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Bücher über kleine, große und fremde Welten

Physik

Eine Mädchen zu sein ist manchmal ganz schön schwer. Mit zehn zu erfahren, dass man eigentlich eine Prinzessin ist, nachdem man die ganze Zeit mit sechs älteren Brüdern in einer kleinen Hütte im Arbeiterviertel gelebt hat, kann ganz schön verwirrend sein. Auch wenn der Papa ein Zauberer und die Mama eine Kräuterkundige ist. Und als dann auch noch rauskommt, dass ihre Brüder gar nicht ihre Brüder und ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind, sondern sie ein Pflegekind ist, muss sie erst einmal kräftig schlucken. Die bitterste Pille ist schließlich, dass ihre Mutter am Tag ihrer Geburt ermordet wurde – und sie es nur dem Engagement einer Zauberin zu verdanken hat, dass die Familie Heap sie gefunden und aufgezogen hat, und zwar anstatt ihres totgeglaubten siebten Sohnes Septimus.

Ganz schön viel für so ein junges Wesen. Aber Jenna hat nicht umsonst in einer Familie gelebt, die sich trotz der vielen Leute und des engen Raumes liebevoll umeinander gekümmert hat. Im ersten Band (Magyk) wird die ganze Geschichte aufgedeckt und auch Septimus wiedergefunden, was bedeutet, dass Jenna jetzt noch einen siebten Bruder hat, der am gleichen Tag wie sie geboren wurde.

Und nachdem wie üblich in magiegeladenen Büchern das Böse erst einmal bekämpft ist, zieht sie zusammen mit einem Teil der anderen Heaps in den verwaisten Palast. Eine glückliche Familie!

Neid und Missgunst

Nun ja, nur beinahe. Der älteste Bruder Simon verzweifelt an den Ereignissen – plötzlich taucht ein Jüngerer auf, der es qua Geburt schon besser hat: Vater Heap ist ein siebter Sohn und Septimus damit der siebte Sohn eines siebten Sohnes. Da ist man für Magie und Zauberei vorprogrammiert und Septimus erweist sich als begabt. So begabt, dass die oberste Zauberin ihm eine Lehrstelle anbietet – und auf die hatte Simon spekuliert. Simon ist total frustriert und wendet sich von der Familie ab. Septimus ist der, der alles wegnimmt, was ihm gehört. Und Jenna ist so ein Kuckucksei, das ihnen ins Nest gelegt wurde. Er wendet sich den Dunklen Mächten zu und dient ab sofort dem bösen Zauberer.

In dessen Auftrag entführt er im zweiten Band (Flyte) Jenna und in dieser Situation wird zum ersten Mal deutlich, dass Jenna Waage ist: Sie liebt ihren großen Bruder. Als er zu Pferde in den Palast gestürmt kommt und Jenna zu sich in den Sattel zieht, kommt keiner der Heaps auf die Idee, dass Simon Schlimmes im Sinne haben könnte – alle sind der Ansicht, dass der große Bruder die kleine Schwester auf einen Ausflug mitnimmt. Nur Septimus ahnt die Gefahr, er „riecht“ die Dunkle Magie, die den älteren umweht. Doch seine Appelle verhallen ungehört.

Auch Jenna bekommt sehr schnell mit, dass ihr Bruder sie plötzlich und unerklärlich ablehnt. Sie leidet darunter, sie fleht ihn an, er sei doch der Bruder, sie hätten doch so schöne Zeiten gehabt. Aber Simon wirft ihr nur vor, sich in die Familie eingeschlichen zu haben – schrecklich für das Mädchen. Glücklicherweise geht alles gut für Jenna aus – aber sie ist traurig, den tollen großen Bruder verloren zu haben.

Eine Prinzessin auf Rettungsmission

Kaiserin Sisi als elfjähriges Mädchen mit ihrem Bruder Karl Theodor und Hund Bummerl. Gemälde von Carl Haag. Quelle: Wikimedia Commons

Auch Kaiserin Sisi war einmal ein Kind und hockte elfjährig mit ihrem Bruder Karl Theodor und Hund Bummerl im Gras. Und wie Prinzessin Jenna war sie eher eine Prinzessin fürs Aktive – sie machte täglich Sport, nahm an Jagdritten teil und lernte mit über 40 noch Fechten. Und beide Adligen wollten eigentlch gar nicht so gerne Königin bzw. Kaiserin sein, sondern lieber ganz normale Leute oder zumindest nicht in das enge Korsett der Etikette gezwängt. Im Gegensatz zu Sisi hat Jenna aber keine Probleme mit ihrer Figur und macht sich auch keine Gedanken darüber, dass sie zunehmen könnte. Sisi war übrigens Steinbock und keine Waage …

