chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

Löcher – Die Geheimnisse von Green Lake

Giftige Schlangen, noch giftigere Echsen, eine Bande skrupelloser Sklaventreiber und meilenweit nichts als Wüste. Ja, geneigter Leser, die verbrannte Luft riecht nach Western! Tatsächlich finden wir in dem Kinderjugendabenteuerroman von Louis Sachar einige Parallelen zu den großen Klassikern: ein Schatz, eine raffinierte Banditin (genau genommen sogar zwei), ein Haufen Ungerechtigkeit und immer viel zu wenig Wasser. Untypisch für einen klassischen Western ist dagegen die Gruppe von uniformierten Jugendlichen, die aus ihnen unbekannten Gründen angehalten ist, unzählige Löcher in den heißen Sand zu graben. Es handelt sich hierbei um straffällig gewordene Teenager, die in einem „Erziehungscamp“ ihre Strafe abbüßen. Ihre einzige Aufgabe und somit auch der Kern der Erziehungsmethode besteht aus buddeln: Jeder ein Loch jeden Tag! Hinter so einer bekloppten Idee kann sich eigentlich nur ein genialer Plan verbergen. Autor Sachar hatte nicht nur den, es gelingt ihm auch, die generationenübergreifende Story spannend und herzerwärmend zu erzählen. Schlicht und ergreifend ein Buch, das, um Schriftsteller Wolfgang Herrndorf zu zitieren: „ich nicht aufblättern kann, ohne sofort das ganze Buch zu lesen.“

Stanley Yelnats ist ein Unglückswurm, durch und durch. Man kennt ja diese bedauernswerten Geschöpfe, denen nichts, aber auch gar nichts gelingt. Das einzige, was die traurigen Wesen zu Hauf und ohne große Anstrengung ernten, ist Mitleid. Zumindest solange ihnen ihr Pech nicht als bosheitsvolle Absicht ausgelegt wird. Doch genau das passiert Stanley: Völlig unschuldig wird ihm ein blöder Zufall (der ihm zunächst als Glücksfall erschien) als finsteres Verbrechen vorgeworfen.

Unglück mit Tradition

Ihn wundert es wenig: Die Yelnats sind eine Familie mit langer Tradition des Misserfolgs und der absurden Zufälle, die dem betroffenen Yelnats in jedem Fall zum erheblichen Nachteil gereichen. Alles begann von vielen Generationen mit Stanley, dem ersten, einem ausgemachten Tunichtgut und Schweinedieb (zumindest behauptet das der Großvater des aktuellen Stanley), der sich den Ärger einer alten Zigeunerin zuzog. Diese belastete ihn voller Zorn und Rachegelüste mit einem Fluch: Von diesem Zeitpunkt an sollte das chronische Unglück alle Generationen der Yelnats heimsuchen. Und so geschah es. Unter anderem, als Stanley, dem jüngsten, ein Paar Turnschuhe direkt vom Himmel in den Schoß fielen und er prompt des Diebstahls verdächtigt wurde – nicht nur von ein paar Schuhen, sondern von den Turnschuhen, die einem berühmten Sportler gehörten und zugunsten einen Waisenhauses versteigert werden sollten. Stanley Yelnats wurde also in den Augen der anderen nicht nur zum Dieb, sondern zu einem ganz üblen Schurken, der sich auf Kosten armer, einsamer Kinder bereichert und für den Mitgefühl ein Fremdwort ist. Solche Menschen kommen ohne über Los zu gehen in die Hölle.

Hölle voller Löcher

Oder nach Camp Green Lake. Was der Hölle, wie eingangs beschrieben, ja schon recht nahe kommt. Hitze und die giftigen, gelbgefleckten Eidechsen belehren jeden, der Fluchtgedanken hegt, eines Besseren. Schlechtgelaunte Aufpasser verteilen gerade so viel Wasser, dass es die Jungs von einer täglichen Ohnmacht abhält. Ehe sich Stanley versieht, befindet er sich zusammen mit anderen vermeintlichen Ungustln in dieser Anti-Idylle, erhält eine Uniform und einen Spaten und verbringt jeden verdammten Tag auf die gleiche Art und Weise: Er gräbt unter der brennenden Wüstensonne ein Loch. Die Regeln dabei sind für alle Insassen gleich: Das Loch hat am Ende so breit und so tief zu sein, wie die Schaufel lang ist. Wer damit fertig ist, hat den Rest des Tages frei. Wer beim Graben etwas Ungewöhliches findet, muss es sofort melden. Und bekommt dann ebenfalls frei. Aber wer wann wie und warum welche Belohnungen oder Strafen erhält, entscheidet letztendlich der Boss.

Das Buddeln hat System

Der Boss ist eine unnachgiebige Tyrannin, die mit der ganzen Jugendbuddelei einen Plan verfolgt, den aber außer ihr niemand kennt. Nicht einmal ihre Handlanger, die die Jugendlichen mit Essen und Trinken versorgen (oder nach Belieben auch nicht).

Demzufolge weiß auch niemand, dass dieser Plan unter anderem mit Kissin Kate Barlow zu tun hat, einer legendären Banditin, die vor vielen Jahren die Gegend um Camp Green Lake unsicher gemacht hat. Und noch weniger schwant irgendwem, dass das Schicksal des armen Stanley Yelnats in diese Geschichte verwickelt ist. Ebenso wie das des alten Tunichtguts und Schweinediebes. So kulminiert das, was aus dem Plan der vielen Löcher wird, in einen Höhepunkt, der die Erlebnisse aller Generationen vereint. Sogar die alte Zigeunerin, die die Familie Yelnats erfolgreich in den Ruin geflucht hat, ist nachhaltig am großen Wüstenabenteuer beteiligt.

Yeah!

Das alles könnte wahnsinnig chaotisch und unvollständig erzählt sein, aber das ist es nicht. Tatsächlich gelingt Sachar das kleine Kunststück, zwei und eigentlich sogar noch mehr Handlungsstränge, die am selben Ort zu unterschiedlichen Zeiten spielen, nicht nur erst parallel zu verfolgen, sondern sie beim großen Showdown so cool miteinander zu verknüpfen, dass man innerlich beim Lesen aufspringt und denkt: Na klar! Was zu Beginn spannende und anrührende, dabei aber völlig unterschiedliche Erzählungen waren, wird plötzlich ein großes Ganzes. Und das völlig selbstverständlich, ohne den lästigen Erzählkitt, der an manch einer zusammengeführten Episodengeschichte am Ende haften bleibt. Nein, „Löcher“ weist überhaupt kein Loch auf, alles ist rund und gut und das Ende ist einfach yeah!

Interessiert? Hier die Fakten:

Titel Löcher – Die Geheimnisse von Green Lake
Autor Louis Sachar
Seiten 384
Ausstattung Taschenbuch
Verlag dtv
Jahr 2013

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