chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Die stählerne Festung

Stürmisch und ungestüm, immer mit dem Kopf durch die Wand, keine Ratschläge annehmen, alles alleine (und vermeintlich besser) wissen: Vaclav Polacek oder „der Gummi-Tscheche“, Psychologe am Garaden-Hospital in Ohio, Kollege von Harold Shea und Mitarbeiter des Direktors Doc Reed Chalmers. Mit Votsy, wie ihn Harold auch nennt, hat Lyon Sprague de Camp einen weiteren schrägen Charakter geschaffen. Einer, der wie der Widder mit dem Kopf durch die Wand geht, der eigentlich nett und gutmütig ist, hilfsbereit und freundlich – Geduld ist für ihn jedoch ein sehr fremdes Wort und Zuhören ebenso.

Zaubernde Psychologen

Um genauer zu verstehen, wie Widder Vaclav tickt, hier ein kurzer Abriss der bisherigen Geschichte: Das Garaden-Hospital ist eine psychiatrische Klinik, in der Chalmers, Harold, Votsy und ein paar andere Zeitgenossen als Psychologen arbeiten. Reed Chalmers hat die Mathemagie entwickelt, einen Teil der Paraphysik. Im ersten Band des Harold-Shea-Zyklus testet Harold das System und landet in der nordischen Göttersaga. Im zweiten Band reisen Doc Chalmers und Shea zusammen. Sie landen in einer Fantasygeschichte und erleben eine ganze Menge Abenteuer, inklusive dessen, dass beide dort ihre Traumfrauen finden.

Während Harolds Liebste Belphebe mit ihm nach Ohio zurückkehrt, reist Doc Chalmers mit seiner Herzensdame in andere (fiktive) Welten – die Lady ist nämlich aus Schnee und würde in unserer magieungläubigen Welt einfach verdampfen. Chalmers will versuchen, die Frau in eine echte Frau zu verwandeln, braucht dazu aber die Erfahrung richtig guter Zauberer.

Als Chalmers jedoch Schwierigkeiten hat und versucht, auf magischem Wege mit Harold Kontakt aufzunehmen, wird Belphebe infolgedessen „weggesaugt“ und Harold hat die Polizei am Hals, die denkt, er habe seine Frau umgebracht.

An dieser Stelle beginnt der dritte Band: Harold, zwei Polizisten, Votsy und ein weiterer Psychologe stehen herum und streiten sich über mögliche Tathergänge, als Doc Chalmers erneut versucht, Harold zu kontaktieren. Als Ergebnis dessen sitzen alle bis auf den einen Gesetzeshüter in Xanadu, dem Epos von Coleridge, und fortan gibt es schreckliche Musik, hübsche Mädchen und nur (!) Milch und Honig zu essen. Votsy und Harold werden alsbald von ihrem Schicksal erlöst, als nämlich der Ex-Direktor des Garaden-Hospitals beide zu sich herzaubert. Er braucht Hilfe …

Harold Shea und Reed Chalmers beherrschen mittlerweile die Grundzüge der Mathemagie und wissen, dass man sich immer der Welt, in der man sich befindet, anpassen muss. Sonst funktioniert die Magie nämlich nicht oder zu stark. Auch Harold passieren immer wieder Dinge, die seine Ergebnisse doch recht „kunstvoll“ aussehen lassen.

Ich will aber …

Vaclav allerdings kennt sich überhaupt nicht aus. Er will aber Alkohol trinken, er will die Mädchen aufreißen, er will denen, die er nicht versteht, gern eins draufgeben … und so fort. Ach ja, die Widdernatur: Er ist ungeduldig und stur, die Erklärungen über die Magie in der Welt, in der er gelandet ist, sind ihm zu öde: „Wie wär’s, wenn Sie mir sofort ein paar knackige Zaubersprüche beibringen? Sachen, die ich nutzen kann. Mit der Theorie können Sie später immer noch loslegen, und meines Erachtens ist es besser, wenn ich die praktische Anwendung beherrsche.“, fordert er Chalmers auf. Und natürlich hat er auch einen Grund: Er will „die kleine Tänzerin“, die aber dem Gastgeber gehört. Er ist wie so ein Kleinkind, dass einfach nur will, will, will.