Im dritten Band (Physik) erscheint plötzlich der Geist einer lang verstorbenen miesen Königin, einer Urahnin Jennas. Eine miesepetrige Dame! Die will ewig leben und hat vor 500 Jahren ihren Alchimisten-Sohn darauf angesetzt, ein entsprechendes Mittel zu kreieren. Sie erscheint Jenna und befiehlt ihr, Septimus zu einer bestimmten Zeit vor einen bestimmten Spiegel zu bringen und dass sie ihn sonst einem (scheinbar) bösen Geist aussetzen werde. Aus Angst macht Jenna, was die Königin will – und muss hilflos zusehen, wie ein paar Arme ihren Bruder in den Spiegel ziehen.

Todunglücklich macht sie sich Vorwürfe, dass sie auf die alte Schabracke gehört hat und aus Angst ihren Bruder in Gefahr gebracht hat. Die kleine Waage hat aus Angst vor Streit und Zwist und möglichem Unglück etwas gemacht, was einem ihrer Lieben schadet. Mit dieser (vermeintlichen) Schuld kommt sie nur schwer klar. Sie fühlt sich verantwortlich, wobei doch jeder halbwegs vernünftige Mensch sehen kann, dass ein Mädchen von elf, zwölf sich kaum gegen einen furchterregenden Geist zur Wehr setzen kann. Aber so sind sie, die Waagen, auch die jungen.

Um ihr Unheil wieder gut zu machen, setzt Jenna jetzt alles in Bewegung, um Septimus wiederzufinden. Sie spannt den besten Freund des Vermissten ein und auch den Drachen, der Septimus gehört. Aber leider ist die Suche nicht so einfach, da Septimus durch den Spiegel in eine andere Zeit versetzt wurde. In ihren folgenden Taten zeigt sich, dass Jenna in Bezug auf Fürsorge und Hingabe eine waschechte Waage ist – allerdings eine sehr spontane: Als sich eine Möglichkeit ergibt, ebenfalls in die Vergangenheit zu reisen, stürzt sie sich kopfüber und ohne eine Minute nachzudenken da hinein, schließlich gilt es, den Bruder zu retten.

Liebe und Fürsorge über alles

Eine Waage steht zu ihren Freunden und kümmert sich darum, für die Lieben da zu sein. Sie will, dass es allen gut geht und sich alle wohl fühlen. Das ist ehrenwert und immer gut gemeint. Auch Jenna will, dass ihre Familie wieder glücklich und zusammen ist. Dass sich alle mögen. Dafür tut sie eine ganze Menge. Und in ihrer Wahrnehmung sind auch manches Mal andere Schuld, dass sich die Dinge nicht ganz in die richtige Richtung entwickeln. Dass die einzelnen Familienmitglieder ihren eigenen Kopf und ihre eigene Wahrnehmung und Meinung haben, das kann sie manchmal so gar nicht akzeptieren.

Jenna hat dazu die Schwierigkeit, dass sie sich vollkommen waageuntypisch einfach so in Situationen stürzt. Ihr täte es gut, wenn sie öfter einmal ihrer eigentlichen Waagenatur nachginge und nachdenken würde, ob ihre Handlung wirklich sinnvoll ist.

Hätte Jenna sich einmal in Ruhe hingesetzt und darüber sinniert, warum ihr die Urahnin befiehlt, Septimus an einen bestimmten Ort zu bringen, wäre ihr bestimmt schnell klar geworden, dass die alte Ziege nur Böses im Sinn haben konnte. Hätte sie noch ein bisschen mehr nachgedacht, hätte sie auf die Idee kommen können, dass Septimus so oder so gefährdet ist. Und dann hätte sie eventuell Hilfe holen können, indem sie zum Beispiel die Lehrherrin ihres Bruders um Rat fragt. Doch leider stürzt sie sich in ihre Aufgabe, vor lauter Sorge ganz nervös und hibbelig. Und schlägt sich dann die ganze Zeit mit ihren Selbstvorwürfen herum.

Also liebe Waagen: Wenn das nächste Mal einer ungeduldig wird, weil ihr über die Konsequenzen eures Tuns sinniert, erzählt Jennas Geschichte. Auch wenn ihr vielleicht ab und zu ein bisschen spontaner sein könntet, hat gründliches Nachdenken durchaus seine Vorteile.

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Physik – Book Three
Autor Angie Sage
Seiten 544
Ausstattung Taschenbuch
Verlag Bloomsbury
Jahr 2008

Die deutsche Ausgabe hat den Titel „Physic“ und ist als Taschenbuch beim dtv – Reihe Hanser erschienen.


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Bild: © Carl Haag/Wikimedia Commons

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