiel die Geschichte zur Erforschung des Weltalls, wer wann welche Idee hatte und manches Mal auch, wie schwer es neue Ideen hatten, wenn die meisten Forscher es sich gerade so richtig gemütlich in der aktuellen Theorie gemacht hatten.

Aber zurück zur kurzen Geschichte, die ja doch stolze 605 Seiten umfasst: Ich bin erst am Anfang und gerade bei den Geologen angekommen – und ganz ehrlich gesagt, finde ich es recht vergnüglich, mich durch die Geschichte zu lesen. Leider behalte ich mir nicht so viel, so dass kluges Gerede auf der nächsten Party wohl eher flach fallen wird. Macht aber nichts. Für den Frühstückstisch ist es eine schöne und nette Lektüre.

Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass sich Brysons Buch nicht so sehr von all den anderen Werken unterscheidet, die sich mehr oder weniger umfassend mit den Entdeckungen, Experimenten und Fachrichtungen von Wissenschaftlern über die Jahrhunderte hinweg beschäftigen.

Mein Hauptgrund, hier überhaupt zur Tastatur zu greifen, war William Buckland. Buckland, ein Geistlicher aus Oxford, den Bryson im Kapitel über die Geologen vorstellt. Buckland gehörte zu den Steineklopfern des 19. Jahrhunderts, die sich ernsthaft für alle Steine interessierten und die allesamt die Geheimnisse der Geologie herausfinden wollten.

William Buckland war neben seinen Verdiensten als Geologe wohl ein ziemlicher Exzentriker, der bei sich zu Hause eine ganze Reihe größerer und kleiner wilder Tiere frei herumlaufen hatte und immer mit einer blauen Tasche herumlief. Außerdem hatte er den Spleen, dass er jedes Tier, dass hier auf Erden existiert, wenigstens einmal essen wollte.

Das brachte mich auf zwei Gedanken.

Zum einen erinnerte mich diese Idee an Artemis Fowl, der in „Das Zeitparadox“ versucht, sein früheres Ich davon abzuhalten, ein letztes Exemplar eines Seidensifaka an eine Gesellschaft zu verkaufen, deren Mitglieder sich daran delektieren, einzelne Tierrassen gezielt auszurotten – und in der Geschichte haben sie gerade eine Hauptversammlung. Dort soll einer Rasse der Prozess gemacht und das entsprechende Tier hingerichtet werden. Idealerweise das letzte seiner Art. Und beim Menü schadet es auch nicht, wenn man ein letztes Tier isst – oder wie in diesem Fall, die letzen Gelbflossen-Cutthroat-Forellen zu essen, die sich in einem Eisblock erhalten haben.

Glücklicherweise war Buckland wohl nicht so einer. Mein zweiter Gedanke war, dass ich mich frage, nach welchen Kriterien er sich die Tiere zum Essen ausgesucht hat. Hat er anfangs einfach alles gegessen, was die Gegend um Oxford so hergab? Vom Käfer bis zum Rind, mit allen Katzen, Regenwürmern, Grillen und Habichten, die da so kreuchten und fleuchten? Da hätte man ja schon so einiges zu essen, ohne irgendwohin fahren zu müssen. Und hat er das einfach so gegessen oder immer schön mit Kartoffeln und Soße? Laut Bryson hat er Meerschweinchen gebraten, Mäuse in Bierteig geschmaust und Igel gegrillt. Er hatte wohl auch Zugang zu exotischen Gerichten, wie etwa gekochten Meeresschnecken. Naja, so viel anders als unsere Weinbergschnecke ist das von der Idee her ja auch nicht.

Ich werde jetzt mal weiterlesen, wer weiß, welche kuriosen Persönlichkeiten ich noch kennen lernen werde im Laufe der Lektüre …

P.S: Seidensifakas gibt es noch, allerdings sind sie stark bedroht. Und Gelbflossen-Cutthroat-Forellen sind wirklich ausgestorben.