Wolf auf der Wiese. Foto von Harald Busch/pixelio.de

So ein Wolf ist ja hübsch. Aber eigentlich wollte Vaclav Polacek ein hübsches Mädchen herbeizaubern, als er seinen Zauberspruch intonierte. Und nicht selbst zum Werwolf werden … Zaubern will eben gelernt sein.

Seine Kollegen weigern sich jedoch strikt, ihm irgendwelche Sprüche mitzuteilen, solange er nicht wenigstens in Grundzügen weiß, worum es geht. Aber Widder sind findig und wenn sie mit dem Kopf durch die Wand wollen, finden sie auch eine Stelle, gegen die sie ihren Schädel donnern können. Und so kommt es, wie es kommen muss: Natürlich zaubert der Tunichtgut herum. Natürlich versucht er, sich die Tänzerin herbeizuzaubern – und wird zum Werwolf. Gerade so eben wird er von Chalmers wieder entzaubert, alle anderen sind schon dabei, zu überlegen, wie man sich des bösen Tieres entledigen kann.

Ein Fehler? Egal!

Aber hilft das etwa? Kann der „Werwidder“ mal seine fünf Sinne beisammen halten und seine Erfahrung nutzen? Mitnichten. Im weiteren Verlauf der Geschichte verwandelt sich Vaclav wieder in einen Werwolf, weil er zu faul und ungeduldig ist, normal zu laufen. Er kann sich nicht zurückverwandeln und wird immer werwölfischer (und findet, dass Menschenfleisch gar köstlich riecht). Schließlich lernt er ein nettes Mädchen kennen, wird dann aber von aufgebrachten Dörflern eingefangen und soll verbrannt werden. Glücklicherweise kann Harold ihn auch aus dieser Situation retten. Schlussendlich, als die ganze Geschichte gut wird und alle wieder nach Hause können, bleibt Vaclav Polacek in dem Fantasyland, zusammen mit seiner Freundin, Doc Chalmers und dessen nun menschlicher Frau.

Einfach mal durchatmen

Vaclav Votsy Gummi-Tscheche Polacek ist ein Widder, da gibt es gar kein Vertun. Er ist aber leider ein sehr einseitiger Widder – und das macht das Leben mit ihm so anstrengend. Widder können doch so charmant sein und energiegeladen alle begeistern und mit sich reißen. Das geht ihm in seiner Ungeduld leider vollkommen ab. Er ist einfach nur ausgerichtet auf das nächste Bier und die nächste Frau. Nun ja, Psychologen haben auch so ihre Probleme – aber sie sollten auch die Weisheit haben, daran zu arbeiten.

Einfach mal tief durchatmen, mal die Libido aus- und das Gehirn einschalten, hätte Votsy viel Ärger und Angst erspart. Das täte bestimmt jedem Widder gut, die einfachen Regeln von zuhören und durchatmen zu beachten. Und bitte nicht falsch verstehen: Manchmal ist es bestimmt genau das Richtige, den Kopf zu senken, die Hörner geradeaus zu recken und die Wand zu stürmen. Manchmal ist das prima und andere dürften sich bei euch Hornträgern was abgucken. Aber wenn man keine Ahnung hat, liegt die Weisheit ab und an in Geduld und Lernen. (ms)

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Die stählerne Festung
(3. Band des Harold-Shea-Zyklus)
Autor Lyon Sprague de Camp & Fletcher Pratt
Seiten 192
Ausstattung Softcover
Verlag Heyne
Jahr 1981

Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich. Die Story ist auch enthalten in: Mathemagie, ebenfalls von Sprague de Camp & Pratt, Heyne, 1988.


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Foto: © Harald Busch/pixelio.de


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